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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 24 (1865) · p. Seite 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
24 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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94 signal« eines Fel-dtrompeters erschallen, oder man fiter in einem jener halbvergessenen Postwagen und fahre im frischen Morgennedel unter dem dämmerigen Geture des Postillons zum Thorr hinaus. , Verlassen wir -einstweilen die Gruppe, die sich allmählich um das alte Sopha und seinen alleinigen Besi^er (im ursprünglichsten Sinn« dieses Wortes) angefammflt har, und sehen wir uns ein wenig näher um nach dscn andern, Insassen und Gästen des Kellerlokale. j In einer vorderen Ecke des Zimmers unter dem Fenster, durch welches der bleiche Schein der gegenüderstedqndcn Straßenlaterne schräge hineinfällt, um sich hier r^it dem cöthlichen Schimmer einer zweifelhaften Stearinkerze zu vermählen, welche die Aufgabe har, diesen Winkelgbschnirr des langgestreckten Zimmers noch besonders zu jec leuchten, haben um mehrere Tische diejenigen Besucher Platz genommen, die den Abend dem bunten Karlengorte weihen wollen. Doch denke hier der Leser bei Leibe nicht an Bauernfänger und Hazardlpiele, an verzwerfeltL bleiche Gesichter uud ausgcplündecte Börsen, wie sic in andern Berliner Kellern häufig genug zu finden sind. Nein, romantisch Zwar, aber unschuldig gemürhlich, wie der ganze Charakter vcs Lokals, sind auch die Kinder-Spiele, die hier cullivirt werden. Die Karren selbst sind nicht die modermit den in der Milte grausam io zwei en Bildern, wo die halben Könige, mir nen französischen Hälften g'eschniq drohenden Scept^n) einander gegenüber stehen und sich immer ansehen ganzes Leben lang. sin steif und starr und unbeweglich ihr sondern es sind gurr altdeutsche Karten^eine finstre, von scharfem Winde und öfteren Regenschauern wo die Figuren noch ganz und voll sind, und die Könige allein dastehen als absolute Herrscher auf ihrem Gebiet, und auch *Beine haben, die noch dazu gewaltig lang sind, so baß sie sich ordentlich bewegen und davon laufen können. Wer je in seiner frühen Jugend die Seinigen mit diesen altväterischen Karten hat spielen sehen, oder selbst bamst gespielt hat, wird gewiß auch nicht jene bunt gedruckten phantastischen Jagdscenen vergessen haben, die sich auf der Unterseite der Augenkarten (von der Sieben bis zur Zehn) vorfinden, und deren urweltliche Menschen- und Thiergestalten die Kinderphantasi« in so hohem Grade anregen. — Die Spiele, die an diesen Tischen gespielt werden, haben fast durchweg einen jüdischen Charakter. Es sind hauptsächlich „Klabberjas" und bas namentlich in Süd-Deutschland in jüdischen Kreisen viel gespielt.' „Franzefuß." Die Benennungen der Kartenblätter bilden ein wunderbares Gemisch von Jüdisch und Deutsch, und ein Nichtkenner dieser Spiele und völlig Fremder in diesen Räumen mag mit staunender Verwunderung Ausrufen der Spieler zuhören wie: „Unter, Ober, Malko, Meilach, Taus, (Malko, Meilacb für Dame und König) oder „Fünfzig mit Belle" und „Derbe" (für Letzteres, welches „Terz" bedeuten soll, hört man nicht selten, auch den urkomischen AuSruf) „Gedärm") -oder wenn er die seltsam gtstalteren Zahlenfiguren sieht, ljene mit Kreide gemalten Dreiecke, Kreise und Striche/ die wie ägyptische Hieroglyphen oder assyrische Keilschrift aussehen und mit denen die Tische der Kranzefußfpieler bedeckt sind. Der Einsatz des Spiels und also auch der Gewinn, ist fast immer ein sehr geringer (oft nur wenige Pfennige betragend),, doch braucht man nur einmal längere Zeit die sorgsam überlegenden, sinnenden Mienen und hie zögernd auswählenben Handbewegungrn jenes Mitspielers aus einer solchen Gruppe zu betrachten, der beim Klabberjas zugleich für den Blinden spielt, um die Gewißheit zu haben, daß diese Spieler gerade so ihre ganze geistige Thatigkeit und Aufmerksamkeit auf den Verlauf und die Durchführung ihres Spieles gerichtet haben, wie wenn sie um Friebrichs'dore spielten. (Schluß folgt.) Um Mitternacht. Gestatten Sie mir, in diesem Sprechsaal für die eigenkhümlichen Angelegenheiten unsrer Glaubensgenossenschaft eine Begebenheit hier so einfach wieder';» erzählen, wie sie mir von guter Hand berichtet worden. Sie macht keinen Anspruch, zu den merkwürdigen zu gehören, die irgend eine Tragweite auf bas Schicksal Vieler gehabt halte, aber sicherlich liegen in ihr einige Züge enthalten, die aus dem geheimnißvollen Borne des Volkslebens und des' Volkscharakters fließen. Vor ungefähr fünfzehn Jahren, als noch keine Eisenbahn Polen und Litkhauen burchschnitt, und nur breite, sandige Landstraßen durch die endlosen Nadelwälder nach Wilna führten, wurde eines Nachts an die Thüre eines Häuschen«, das nicht weit von einem an einer solchen Landstraße gelegenen Dorfe lag, heftig geklopft. Es war durchstürmte Nacht, und die Klopfenden waren ein Herr und sein Diener, deren Wagen von dem betrunkenen polnischen Kutscher in einen Graben geworfen worden, wo er nun mit zerbrochener Deichsel und neben ihm der Kutscher in bewußtlosem Zustande lag, fei eS, daß den Letzteren der Rausch nunmehr, da er sanft im Kothe gebettet war, gänzlich überwältigt hatte oder er von dem Sturze verwundet worden. Die beiden Männer hatten einen andern Diener zur Bewachung zurückgelassen, und die Straße verfolgt, bis sie an das Häuschen gelangten. Ihr Klopfen blieb lange Zeit erfolglos, und schon wollten sie es, so wie ihr Rufen und Schreien aufgeben und ihr Heil weiter versuchen, als ein Geräusch im Hause entstand, das sich der verschlossenen Thüre näherte. Bald wurde auch die obere Hälfte der kleinen Pforte geöffnet und das Haupt eines allen WeibeS bei dem Lichte eines brennenden Kienholzes sichtbar. Theils in polnischer Sprache, theils in jenem verdorbenen Deutsch, das die Juden in Polen und Rußland sprechen, rief ihnen die alte Frau mit kreischender Stimme und sichtbarem Unwillen in den häßlichen, markirlen Zügen zu: „Wer seid Ihr? Was wollt Ihr in der dunklen Nacht in diesem einsamen Haufei Was stört Ihr die Ruhe einer alten Frau?" . . . Sie hatte gut schreien, die Männer verstanden weder ihr Polnisch noch ihr Deutsch, und erhoben ihre bittende Stimme in einer Sprache, welche wiederum dem alten Weibe ein Rathsel war, doch aber in ihren Klängen etwas ihrem Ohre nicht ganz Unbekanntes sein mukte: Das Weib wurde einen Augenblick stiller, und murmelte halblaut: „Was ist das? Sind daS nicht Zerfoßim (Franzosen)? Wo kommen die her? ES ist doch keine Milchomoh (Krieg) wie damals ... ich will

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