Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 27 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur aZelehrung und Anterhattung aus jüdischem Hebielq. — Heraosgegeben von Rabbiner Dr. Lndwig Philipps»« in Bonn. Mo. 27.1865J Stoa bicfcr Aeiil^rili niikriai (rMferaiilA riac Ttunmn. Pr« de« Jahr» ,aog» » Lhir. Pieneljädna 7 ‘4 Rgr. Alle SaftkaaMmagni, Postämter nab 3«tuas*(|9cbitiea» ntbmea veftestuagea «a. 1 \ [12. Jahrg. 3. Quartal.] Ein Stillleben. Hast Du schon in einem Reisewerke ein Panorama oder eine Rundschau irgend eine« Gebirgszuges vor Dir gehabt? Man überblickt da ein Chaos von Höhen und Kuppen, Spitzen und Hörnern, die «inen über den andern, im Vorder,- Hinter- und Seilengrunde; hier und da findet sich ein See angedeutel, hier und da ein Wald am Rücken eine» sich dahinziehenden Berge-; hier und da meldet uns ein Trümmerfeld von Gestein und Gerölle von einer gewaltigen llederschwemmung oder einem Sturme, in dessen Gefolge mächtige Lawinen in die Tief« stürjten. Erst langsam findet sich das Äuge zurecht und erkennt doch «ine bestimmte Richtung, eine Erhebung und Senkung in diesem Meere von Bergen und Höhen, erkennt die Aehn, lichkeit in der Gestaltung, vermuthet di« Gleichheit des G»st«i»«s und sei»»»- Gefüges, und schließt auf di« Gesetz« de» Lebens, die hier gewaltet. — So erscheint uns unser eigenes Leben, wenn wir in demselben ziemlich vorgerückt, auf di« Vergangenheit zurückdllcken. Der Leser wird sich dieses Gleichmß auch ohne unsre Mithülf« ausdeuten, und, wie er seine eigenen Tage und Erlebnisse am besten kennt, die Anwendung machen. Bei solchem Uederblick tauchen denn auch mancherlei Gestalten wieder herauf, deren Erinnerung in unsrer Seele längst verwischt geschienen. Denn Zweierlei ist dem Menschengeist eigenthümlich. Zuerst, daß alle Eindrücke in der Jugend eine ewige Frische bewahren, eim Dauerhaftigkeit und Bestimmtheit, die wir vergebens für die Gestalten und Begebenheiten der später» Lebenszeit erwünschen. Jahre vergehen, viele Jahre, und Du denkst an solche Vorkommnisse der Kindheit und Jugend nicht, und plötzlich stehen sie wieder vor Dir. wie wenn sie Dir gestern begegnet. Und Tag für Tag denken wir an Dinge der letzten Jahre, und nach kurzer Zeit haben wir sie dennoch vergessen, und sie verschwimmen in Nebel. Und das zweite ist, baß es gar nicht auf die Bedeutung und Wichtigkeit irgend einer Erfahrung ankommt, um auf unsre Seele einen tiefen und bleibenden Eindruck zu machen, und in biefem bewußt <u bleiben. Ecenen, di« uns auf's Tiefste ergriffen, und sicher eine große umgestaltende Kraft auf uns übten, entschwinden unserem Gedächtniß, während andere, ziemlich gleichgültige Gestalten fort und fort an unserm Gebächtniß hängen bleiben, bisweilen nur durch eia zufällige« Wort oder einen eigenthümlichea Zug bavu» geknüpft. Die innere Werk» und Bildungsstätte unsxer Seel, »st eben eine verdeckte und uns selbst verborgene,^ und Anziehung und Abstoßung wirken darin, ohne daß. wir uns beffea bewußt weiden. Wenn wir als Knaben von unsrer Blterstadt nach einer, ungefähr sechs Meile« nrtfernten größeren wondertrn — und Fußwanderungen waren damals eine sehr beliebte Sache, ^»nd eisetzten ziemlich, was jetzt die Turnübungen der Jugend leisten - sollen — so legten wir gewöhnlich die Reise auf dem linken Ufer des großen Stromezurück, der unser engeres Vaterland durchschneidet. Wir thaten dies nicht allein, twil dieses Ufer eine Üppige Landschaft bildet» und reiche Flures und Wälder dm Marsch angenehm machten, sondern auch weil wir hier iil der Mitte unsre- PZeges lauf ein Landstädtchea trafen, in welchem wir einest ssWM^eund besaßen, bet dem wir gui ausgenommen, zu übs^hchten Pflegten. Das Städtchen lag »ine Stunde tsom Strome'entfernt landeinwärts, emkam, in großer Feld »ark, kau» baß eine -ew-dnlich, Landstraße dahin führte. Die Bewohner trieben nichtalf Ackerbau und Viehzucht, und auf den stillen, gra-bewatbsenen Srrsßen trat nur zwei! aal des Tageeine größer« Bewegung ein, in der Frühe, wenn die Hörner der Hirten die verschiedenen Vierfüßler! zusammenriefen, um sie zu einem friedlichen Feldzüge auf > die Weideplätze zu den Thoren hinaus» zufsthren, und nach dem Niedergänge bft Sonne, wenn dieselben, und! zwar.ohne Sang und Klang, heim^hrten. Da öffneten siih die Thüren und Thor, der kleinen Häuser, Menschen undlTbiere zogen ein und au-und bas Brüllen und Grunzen. Traden und Treiben ballte in den Gassen wieder. Nur kurze Zeit- und die Stille trat wieder ein, selten nur durch eine schleifende! Pflugschaar oder einen rasselnden Lastwagen unterbrochen. Und doch war das Städtchen noch von eine, yoheu Stadtmauer uitischlessen, welche ihrerseits von einem tief«», aber trocknen Graden umgehen war; man gelangte nur über Brücken zu den gewölbten Tvoren, die jedoch der schließender Thorflügel ,ntdedr> »n. gelten wohl hatten sich di, n inelal» terliche Einschränkung und di« moderne Freiheit so friedlich geeinigt und ich zu einem gemeinschaftlichen Bestände verbunden. Draußen log auch eia lang»« Gebäude, iki man 'mit demRanten „basSchloß" beehrte, weile» einst! einem längst ausg»«orb,nen Graf,ng,schlechte zur Residenz ge^ bient, nachdejn dessen Stammburg vom Erdboden verschwunden wt»r. Das „Schloß" war aber jetzt nichtweiter als ela gewöhnliches Amtsgur, wo zwar noch Hof gehalten wurde, jedoch lediglich für nutzbares Gethil r. In diesen^, vom Weltverkehr so fern gelegenen Städtchen ' wohnte > unser Gastfreunb. Ec nannte sich unfern Verwandten, I worauf er freilich kemea andern RechtStirel -