Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 26 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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103 Nordens schaffen zu helfen. Fahre hin, noch einige Stun» den, und du bist wohlgeborgea in den durchheizren Aim» mern Deiner Kunden.- Nicht so, mein Leser, du bist nun so geduldig dem Aauderstabe meiner Phantasie durch die Fernen der Erde gefolgt, daß du nichts dagegen hättest, wenn ich dich jetzt vom Noröcap Europas zum Südcap Afrikaversetzten wollte. Ader ich will es auch gar nicht. Zwar auch hier könnt« ich Dir zeigen, wie ein ernster Mann —Du siehst ihm die Gotte-gelahrtheit vom Gesichte ab — in einfacher europäischer Tracht, aber durch einen vollen Bartwuchs von seinen drei Begleitern unterschieden, die Nordseite des Tafelderges ersteigt; zwar ist der Weg bequem genug, aber die südlich« Sonne brennt heiß. Nicht lange, und die Wanderer werden die Höhe des Berges erreicht haben, von wo der Blick auf die Capstadt,.auf den von Schiffen wimmelnden Hafen, die ruhige Bay und das unendliche wogende Me,r für die Beschwerden de- Weges taufend» faltig entschädigt. Doch glaube ich nicht, daß sie hier lange Zeit verweilen werden; denn sie wollen nach einem an der Ostseire de- Bergegelegenen Dorfe, wo ein Z-raelit stc^ niedergelassen und nun verstorben war, und sie. kommen die Leiche abzuholen, um sie auf dem vor Kurzem erworbenen jüdischen Begräbnißplatze vor dem Thore der Cap^adt d<m Schoße der Erde zu übergeben. Von jedem dieser Männer könnte ich dir eine lange, interessante Geschichte erzählen, denn jeder von ihn^r stammt aus einem andern Lande diese- Erdballs und ist durch eine sonderbare Fügung de- Geschickehierher verpflanzt wor» den, der ernste Mann mit dem Dollbart, der erste Rabbiner der jungen Gemeinde in der Capstadt, und jeder seiner Begleiter, und die starre Leiche im einsamen Dorf« am Tafelberg, um welche ein Weib und zwei Kinder weh» klagen, die sich in der fremden Welt ganz verlassen glau» den müßten, wenn sie nicht ihren Gott in der Höhe und die Bruderliebe in den Herzen ihrer Glaubensgenossen kennten, die sie nicht verlassen werden. . . Dock, wie ge» sagt, lieber Leser, dahin bringe ich Dich gar nickt. Sondern, die Sonne ist bereitüber den Rücken des Oceans gefahren, und leuchtet jetzt über einem andern Welttheile, während der Kaukasus, der Eldurs, die Alpen und da- Langfjeld mit den Schatten der Nacht bedeckt sind. Dahin gehen wir, und die Morgensonne bescheint ein ganz anderes Bild. Wir baden die östlichen Staaten der großen Union weit hinter uns gelassen, ihre Städte^ Fabriken, Eisenbahnen und Dampffchiffe auf den großen Strömen, ja selbst die letzten Ansiedelungen der Hinter» wäldler sind uns entschwunden. Weite, unermeßlich weite Prairien dehnen sich vor uns au-, deren Graswüstea über den Wellenhoden nur hie und da ein einsames Gebüsch zeigen. Dann kommen öde Steinfelder, die zu den Füßen eines wilden, zackigen Felsgedirges liegen, der Rocky Mountain-. Welche Beschwerden und Gefahren erwarten hier den Zug der verwegenen Reisenden! Aber den Men» scheu halten keine Schrecken, keine Entbehrungen und Mühsale ab. Hat er rin bestimmtes Ziel und einen Zweck vor Augen, der ihm eine reicht Zukunft verspricht, so zieht er sein« Bahn und wäre sie von tausend Toben umdroht. Ja, die Gefahr selbst hat ihre Reize, und wenn das Herz einen Augenblick bang pocht vor dem Dräuen derselben, schwillt es um so höher an, wmn sie da ist und besiegt sein will . . Heute I sehen wir hier eine ungeheure Bieheerde durch die Grasseppen, die Steinfelder und die fast ungangbaren Rocky Mountains ziehen. Zahlreiche Wächter auf flüchtigen Rossen mit Lanze« und Peitschen versehen, di« geladene Bü^se über den Rücken, die Revolvers und Messer im Gürtsi, gallopiren um die Heerde, sie zusammen zu halten und I rascher vorwärts zu treiben. Denn sie ziehen eben fibelr den „Krieg-pfad" eines furchtbaren Jnbianerstammes hinweg; es ist unmöglich, die Spuren eines so gewaltig»« Zuges zu vermischen,x und führt das Geschick einige Miefes Stammes in-die Nähe, so sind sie der Verfolgung i und eines furchtbaren Kampfesicher. Man eilt also vorwärts, um das Gebier der Steintrümmer und das Gebirge baldmöglichst zu erreichen, denn dort ist es leierer, selbst der außerordentlichen Späherkunst der Indianer sich zu entziehen. Ader halt! an der Spitz« des Zuges befinden sich zwei Männner, bock zu Roß, der Estn» ein kräftiger, hochgewachsener Mann mit kühnem Angesichts der Andere schwächlich und untersetzt, aber die Züge der Klugheit, selbst der Schlauheit auf dem Antlitz. Gilt berathen sich einige Augenblicke, bann giebt der Große das Signal, daß alle Wächter sich versammeln, und als dies geschehen, reitet er mit ihnen wohl «in Outzech Mal über den Kriegspfad dessen Länge nack hinüber u,d zurück. Die Indianer ^sollen durch die groß« Meng« :>«r Hufspuren über die Zahl der Reiter getäuscht werden. Dana eilen sie weiter, und alfl sie die Grenze der Sttinfelder erreicht haben, wo die Füße der Thiere' kaum «inen Eindruck machen, brechen sie ihren Weg ab und ziehen nordwärts zum Gebirge hin, während ihr Weg sie südwärts geführt hätte. Ob sie die schlauen Söhne der W^ldniß zu täuschen vermocht haben i Oder ob ein günstige« Geschick Monde vergehen ließ, bevor die Mocasins der Eingeborenen diese Stelle ihres Kriegsplänes betraten? Ich weiß es nicht; aber die beiden Männcr kenne ich, und bei ihrem Anblick fällt mir We^muth der Erinnerung an die entschwundene Kindheit ln die Seele. War ich doch mit den beiden Brüdern in Frmd und Leid vertrauter Jugendgenosse, und wir haben oft genug gemeinsam unsre Kräfte an den Arbeiten, kie in den Faustkämpie» der Schule geübt. Jetzt sind siik verwogene Prairienzügler geworden, welche zu Nutz und Frommen ihrer Äirmenschen und zu ihrem eigenen zwischen dem Osten uni^ Westen der Union die Vermittelung der Erzeugnisse übernehmen, und mit Heldenmuth den feindlichen Elementes und den noch feindlicheren Wilden die kühne Stirn bieten. Nach einiger Zeit werden sie in die Reihen der civilisirllen Welt zurücktreten und die wohlverdienten Früchte ihrer lUnerschrockenheit und Ausdauer -genießen. Ach, euer fcujb Heimgegangener Vater har dessen keine Ahnung gehabt; er wußte Nichts von Prairien undlstocky Mountains; rdir waren klein« Knaben, als wir linker feinem großen 1 Lelcheazugr hergingen,' ihr Beiden gleich hinter der Ba^re, ich weit hinterdrein in der Reih? der Schulkinder, nachdem der Verstorbene kurz vorher zum letzten Male di« Gemeinde avS dem Schatze feines tat» mudischen Wis ens erdaur hatte. — — Doch nun lassen wie die Berge hinter uns: wi^ haben deren genug gesehen. Wir lustwandeln - liebe» auf dem großen Quay am Ufer des stillen Oceans, auf dessen in der Fern« stanzend« Wellen die niedersteigeade Tonne