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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 32 (1865) · p. Seite 127

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
32 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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und über da«! Wesen de« Protestantismus liest, oder ein Protestant, der über da« Papstthum oder^über die sonsti» gen Institutionen der katholischen Kirche spricht, ist gewöhnlich nicht in der Lage, so odjecliv über diese Materien zu sprechen, wie eben ein Jude. E« wäre übrigen« geradezu lächerlich zu glauben, daß ein jüdischer Professor etwa Proselytenmacherei treiben würde, da bekanntlich da« Judenthum Proseiylenmacherei verpönt, und der Talmud schon dagegen spricht.') Jechiel von Paris**». Die Fabel war im Mittelalter ein fruchtbare« Feld besonder« für die Legendenschreiber, welche in ihrer Eigenschaft al« Geschichtsschreiber und Theologen, die Traditionen überlieferten. Anfänglich mit der Fähigkeit der Erfindung dejabt, haben sie durch da« Wunderbare Menschen inleresflren wollen, denen da« Wunderbare allein wahrscheinlich erschien, und, die Traditionen nach ihren Launen ändernd, haben sie die Geschichte durch die Fabel, und da« Leben berühmter Männer durch die Legende er, letzt. Oeffnet man die „Kette der Tradition" (8ebalcheleth Hakabala) von Gebalja beizJachia, so findet man auf jeder Seite die Bestätigung dessen, wa« wir soeben gesagt. Ich beschränke mich hier aufJechiel von Paris, einen berühmten Lehrer de« Gesetze«, der unter Ludwig IX. blühte. Folgendes liest man in dem gedachten Werte über diesen Rabdinen: „Ich hahe in einem Buche gefunden, daß dieser heilige Rabbiner Jöchiel von Pari« in der praktischen Kabala außerordentlich bewandert war. Er batte in seinem Studierzimmer eine Lampe, welche obne Oel von einem Frei, rag zum andern brannte. Diese Sache, die in der ganzen Stadt bekannt war, kam bi« zu den Ohren de« König« Ludwig. Dieser ließ den Rabbiner fragen, ob da« Gerüchtwahr wäre; der Rabbiner antwortete in ausweichender Weise, theil« um keinen Stolz wegen dieser Thatsache zu zeigen, theil« auch um nicht al« Zauderer zu''gelten. Der König, welcher die Absicht hatte sich in eigner Person zu ihm zu begeben, um selbst die Lampe zu sehen, befragte deshalb sein« Rarhgedec und entschied sich, Mittwoch Abend den geschickten Lehrer de« Gesetze« zu überraschen. Nun bestand damals ein seltsamer Gebrauch: jeden Abend klopften Landstreicher an die Thüren der jüdischen Häuser, um irgend Etwas zu erhalten. Rabbi Jechiel, um nicht belästigt oder in seinen Studien unterbrochen zu werden, legte immer einen verzauberten Nagel neben sich. Sobald die Taugenichtse an seine Thür klopften, drückte er auf den Nagel, und je nachdem der Nagel in den Boden hineingetrieben wurde, versanken diese in die Erde. Al« nun der König an seine Thür klopfte, drückt« der Kabalist sogleich auf den Nagel, und der Fürst versank bi« an den Gürtel in die Erde. Ader der König schlug zum zweiten Mal an die Tbüre, und al« der Rabbiner zum zweite« Mal, auf den Nagel drückte, springt der Nagel zurück. Der Kabalist, ganz erschreckt darüber, rief au«: „— Oer König klopft!" *j Er trifft die« doch nicht gan;-;u. Man wist eine Ge» ichichtsschreibmig, die nicht bloß nicht dagegen, sondern die dafür sicht! Die Redakt. **, Au« ..La France isradlite“ par K. Carmoly Sogleich öffnet« ec die Thüre und, sich vor dem Könige verbeugend, sagte er: „Verzeihung! ich habe euch nicht erkannt." Der König war nicht weniger erschreckt i denn, sowie der Nagel au« der Erde hervorgrschnellt war, war auch er au« dem Grabe hervorgeschleudert worden^ Er fürchtete ebenso wie seine Begleiter, von der Erde qerlchlungen zu werben, und all« Hanen sie dem Rabbiner zugerufen: „— Rette uns!" Dieser führte sie in sein Zimmer, ließ sie neben dem Feuer sich niedexfttzen und bewirthete sie mit Eonfilüren. Sie erholten sich nun wieder. Der Kabalist fragte den König: „Sire, wa« wollten Sie an meiner Thüre t Sie wissen doch, daß ein Geist über meiner Thüre wacht. Wenn ich nicht hinzugekommen wäre, um Sie zu retten, wären Sie vollständig begraben worden." Der König antwortete ihm: „— Genug davon; du hast mich gerettet, ich danke; dir. Ich bin zu dir gekommen, weil ich gehört habe, daß du «in großer Zauderer bist, und zum Beweise dafür besäßest du «me Wunderlampe."! Der Rabbiners erwiderte: ' % — „Ich bin kein Zauderer, Gott behüte! Aber ich! bin bewandert in, der Physik, und ich kenne einige Eigen-; schäften der Narur." 1 Dadet zeigte er ihm seine Lampe, zeigte ihm. daß l weder ein Wunder, noch eine Zauberei dabei im Werke sei, und daß er anstatt de« Oel« einen anderen brennbaren Stoff hineingefüllt habe. Vielleicht, sagt Basnage, welcher in seiner Histoire des Juifs diese Legend« al« eine.historische Thatsache erzählt, war es Phosphor, da« so die ganz« Bevölkerung von Paris in Bewegung setzte. Lud- « wig IX., außer sich vor Bewunderung, führte Jechiel an : seinen Hof und ernannte ihn zu seinem Rath. Von da t an stieg unser Gelehrter an Reichthum und Ehren. Die ' Herren des Hofes wurden neidisch darauf und sagten j zum Könige: ' „ Sire, Ihr Rath verabscheut Sie; er würde keinen Tropfen Wein trinken, der von Eurer königlichen ' Hand berührt worden ist." Der König schwieg darüber; aber eines Tage» dor er ihm ein Glas Wein an. Der RadbiN'er sagte: „—Sire, ich kann jetzt ruckt trinken; aber bevor i<fr die Tafel verlasse, werde ich trinken." Als der Augenblick gekommen war und der König der Sitte gemäß, die Hände wusch, ergriff Jechieb die goldene Schale und trank da« Waffer, das dem Könige zum Waschen gedient hatte, inhe^n er sagte: „— Sire, ich trinke diesessWaffer, da« mir erlaubt ist zu trinken; aber nickt den Wein, der mir dusch meine Religion verboten ist." | ‘ Oer König, entzückt über diese Antwort, liebte unfern Doctor von jetzt an nur noch mehr." Solche und ander« Dinge berichtet man über Jechisi von Pari«. Befragen wir die Geschichte, so weiß diese Nicht« von allem Diesen, giebt uns aber eine Reihe von Thatsachen, die ich hier ssizziren will. Rabbi Jechiel, Sohn Joseph'«, war gegen End« de« 12, Jahrhundert« geboren, wahrscheinlich jedoch nicht in der Hauptstadt, der er seinen Namen verdankt, denn zu dieser Zeit waren die Jsrae-

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