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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 22 (1865) · p. Seite 86

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
22 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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30. nach mebrmenattichen Schmachten sich an einer Quelle - labt und wüßte er auch, daß das Löschen des Durstes Gifttrcpfen auf seine Zunge bringt, »o hast Du mein freundlicher Leser einen mangelhaften Begriff von meiner Lage, ich füblte mich wie jener Wanderer an der vergifteten Quelle, ich meinte der Wunsch in meiner Brust .sei die Wurzel meiste- Lebens. ich konnte nicht entsagen. Völlig malt und verzweifelt sank ich an den Stuten der Peterrkirche zusammen, cardlos, was ich am folgenden Morgen beginnen werde. — — — — — — — — — — — Zch wurde Christ. Die Hallen der Kunst standen mir offen. Alles was mir veroccchen, ging auf das genaueste m Erfüllung, man üderbaune m:L mir Auszeichnungen und Unterstützungen, rührte mich in die nobelsten Famriien.. bestürmte mich mit Bestellungen. Sie man bald zu den vorzüglichsten Must.rstuckcn zählte. Meine Talente wurden gerühmt. meine Anlagen allgemein bewundert und meine Kunstwerke von berühmten Meistern als vorzüglich gepricstn. Die Taae brr Glücklichen - entrinnen schnell und schon nach, dreijährigem Aufenthalte in Nom darre ich eine seltene Berühmtheit erlangt und war ebne, daß ich eS abnre, rin welrberüdmrer Künstler geworden. Zn meinem Künstlertaumel darre ich Heimat und Herkuner vergessen, nur •'dun gedachte ick meiner Eltern, die mich mit so seltner und unsäglicher Liehe erzeg»n. noch stlrner der Gespielin meiner- Jugend . .Sie mir '0 zugerdan waren. Gan; anders dachte meine arme Mutter, die mich täglich in ihr Geber schloß und endlich durch nn Schreiben zuerkennen gab. daß mein Vater gestorben und ibr einziger Wumch sei, mich an idr Herz zu drucken. So stör mich einestdeils der unerwartet« Briet meiner Mutter freute, fc ''chmrrzre mich anderntdrils das Bewußt'ern wieder, daß ich ihrer Liebe nicht würdig und gegen idre Zärtlichkeit undankbar gewestn. Meine Zugenderinnerunaen waren mächtig vor mein« Seele aurgestiegen und nichts war mir auf Erden so ldeuer wie meine Mutter, der ich mit inniger Liede anbing. Ich ordnere meine Angelegendeiren in der Tiderstadt und da. ich kur; vor meinem Anlangen in meiner Heimar «inen Brie» an meine Mutter darre adgeben'laffen, >o war mein Kommen Niemanden in meinem Geburtsorts ein Geheimmß mebr und noch bevor ich in bas bescheidene Häuschen meiner Mutter an einem Kreicagnachmirrag einrrar, wußte Jedermann in Üjbelo, daß der derübmrr Zadkünstler angelanar ''ei. Ich und meine Mutier weinten Zreudentbränen des Wreder'ebenS undwaren glücklich, nachdem die ersten Besuche naher.Verwandten vorüber waren, einander einmal wieder ganz anzugedccen.' Mit unaus'prechlicher Freude lauschte die glückliche Mutter memen Werten und lebte ne fri'ch auf, als ne von meinen gefeierten Triumphen im Auslände erfuhr. Doch im Urd'ermaß« des Freukenkclches 'ollre der erste bittere Tropün allzubald mein Gluck trüben. Es war ein dunkler Fleck in meinem Leben, eia Febltritt mit dem ich dinunrergtitt von ker Doraenbabn meiner Väter und hinüber irrte auf den geebneten Weg. der Fremden. Ein Schritt, .der meine Geburt verleugnet« und den ich nicht entschuldigen -konnte vor ker, die mich gebar. Es war die erste Luge, die mir so beiß auf dem Herzen brannte, welche ich meiner Mutter sagen sollte und die mir so unaussprechlich wehe khat. Ein falscher Schwur wurde mir nicht so schwer gefallen sein, wie diese Luge in der ersten Minute unsere- Wiedersehen-. Eia Eingestandniß der Wabrbeit wäre in dem.Herzen meiner Mutter, die eine fromme Frau war, ein Todesstoß gewesen, ich schwieg und wußte nicht waS zu denken, als die Mutter folgendes Geber zu sagen begann: „Sei gepriesen, Gott Zsraels, Herr der Welt, der Du überschüttest mir Deiner huldvollen Gnade die Sehne Israels, segne und beschütze auch fernerhin mein kbeures Kind, wenn es sich im Gebete an Dich wendet. Du aber mein geliebter Sohn vergiß nie, daß alles Gute von Gott kömmt und daß sowohl im Glück, wir im Unglück Über dich wacher der, welcher der Gorc Deiner Däuc war von Geschlecht zu Geschlecht und der welcher der Gott Deiner Enkel sein wird bis rum letzten Sprossen." Wenn die ganze Well mich verflucht hätte, wenn ich verbannt worden wäre aus der menschlichen Gesellschaft, nichts hatte mich so niedergedrückt, als die segnenden Worte meiner Muttert es getban. Ein i-des ihrer Worte war für mich «ine, Folterbank meines Gewissens, ein jedes ihrer Gedere eiste Pein für meinen Körper. Ach wie gern wäre ich öavon gelaufen, wie aerne hätte ich verlassen, wonach ich mich so lange gesehnt. Es war mir als sollte ich zusammenstnkeu und in dreier Stunde für die eine Sünde tausendfach büßen. „Morgen gehen wir in die Schul mein Sohn," sagt» meine Mutier, „es ist Sabdarb, der Gabe behielt für Dich den Mattir, obwohl ein Bräutigam Chiuv ist." Arme Murrer! sollte ich doch aus jeder deiner Worte deine unbegreiflrche Liebe erkennen und ist doch jedes derselben eia Dolchstich für rtuin Herz. Dareinste Wort auf eia unreine- Her; fallend, ist einer brennenden Kohle gleich, die zwar reinigt, aber auch bi« befleckten Körpertbeil« einäi'chert. Zch wußte wohl, daß mein Gang zur Svnagoge und mein Maftirsazen zu den degluckendsten Gedanken meiner Mutter gehörte und daß sie für dir Erfüllung dieser mütterlichen Freude gern einen Theil ihres Lebens bingegeden hätte, doch konnte ich jene Anhöbe besteigen auf welcher meine Väter und Großvater mir Andacht die Worte Gottes änderten? Konnte ich in meiner jetzigen Lage da- Bethhaus betreten, den Sitz einnehmen, welcher als Erbstück von meinem gottüligen Darer hinterblird? Wer weiß, dachte ich bei mir selbst, ob nicht die Nachricht meines Glaubrnswechsels einstens in das Städtchen drjngt, wir man dann nicht meinen Segeasspruch als Derralb und Verspottung der Religion betrachten und nch daaufgebrachte Volk gegen meine Mutter wenden, daß ibr Sohn nicht nur rin Df»scdumed geworden, sondern auch die heilig« Thora beschimpft dabei Mein Zustanwar unerträglich geworben, di« Qualen, die mich seit einigen Augenblicken .folterten, unbeschreiblich. Es war mir als sollte ich Zedermann zuruün: Verfluchet mich den Abtrünnigen, tilget meinen Namen vom Erdball«, verdammt mich zum Tote, steinigt mich, werter mich lebendig auf den Scheiterhaufen; denn dietes alles wird in meiner jetzigen Lage für mich mebr Gnade sein, als die Seelevpein in die mich mein Zusammentreffen mir meiner Mutter gebracht. Zch war noch so viel meiner Meister, um meine Gedanken, meinen krankhaften Schmer; zu unterdrücken; denn obwohl es mir schwer ward ein Gespräch anzutnupfea. 'uchte ich doch mein« innersten Em-

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