Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 27 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
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106 *r v . hakte, als daß seine Frau, die er als Wittwe mit Tochter geheirathet, in unserm Hause als Warterirj dient, da ich geboren worden. 'Aber di« treue Anhan keit dieser guten Leute bildete für uns ein vollqül Motiv, ihre Verwandtschaft gern anzuerkennen. Es für uns und für sie eine Art Fest, bei ihnen einzuketrea. Wie reinlich und sauber waren die kleinen Räumlichkfiten ihrer Wohnung, und vor Allem das Gastzimmer,- in ches 'wir einquarlirt wurden. Es war dies zugleich Pcunkzimmer, denn es standen „die guten Taffen" pmer qelichiges war lweldas auf einer gebodnten Kommode, und Mustkzimmer und Billiotb^k. Da war nämlich ein uraltes Spinet (Klavier), zrün' angestcichen, dessen Klänge einer alten verstimmten Harfe, an der die Halste der Saiten zerrissen, auf ein )aar glichen; da standen auf einem Brette neben einigen hebräischen Büchern einige Schriften Mendelssohns und Zellen's Fabeln. Und wie rein Auge in dieser Wobi unq jemals eine Spinne mit ihrem Gewebe gewahrt hält, so vernahm auch kein Obr ein Wort des Unfriedens, «men Laut der Zwietracht. Es waltete eine Ruhe, »ine Liebe, ein Wohlwollen darin, die Einem, wenn man die teil? Treppe Hinaufstieg, gleichsam entaegendufteten. und q eiche Gefühle im Herzen weckten. O, es wohnt doch viel Schöne- und Gutes auf diesem Erdboden, aber unbec chtet von den Zeitgenossen, und schwindet dann spurlos von ihm hinweg . . . Denn die drei Personen deckt jetzt längs der Rasen, und Niemand nennt ihre Namen noch, und Niemand sucht ihre verfallenen Gräbern auf? . . Sobald nur das herzliche Willkommen vorüber, vur, den für die Wanderer kräftige Speisen bereitet, der Hausherr würzte dieselben mit seinem Gespräche, die Tochter -führte uns auf einen hübschen Spaziergang »m dieSadt, den freilich die Natur selbst mit einigen schönen D<umgruppen angelegt; dann schliefen wir prächtig in den B tten de« Gastzimmers, wurden am Morgen, mit einem guten Frühstück erquickt, und dann schlug die Stunde des Abschiedes wieder. Der gute Mann ließ eS sich aber niemals nehmen, uns bis zum nächsten Kreuzweg zu gelitten, damit wir deS Weges nicht fehlten, den wir do«) so gut kannten wie er selbst. Dann blieb er stehen, wir wanderten fort, und ec flüsterte uns sein öebareci eclia nach. So sehe ich ihn, wie ich zurückblickte, noch »eute stehen, den kleinen, magern Mann mit dem freundliten, halb klugen, halb einfältigen Gesichte, zu dessen b iden Seilen die bünmn grauen Haare schlicht berabhinqen, die Jagdtasche umqehänqt, die ihn niemals verließ, fob» d er zum Slad'tkhore hinausschritt, den Stad in der Hmd; ich sehe ihn noch, da er zum letzten Male s» dastand als mich das Geschick bald darauf aus dieser Gegend und ihn aus diesem Leben führte. . . Der Mann batte immer sein Gefallen an uns. »enn er fand ein williges Obr, um sein bischen Gelehrsa! akelt und seine' kleine Gedankenwelt auSzulegen. In seinen einfachen Glauben an das alte Judentbum hatten sich e nkqe Geistesfunken der neueren Welt verirrt, die nun fr ilich ein sonderbares Gemisch bervorgebracht, in welchem ohne Streit und Zweifel doch sehr Fremdartiges neben einander lag. „Mendelssohn, sagte er zu uns, war ein N turr menfch." Darunter verstand er einen Denker, der noch Andereaussagte, als gerade in Bibel und Talmud lebt. Aber so heilig und unantastbar ihm diese waren, so »alle er doch auch einen großen Respekt vor solch einem „Naturmenschen," und wiederholte gern die wenigen Sentenzen, die er von ihm behalten. Wir waren weit davon entfernt, ihm irgendwie entgegen zu treten, sondern kramten nur unsrerseits unser junges Wissen und Denken aus. und er horte wiederum edLnso aufmerksam zu. Es war ein frred, sicher Austausch, bei dem Niemand Etwas gab und Niemand Etwas empfing, und Alle mit einander zufrieden waren. Denn es beglückt junge Seelen gar zu sehr, wenn ein älterer Mensch sie anhörr. In der Familie hieß der Mann der Patriarch, aber damit wir es unfern Lesern nur verrathen, wir nannten ihn nicht so, sondern den Petrkarchen, weil er diesen Ehrentitel der Erzväter gerade so aussprach. Und er war nur ein kleiner Mann in der Stadt, so klein diese auch war. Ec war der Kantor und Schächter der kleinen Ju- ' bengemeinde in der kleinen Stadt, und da ihn dieses Amt weder zu nähren noch zu beschäftigen vermochte, denn die meisten Männer der Gemeinde kamen nur zu den Festtagen sämmtlich nach Hause, so daß bann nur Gottesdienst stattfand, so war er nebenbei noch Hasenfellhändler, d. h. er lief bei Förstern und Bauern umher, um die Felle zu erhandeln, verkaufte sie dann einem Zwischenhändler, der sie wieder einem großer« überlieferte, so baß freilich dem untern Gjiede dieser Kette nur ein sehr geringer Gewinn; zufiel. Aber so friedliebend und nachgiebig dieses Männchen namentlich in feinem Hause war. so hielt er doch streng auf seine Ehre, und war darin sehr empfindlich und hartnäckig. So quittirte er zwei Mal in feiner Earriere seinen heiligen Beruf, weil einige Mitglieder der Gemeinde seine Autorität in Ritualsachen angezweifelt. Die Gemeinde gab ihm allerdings immer wieder noch, nicht etwa aus Anhänglichkeit, sondern weil für die armseligen Einkünfte kein anderer Bediensteter sich fand. In der Zwischenzeit führte er jedes Ma! einen Prozeß gegen die Gemeinde, weit sie ihm keine Culkusbeikräge auflegen wollte. Es versteht sich von selbst, daß er sich sehr bitten ließ, aus; dem Jnterregum wieder herauszuschreiten, aber unerbittlich lehnte er jede Vermehrung seines kleinen Gehalte« dabei ab, damit die Leute nicht sagen sollten, diese wäre nur seine Absicht gewesen. Sie mußten sich zuletzt entschließen, ihm i eine unbedingte Autorität einzuräumei^. Und so war denn endlich diese kleine Schattenseite unsres Gastfreundes auch ' die Ursache seines Heimgangs. In ^ürmischer Herbstzeik i befand er sich in einem etwaentfernten Dorfe, und war i gegen Abend bei einem Prediger eingekehrt, bei dem er einige Felle adholen sollte, und der ihn stets wohlwollend! aufnabm. Für so einen Prediger auf einem einsamen Dorfe ist es immer ein angenehmes Begegniß, wenn Jemand aus der Stadt bei ihm einrraf^ cer etwas mehr ist an Geistesbildung als ein gewöhnlicher Dauer, und wäre eS auch nur ein armer Judenkantor und Hafenfellkändler. Da das Wetter abscheulich geworden, lud der Pastor unsren Freund ein, bei ihm zu übernachten. Dieser rhat es sehr gern, denn der Pastor unterhielt sich gar freundlich mit ihm, und sein Aufenthalt kostete diesem nicht-, denn unser Freund führte seine Wegezedrung stets mit sich. Die Unterhaltung begann, und lenkte sich bald auf Glaubenssachen. Da sprach der Prediger seine Verwunderung ' flu«, daß die Juden den Berichten des Neuen Testamentekeinen Glauben deimessen wollten, während diese sich doch