Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 24 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 3)
- Language
- German
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95 sie rein lassen, das Wetter ist zu schlecht, eS sind doch Menschen." . . . Die Alte öffnete auch die untere Thüre und ließ die Fremden herein, nachdem sie sich den Regen von ihren durchnäßten Kleidern und Hüten abgeschüttelk. Sie traten in das einzige Zimmer des Hauses rin, wo die Alte eine Lampe anzündete und ihnen hölzerne Schemel zum Niedersetzen anbot. Dann holte sie aus einem Schranke eine, Flasche nebst zwei Gläsern, und schenkte diese voll Branntwein, um die von Nässe und Frost durchschauerten Fremden zu erqlrkcken. Diese nahmen es freundlich an und sahen sich verwundert in dem kleinen Gemach um, wo bei offenbarer Armuth doch etwas mehr Reinlichkeit herrschte, als in den Häusern polnischer Dörfer gewöhnlich zu treffen ist. Die alte Frau ging dabei unruhig auf und ad, machte sich bald hier, bald da etwas zu schaffen und beobachtete die Männer mit scharfem Auge. Sie schien' mit sich selbst zu kämpfen, aber als die Fremden die durchnäßten Mäntel abgelegt und dadurch offenbar wurde, daß sie weder Militärs waren, noch überhaupt Waffen bei sich trugen, schien sie ruhiger, vertrauensvoller zu werden. Was half es aber ihr und den Männern, daß sie sie abermals-anredete, und ungefähr bemerkte: „Ich sehe, Ihr seid keine Männer der Gewalt, die aber auch bei einer armen, einsamen alten Wittwe nichts zu holen - hätten. Zhr seid vielleicht gute Reifende, die sich verirrt haben; Ihr könnt die Nacht hier bleiben, aber helfen kann ich Euch nicht." — Die Männer lauschten ihren Worten, ob sie vielleicht Etwas daraus entnehmen könnten, aber es wurde ihnen nichts weiter offenbar, als baß die Alte über dt« Störung besänftigt sei. Sie schüttelten mit den Köpfen, und wußten nicht, was sie beginnen sollten. Da hörte man mit einem Male ein Klopfen an der Thüre, die aus dem Zimmer in eine Kammer ober dergleichen führt«, und eine jugendliche Stimme rief in leisem Tone: „Großmutter, mach doch auf, laß mich herein, eS scheint ja Alles ruhig zu sein." Die Frau besann sich jetzt auch nicht lange, sondern öffnet« die Thür, und ein Hübscher Knabe von ungefähr fünfzehn Jahren, in der'gewöhnlichen Tracht der polnischen Juden, trat ein. Es war rin frisches Gesicht, eingerahmt zu jeder Seite von einer langen, rabenschwarzen Locke. Und siehe da! er näherte sich dem Tische, und redete die Fremden ziemlich geläufig, wenn auch mit fremdartigem Accent in französischer Sprache an. Fast «in Judelruf entfuhr den Lippen der Fremden, als sie diese Klänge vernahmen, und der Knabe erschien ihnen wie ein Engel des Lichts in der dunklen Nacht. Sie theilten ihm schnell ihr Erlebniß mit, das er denn auch der neugierig harrenden Großmutter berichtete. Schnell wurden die Maßregeln besprochen, die zu nehmen waren, und bald eilten die Fremden mit dem Knaben, der eine Laterne trug, nach dem umgestürzten Wagen zurück; der zurückgelassene Diener, die Pferde und die werthvollsten Effekten wurden nach dem Häuschen gebracht, der schnarchende polnische Kutscher seinem Schicksal überlassen. Am Morgen sollte Hülfe aus dem Dorfe geholt werden, um den Wagen so schnell wie möglich zur Weiterfahrt nach Wilna geeignet zu machen. Dies hatte nun feinen regelmäßigen Verlass. Aber, wenn es auch nichts Besonderes hatte, daß eine alte Großmutter mit ihrem Enkel in einem einsamen Häuschen haust, so fragen wir dvch: wie kommt rin Knabe zur Kenntniß der frarzösischen Sprach« in dem entlegenen polnischen Dorfe mitten in den litthauischen Wäldern^. Diese Frage wollen wir jetzt beantworten. Es war viele Ja! »re früher, in den ersten Tagen des Dezembers deS Jahre! 1812, als an die Thüre desselben Häuschens, oder der Hütte, die damals ün seiner Stelle stand, auch um Mit>ernacht heftig geklopft worden; aber damals wurde, als nicht schnell genug geöffnet worden, die Thüre mir Kollenstößen aufgeschlagen. Es waren französische Soldaten, die auf der Flucht aus den-Eisfeldern Rußland«, im jammervollsten Zustande dis hierher gekommen. .Sie drangen in das Haus rin, durchsuchten eS nach allen Lebensrntteln und Kleidungsstücken, die sich darin vorfanden, bei eiteren sich alsbald ein Mahl und verließen dann eiligs die Hütte wieder. Kleinodien und' Gold fanden sie nicht darin, und wenn sie sie gefunden, hätten sie dieselben v elleicht nicht angerührt. Ader einige . Schafpelze und wol ene Röcke waren eine willkommene Beute.' Auch! das S atten wohl die damaligen Bewohner bald verschmerzt. dein sie waren schon die Beschwerden und Gräuel des Krikges gewohnt. Aber was rangen sie denn mit jammernden Herzensgeschrri die Hände den anziehenden Soldaten rach? Warum folgten sie ihnen mit flehenden Geberden, mit herzzerreißenden Klagetönen, bis jene die Waffen gegm sie wandten und-sie mit Kugeln und Bayonnetten be »rohren? Ach, das alte Mütterchen war damals noch eine blühende Frau von ungefähr dreißig Jahren und nri en ihr wehklagte und verfluchte die fremden Frevler ein kräftiger Mann in den besten Jahrrn. Di« ftanzosischen Krüger hatten daS höchste Kleinod dieser armen Leute, ihren inzig^n Sohn von fünfzehn -Jahren, mitgeschleppt, um ihnen als Wegweiser durch die endlosen Wälder bis zur näiisten Grenze zu dienen. Sie hatten— in listiger Weife den Kr aden um den Weg gefragt^unb als dieser in dem Glauben, daß »dadurch um so eher sich entfernen würden, ihnen bereitwillig > ind schnellAuskunft gegeben, ergriffen sie ihn und zwangen ihn, mit ihnen zu gehen,"die geladene Pistole am Kopfe, um ihn bei d »m ersten Zeichen des Berrathes niederzuschießen. Der Knab« hatte, die Thränen in den Augen, beim Weggehen die jammernden Eltern zu beschwichtigen gesucht und ihnen he lig gelobt, wieder zu kommeg, sobald es nur möglich wä e, und in einem oder zwei Tagen würde er gewißlich )eimkehren können. Aber di« Eltern hatten dies nicht geglaubt und die LiebeSworle des Sohnes ihren Jammer nur vermehtt . . . Das Geräusch der Waffen und Schritt der bösen Feinde war verklungen, und das alte Schwaigen der Waldwüste um die Hütte war wieder ringeltet«». Auch die Jammertöne der Mutter und das laute Stöhnen des Vaters waren verstummt. Ader de r Sohn kehrte nicht wieder. Jahre vergingen, dieHoffnung,die von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Mond zu Mond und endlich von Jahr zu Jahr in dem Vater- und Mutterherzen immer wieder erwachte, und die sonderbarsten EntschuldigungSgründe erfand, entschlummerte doch endlich für immer, denn der Sohn kehrte nicht wieder. Und der Mann alterte ui^d starb, mit dem Rufe: „Mein Sohn! Mein Sohn!" lauf den erbleichenden Lippen, und wurde eingerhan zu feigen Vätern, und das Weib blieb einsam zurück, und ihr; Auge ward blöde und ihr Rücken gekrümmt, aber des Sohn kehrte immer nicht wieder . . . Da eines TpgeS, kurz vor dem Peßachfeste, der Lenz