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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 48 (1865) · p. Seite 191

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
48 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 191 (sequence 3)
Language
German
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191 Verhältnissen vor den Seinigen zu erscheinen. So langte er in seiner Vaterstadt an, und empfand reichlich all« die «igenrhümltchen, theii» beglückenden, theils wehmüthigen Gefühle, die durch die Seele dessen gehen, welcher auweiter Ferne und nach langer Abwesenheit den Boden deengen Kreises wieder betritt, in welchem er di« Tage der Kindhert und der Jugend mit all dem Freud und Leid verbracht hat. Eingikehrt in einen Gasthof mittleren Ranges, mit einem bescheidenen Stübchen sich begnügend, in einfacher Tracht, die nichts von Reichthum verrieth, erfuhr er bald, daß feine Mutter seit langer Zeit unter dem Rasen schlummere^ daß sein Bruder mit einer zahlreichen Familie gesegnet, in mäßigen Verhältnissen bei anstrengendem Geschäfte lebe, und daß Hännele Mathis in einer benachbarten Stadt noch immer als Magd existire. Er mel, bete sich bei seinem Bruder an; groß war die Ucber» caschung, man schien dem Wiedererstandenen nicht ohne Herzlichtest enrgegenzukommen. Er war die ersten. Tage Gast am Tische seine- Bruder-. Ader die.Uobedeürend, h.ic der Geschenke, die er witbrachte und unter seine Neffen und Nichten vertheilte, riefen schon ein tühlere» Lenehmen hervor. Sein Bruder suchte ihm auf den Zahn zu fühlen, und Levy gab mit scheinbarer Offenheit nur ein' geringe- Vermögen als den Ertrag zwanzigjähriger Thätigkeit an. Er erzählte viel von den Verlusten, die er gehabt und mochte damit nicht lügen; aber er verschwieg die großen Gewinnst«, die er davongetragen. Alsbald bäuchte e- Levy, daß seine Verwandten stiller und kälter gegen ihn wurden; wenn er kam, duldete man ihn, aber kümmerte siä>nicht viel um ihn. Sein Bruder und dessen ältere Söhne waren sehr beschäftigte und fleißige Lesite; sie betrachteten Levy bald als einen Müßiggänger, ünd da er ihrer Aufforderung, ein Geschäft zu ergreifen, noch immer die Entschuldigung de- Abwartens entgegenstellte, fanden sie ihn bald lästig. Die Einladungen zum Tischi blieben au-, die kleinen Zuvorkommenheiten und Dienste hörten auf, und nicht lange währte e-, so mußte sich Levy sagen» daß sein Bruder noch so kalt gegen ihn wäre wie vorher, daß in dem Herzen desselben kein Bewußtsein lebte, wie er frühere Schuld an seinem unglücklichen! Bruder gutzumachen habe, ja ekamen schon sein« Herrschsucht, sein unwirsche- Benehmen, sein Spott und Hohn wider ihn zu Tage. Aehnlichrmußte Levy auch von den übrigen Bewohnern, namentlich seinen Glaubensgenossen erfahren. Anfang» hatte feine Rückkehr größt- Aufsehen gemacht; die Fama bemächtigte sich seiner und dichtete ihm Schätze und Kleinodien an. Alle Hände streckten sich ihm entgegen, die einen, um Gaben zu erhalten, die andern, um Dortheile zu ziehen. Erschien er heim Gottesdienste, so hielt, wie man,zu sagen pflegt, „Klopfen und Blasen" an ihm. Wie schnell verwandelte sich dieaber, aldie Hände sich so leer wie, der schließen mußten, wie sie sich geöffnet hatten, alter einfach« Mann, Nicht» verlangend und Nichtgewährend, junter ihnen wandelte. Man wurde gleichgültig, man wurde kalt gegen ihn; man sah ihn nicht mehr, man kannte ihn nicht wehr; man setzte ihn zurück. Er fand den Ehrenplatz. den man ihm eingeräumt, besetzt, und er mußte im Gotteshaus« fast unter den Almosenempfängern Platz nehmen. Zeder Blick sägte ihm: wenn du weiter nicht» mitzudrii gen hattest al» dich selbst, wozu kehrtest Du-zurück? i evy harrte einig« Zeit au». Er wollte sich erst klar mach, n, ob unter den Vielen nicht ein Einziger wäre, der siä ihm um seinetwillen anschlösse, ihm um seinetwillen Ach ung und Wohlwollen widme. Efand chch Keiner. Al ihm dievöllig de. wußt ward, ergriff ihn «in großer Z srn. Er wußte nicht, baß die Schuld doch auch an ihm selbst läge, baß, wet sich gewöhnt, einsam und düster bur tz da- Leben zu gehen, alle Anziehungskraft verliert, und keine Fäden hak, die andere Menschen zu feiner Verödun, deranziehen und an ihn knüpfen. Wer Nichts giedl. hat auch nicht da- Recht zu verlangen, daß ihm qege> ,n werde. Er fühlte sich einsam und verlassen und glaub e, daß dieda- Vergehen der Menschen um ihn sei.'" > Levy brach daher alle Verbindur g mit seine-Bruder- Hause ab, und von diesem geschah d icht-, um chn zurücknung, die er jetzt nock kärglichen Weise au-^ Zetzt begab er sich Die Strapazen und der Zeit gealtert, und zvführen. Er yiietheke sich die Wol inne hatte, und stattete sie in der in welcher wir sie kennen gelernt, nach der Stadt, in welcher Hänne e weilte. Wk überrascht waren beide, als sie die Veränt crungen wahrnahmen, welche die Zeit an ihnen vollbracht, die Krankheit hatten Levy lange vor Hannele war eine Matrone gewor en, die nicht zu den behäbigsten und liebenswürdigsten geh »rte. Die Leidenschaft der Jugend war längst in ihnen erloschen*,^ aber Levy fühlte, daß er hier keine Wahl habe, daß er hier gurzumachen habe. wie auch di« jetzt beschaffen sei, gegen wellbe er sich in seiner Juiend verschuldet. Ec forderte Hanneleauf, seine Haushaltung zu führen, und da sie müde war, fremden Herre» zu bienen, nahm sie e» bereitwillig an. Levy fuhr fort,-seinen Reichrhu n zu verbergen, un^ dirbewirkte, daß da-Haus seine» Br rders ihm völlig fremd ward, ja die Spannung sich in «ine gewisse gehässige Stimmung wandelte. Alim Lauf« der Zeit doch einige Zeichen seinegroßen Besitztum» bei, Publikum offenbar wurden, da Levy einmal hier und! a auf eine Hypothek eine Summe verlieh, oder irgend ein i ormeilhafee-Geschäft gar zu lockfnd für ihn wurde, suo t« sein Bruder sich ihm wieder zu nähern, und hatte auch hierzu Ursache genug, denn er fing an, in Verle. enbeitrn zu gerathen und seine Umstände verschlimmert«! i sich. Aber Levy wirß Alles zurück. Er lebte «ingez »gen und ertrug geduldig die Widerwärtigkeiten, die ihm Hännele bereitere Mit der Zeit aber entwickelte sich in Krankheit und dehnte sich zu einem langsam dem Tode zufüdrre. Nach wir ihn auf dem Sterbebette. (So ibm her Keim feiner Uebel au-, daihn zehn Jahren fanden Ersetzung folgt.) Talumdische Weisheit. „Hat sich ein Jrrthum eingeschhi (Bab. balh. 21.) Ni^list schwerer der einmal Platz gewonnen, wieder Jeder findet dabei sich selbst» und verholt ihm viel öfter da- Irrige, chen, so bleibt «r." aleinen Jrrthum, auszurotten. Ein ein Gebächrniß wie, . I» die Berichtigung. i

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