Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 24 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 4)
- Language
- German
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hatte bereits feinen ersten grünen Schimmer über die kleinen Garten und Felder de- Dorfes gelegt, und die einsame Frau hatte nach alter Weife ihr HLuSchcn zum Empfang des Festes gesäubert, hielt ein Wagen vor der Lhüre, und alS das Weib erstaunt! über dieseunerhörte Ereigniß hinauSgeeilt, stieg ein staatlicher Mann in der fremdländischen Tracht auS dem Wagen, und hob aus ihm einen schönen Knaben von zwei bidrei Jahren heraus. Wer war^dieS? Der Mann und die alte Frau sahen sich prüfend an, aber daverödete Mutterherz empfand keine Ahnung, bidie bewegte Stimme des Mannes ausrief: „Mutter, Mutter, erkennst Du Deinen Sohn nicht t Wo ist mein Vater V* . . . Wir wagen es nichts die darauf folgende Scene zu beschreiben. Der . Sohn war wieder da, aber wie verändert! Ec hatte seine Mutter in seinen Armen, aber wie verändert! ... Der Knabe hatte die Soldaten gut geleitet, aber hart ' auf ibren Füßen, folgten 'ihnen Kosakenschwärme. jagten \ ihnen selbst bis über die Grenze nach, und machten es so dem Knaben unmöglich wieder zurückzukehren, da er bei ihnen nur den Tod deS DerrätderS zu erwarten gehabt hätte. Auch hatten die Franzosen den anstelligen Jungen so brauchbar zu allen möglichen Diensten gefunden, baß sie ion gar nicht entlassen wollten. Sie nahmen ihn tief in da- Preußenland mit, und da er so fremd und ganz mittellos war, folgte er ihnen willig. Alsie zu einem : ^französischen Depot gelangt, waren, wurde er eingekleidet 'und bei dem Train verwendet. So war er französischer Soldat geworden, machte die folgenden zwei Kriegsjahre mit. deren Ende ihn, mehrfach verwundet, in einem La-; zareth antraf. Geheilt würde er entlassen, und fand sich m Frankreich alein armer, hülflofer Jüngling. Wir wollen die Noch- und Drangsale, die er mir dem Ledpt kämpfend m den nächsten Jahren zu bestehen hat», nicht beschreiben. WaS. ihn aufrecht erhielt, waihn immer wieder vom Rande de- Abgrundes zurückriß, in den er, verzweifelnd an der Zukunfr, sich wehrlos fallen lassen wollte, war der Gedanke an feine Eltern, der Gedanke an das Gelöbniß, zu. ihnen zurückzukehren. Endlich ging auch ihm eine freundlichere Sonne auf. Ein Glaubensgenosse , der ihn in seiner hülflosen sage getroffen, nahm | sich seiner an, verwendete ihn in seinem Geschäfte und gab ihm endlich hie Hand einer seiner Töchter. Ewar kein bemittelter Mann, und sie hatten um da- Nothdürftige bart zu arbeiten. . Aber eiserner Fleiß und die besonnenste; Mäßigkeit dringen doch immer Etwavor sich, undi er fab bereiteiner bessern Zukunft entgegen. Dschenkte ihm seine Frau einen Sohn; aber er mußte dajunge Leben mit dem Tode seine- Weideauslösen. Dies war ein harter Schlag, der nur ein Gefühl zur Folge hatte, den unüberwindlichen Drang sein Gelöbnm endlich zu erfüllen, und, wie eauch komme, zu feine» Eltern zurückzukehren. Noch zwei Jahre arbeitete ^r angestrengt, dann versilberte er alle seine Habe, «anm feinen blühenden Knaben, sagte feinen Schwiegereltern und Frankreich Lebewohl, und kehrte zu der einsamen Hütte am Ende depolnischen Dorfezurück. 1 So war er wieder gekommen. Sein kleines Vermögen war in dem polnischen Dorfe ein stattlicher Besitz, der daS Vaterhaus behäbig machte, und die drei Menschen bei ihren geringen Bedürfnissen ernährte. Er legte die Landestracht feiner Glaubensgenossen wieder an, und verwandt» sein Wissen nur darauf, seinen Knaben zu unterrichten, und mit der Welt da draußen etwas bekannt zu machen. Zehn Jahre gingen in Frieden dahin — da hatten die greife Mutter und der blühende Sohn die bittren Thränen der Trauer am Grabe des Mannes zu weinen, den ein gralsirendeS Nervenfieber dahingerafft hätte. . . Was Wunder also, daß das alte Mütterchen die Fremden, die um Mitternacht an die Thüre ihres Haustklopften, nicht hatte herein und den fünfzehnjährigen Knaben aus der Kammer nicht hatte herauslaffen wollen, und daß dieser Knabe sich so glücklich fühlte, einmal die Sprache seines Vatermit Männern aujenem Lande, welchem er ein so theures Andenken gewidmet, reden zu können? Aricküole. Auf einem Dampfschiffe, das von Californien kam, befanden sich unter den Passagieren ein Jude und ein Irländer. Der letztere war ziemlich gebildet, befand siäi aber eines Tages, nachdem er mehr als gewöhnlich zu sich genommen, im Zustande großer Heiterkeit. Er ging auf mehrere ihm unbekannte Passagiere los und rühmte sich aus den Zügen eines Jeden dessen Ursprung und Nationalität rrrathen zu können. Bei unserem Glaubensgenossen angelangt, sagte er: „Erlauben Sie mir. Sie aus ihrem Gesichte zu erkennen, und versprechen Sie mir, sich nicht zu ärgern?" — „Ohne Zweifel, ja." — „Wohlan so will ich Ihnen sagen woher Sie kommen. Sie, daheißt Ihre Vorfahren, wenn nicht Sie selbst. . . Sie kommen aus Jerusalem." — „Gut," antwortete der Israelit, „so will ich Ihnen sagen, woher Sie kommen. Sie, nicht Ihre Vorfahren, sondern Sie selbst: Sie kommen aus der Trinkstube." (Arcli. isr.) Allgemeine Zeitung btt JudentbumS. No. 23. 186f>. Inhalt: Leitende Artikel: Der Geist des Judentums in seinen Gebeten nacb'^ken verschiedenen Zeitaltern. — Liierarischer Wochenbericht. — Zeitung-nach richten: Deutschland: Dresden , Bon der Leine. Preußen: Berlin, Berlin, Stettin. Oesterrei-- chischer Saiserstaat: Eperies, Aus dem Biharer Comilat, Wien. Jtctlien: AuS OberitÄicn. Amerika: Nerv-Aort. Australien: Wellington. ZES* Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich yA Tbaler verantwort B erlag vor LaumgLrtner'-s Bnchk Scher Redacteur: Dr. H. Lotzr. antlung in Leipzig. — Dr»ck von S. Srevsi ng in Leipzig