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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 30 (1865) · p. Seite 119

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
30 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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Meer falle. Die Unmöglichkeit einesolchen Laufist ein» doppelte, denn nicht genug, daß da- Tod» Meer tief unter dem Rothen Meer liegt, ist das Arabah-Thal nicht zu dem letzter» geneigt und steigt vielmehr bis zu einem Punkte auf, dessen Meereshöhe nach den Messungen unserer Reisenden 346 Meter beträgt. Jenseits dieser Wasserscheide senkt sich das Thal wieder und mündet in den Akabah» Golf. Hier erreichte die Expedition des Herzogs von Luy» nes ihren Endpunkt. Briefe nach und aus der Heimath. (Neue Folge.) III. Wonach ich begierig bin, bas ist zu erfahren, wie wir diesen Erdball und daS Leben auf ihm dann anfchauen werden, wenn wie denselben verlassen haben werben. Denn wenn wir es so reckt betrachten und aufrickliq sein wollen, sind die Augenblicke, in welchen wir eine wirkliche und vollständige Befriedigung empfinden und nicht Wunsch und Verlangen nach etwas Anderem hegen, sehr selten, und dies selbst solchen Menschen, welche bescheiden in ihren Ansprüchen sind. Am blauen Himmelsgewölbe zieht die goldene Sonne einher — aber sie sendet allzuviel Licht und allzuviel Wärme herab, jenes blendet mich, diese versengt den Boden ui^d seine Bewohner alle, baß wir die Stunden des Tages schmachtend und die der Nacht unruhig verbringen, und sehnsüchtig nach der Zeit auöschauen, wo-die Strahlen der Sonne in ihren, beiden Wirkungen wieder temporirt sein werben. Da gedenken wir der erst feit Kurzem entschwundenen Zeit, wo wir die kält herniederlächelnde Sonne verwünschten, und aus einem langen und harten Winter herguS nach einem Stückche^ „schöner Jahreszeit" uns sehnten. Ader ich wette, wesin erst der Herbst gekommen, werden Telne Stürme und Äegenschauer uns zu abermaligen Wünschen nöthigen und sindie Worte auf die Lippe legen: „Da ist mir ein Frosttog, wo der blaue Himmel über der weißverhüllten Erde steht, viel lieber!" ... Sage nicht, mein Freund, daß ich, um diese Worte niederzuschreiben, nicht erst die Heimath zu verlassen gehabt hätte, sondern daß sie auch zu Haufe aus der Feder fließen konnten. Du wirst sehen, daß sie mir gerade auf der Reise besonders einfallen mußten. Ich sah nämlich hier und fühlte es so ganz durch, wie viel die Menschen jetzt unterwegs sind. Da ergießen sich stündlich die Menschenströme nach und aus den Bahnhöfen, nach und aus den Landungsplätzen der Dampfschiffe, und dies fast schon über der ganzen Erdoberfläche in einem Netze mit zahllosen Maschen; da asseln die Droschken, Fiaker, Omnibusse durch alle Straßen der Städte; die Hotelwachsen wie Pilze aus der l krde, und füllen sich täglich und nächtlich bis zu den D« chstüdchen hinauf; zu ihnen gesellen sich die Heere von ‘ >ensioasbäusern, Hotels garnis und Cham« bres garnieS u. s. w. Kommt man nach einer großen Stadt, so stuthrt es unaufhörlich durch die Straßen von Fremden und inheimischen, als ob alle Erdenföhne auf dm Beinen wäien; hört man auf die Gespräche der Mitreisenden, so ivirbelt es Einem von dem Durch« inander 'aller Völker ut»d Weltgegenden. Nun, da steigt alsbald eine Sehnsucht! nach der trauten Heimath, ein Verlangen nach dem Stillleben in seiner Provinzialstadr, ein Widerwillen an diesen»! wüsten Getreide in uns auf und wir harren ungedul^igder Stunoe, die uns zur Adfah l ruft. Ja, in fcteffn; Menschenstromm kommt eS Ein«,» vor, alS ob dem Menschen die Heimath, der einfache!ebenSberuf, das Gmchmaß der Tage, die trauliche Silke ganz verloren und Älles in das ungeordnete Treiben aufge» gangen sei. Tftir wissen es wohl, jene Zeit des P »ilister« lhnmS und Zopfwesens mit ihsen Beschränkungen, ihrem Pfahlbürgerthum, ihrer Stagnation alles Lebens hatte ihre großen Nachchttl« und UebelstäNbe, und kein Verni nftiger wird sie zurück »eckangen. Aber auch diese außerord ntliche Beweglichkeit, >iese Unruh» und Hast des. Lebens htt ihre bemerkbaren Sc ia tenseiten, und so ist es nicht dlos de ’ Sem* peratur»und Wi kerungswechfel! dieser Erde, sonder» auch daS Culrurlede» der Menschheit, welches immer wieder neue Mängel lerheiführt, die uns zur Be/riedigunc nicht kommen lassen. Dieselbe E scheinung tritt mir nun auch bei d r Beobachtung unser! Glaubensgenossenschaft entgegen. Wer wollte eS nicht «ns eine wahre Gunst deS Geschick. S, als eine segensreiche Wendung der Dinge Ansehen, d. ß alle die hohen Matern und Schwanken gefallen sind, welcher unsre Väter ir den engsten Kreis des Daseins bannten, sie aus der Menschheit ausschieden und'ihnen alles E trebrn und allen Geruß verkümmerten. Und doch, wen» wir im großen Ga»z«sn das Leben und Treiben unsrer Glau«, bensgenossen ü» Der Gegenwart beobachten, erkenn«« wir leicht, baß sie die ihnen gewordene Freiheit mit einem nicht geringen Kau^reise bezahlen, daß sie für den;roßen Gewinn einen unbedeutenden Verlust erleiden maßten, einen Verlust, der sryar seine Grenze noch nicht ecreicht zu. haben scheint.! Wir sehen sie von einem Treibt!» aus und über sich htraus ergriffen, von einem Drangs sich in das allgeme ne! Leben zu stürzen, von einem Verlangen, in diesem empor zu tauchen und sich sichtbar zu mrchen, daß sie hierüde: ulle Innerlichkeit, allen innern Ge > und Anhalt zu tzerl er n drohen. Es macht sich die» in allen Beziehungen geltend. Der religiöse Sinn, das re igiofe Bedürfniß, dal religiöse Pflichtgefühl ist außerord«ntlich abgeschwächt;! ie sittliche Strenge ist der Thrilnahn e an den allgemeinen Lastern gewichen; die häusliche Ei »fachheit hat einen unbegrenzten Luxus Platz gemacht; die ruhige Geltung in der Familie und Gemeinde ha-Hä» mit der Sucht zu glänzen abgesöst; der industrielle ßleiß. Besonnenheit und Sparsamkeit sind in die Hast der Spekulation und i» die Sucht nach Reichthum aufgegaagen. Ich spreche hie allerdings nur ün Allgemeine». Unsre! Väter waren nicht alesammt Tügendhelden und ihre Religiosttät war zu d> irrem Formenwefen und nicht selteik zur Heuchelei gewodm; und ebenso wenig fehlt es der jetzigen Generation an ernsten und würdigen Mitgliedern und tugendreichen Persönlichkeiten. Aber im Allgemeine, ist es doch wahr, was ich gesagt, und bildet die dunklen ' Schattenseiten der großen und raschen Entwickelung, die wir durchgemacht. Es. versteht sich, daß »ir darum, so wenig wie wir zurück können, in die aite Zeit zurück wollen; nicht von uns hinge eS ab,- vorwälits zu kommen

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