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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 21 (1865) · p. Seite 83

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
21 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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— \ 83 — h. Schrift in dft Geschichte de< Thurmbau» von Babel vorgeführt. Di^ Menschen wollen ^ufammendleiden, sich im Lande Schinaer ein Wahrzeichen errichten, um sich nicht von! einander zu verirren, und sieh« da, sie ziehen auSeiüanber, um in allen Tbeilen der Erde neue Heerde zu Igrünben. Wie diese Wanderlust auch in unsrer Zeit bi-weilen zu einer Art epidemischen Fieber» werden könne, haben wir in neuerer Zeit oft genug erlebt, und zwar in t>eU Kreisen, wo die Liebe zur Scholle noch am meisten obiüalter, ln den ländlichen. Und so möchte ich auch die in federn Frühlinge erwachende Reiselust auf diesen Wandertrsib im Menschen zurückführen, der in so weiser Art dem Beharrlichkeitstriebe de» Menschen und' der Liede zur Heima^h gegenübersteht, Triebe, die in ihrer bereinigten Wirksamkeit au» dem Menschengeschlecht« und der Erdoberfläche bat» gemacht, was sie sind. Aber laß mich, Freund, noch eine Betrachtung heute hinzufügen, mij der ich mich während der Fahrt durch eine eintönige Landschaft beschäftigt Hab,. Wenn Jemand auf eine längere Reise gehr, so reißt er sich au» seinen gewohnten Verhältnissen heraus. Er trennt sich von den Seine«, von allen feinen Umgebungen, von allen seinen Gewohnheiten, bon Allem, was für ihn besorgt, beschick«, bereitet wird. Er ist gleichsam in die Gesammrkeir wieder hinauSgestoßen, der Allgemeinheit zuruckgegeben, in die er sich verliert wie «in Atom in die unendliche Sloffmasse; er fühlt sich allein unter so vielen Unbekannten, und alle Räumlichkeiten, die er betritt, sind ihm fremd und nehmen ihn nur auf für Stunden oder Tag«, bann verläßt er sie wieder, und keine Erinnerung an ihn bleibt darin zurück. E» geht gar nicht ander», al< daß er sich hierbei alS einen ganz Andern fühlt. Ader gerade darum ist er auf sich selbst gestellt, apf sich allein angewiesen; er fühlt sein Ich bei Weitem mehr heraus, al» in den gewohnten Verhältnissen; er steht dem ungeheuren Leben, der unermeßlichen Vielheit viel mehr als eine Eingegenüber, al< eine in der Mitte der Seinen. Er beobachtet daher viel schärfer, üdt viel größere Aufmerksamkeit apf Alle» au», als sonst; knüpft viel bestimmtere Beziehungen zu Allem an, worauf er stößt, und stellt besondere Betrachtungen an über Alle», wa» ihm begegnet. Darum wirkt auch eine Reise so wohlthätig und erfrischend auf de^ Geist; die Fühlfäden der Seele werden einmal wieder fiei und weit hinauSgestreckt, während sie zu Hause siill zurückgezogen sind; die Beobachtung»-und UrtdeilSkraft geübt, die Einbildungskraft in Bewegung gesetzt, die geistigen Kräfte überhaupt unter einander qeschültelt, während sie in den gewohnten Kreisen sich allmälig ih Fächer und Schubkästen hineingelegt hatten. Ich fuhr heute wieder jene fostbare Eisendahnstrecke von Aachen nach Lüttich, die ich dir schon einmal de, schrieben, und die läng» de- ArbennerwaldeS durch mehr als zwanzig Tunnel» führt. So wie man au» einem dieser Tunnel» herauStritt, durchschneibet die Bahn ein neue», lieblich^, durch Höhen umschlossenes, bald stille» und heimliches, bald von Menschenwohnungen, Dörfern, Fabriken belebte« Thal, bi» eben Berge und Felsen wieder so nahe zusammentreten, daß der Weg abermals durch bi, Höhen hindurchgedrochen werden mußte. Ich sagte mir: so ist da» Lebest vieler, vielleicht der meisten, vielleicht aller Menschen beschaffen; so wechselt die Stimmung und* da» Geschick de- Menschen im Leben ad. Durch die dunkle Schlucht deS TrübsitmS und!de» Mißgeschicke» immer wieder in ein lichtes i Thal de, Zufriedenheit, der Ruhe^ der Befriedigung, und diese» b,ld in der regen Geschäftigkeit, im kräftigen Walten inb Schaffen de» Leben», bald in einer Stund« der Zurückgezogenheit, de» stillen Lauschen« auf di, Freuden d, l hänSlrchen Glücke» und der Seele in ihrer Einsamkeit mit sich selbst. Ader laß nur die schroffen Felshöhen de« Leben» an einander stoßen — kübn hinvurch — gesprengt und burchgraben was nicht überstiegen werben kann — du knnmst hindurch, die Sonne lächelt dir wieder, und der murm klnde Strom deine» Glücke» fendel dir wieder seinen Silbe blick in die Augen, und ringsum grünet und blühet e< wieder. Und wenn du hier bist unv weilest, vergiß nicht, daß du weiter mußt, baß du, ehe du e» geahnt, wieder vor oenem Hinderniß stehest, da» du überwältigen Mußt, bidu endlich den Punkt erreicht hast, «o eine stöhere Hand dir Halt gebietet . . . Leichenbegängniß des iGroßrabbiners des französischen Ccnlralkovsistoriums der Israeliten, Herrn!S. Ullman». (Nach den Arcli. isr.) Herr Salomon Ullmann, .Äroßradbiner de» Centralkonsistorium», verfisrben am 5. iSRai, wurde Montag dfn 8. Mai, um 10 Uhr Morgen» beerdigt. Schon seit einiger Zeit an einer schweren Brustkrankheit leibend, wuebe er besonders, vor ungefähr zwei Monaten, durch den Verlust sein« Schwester afficirt. Trotz de» Zustande» seiner Gesundheit | unö der Rathschläge einiger Freunde, die sich über die schlimme Einwirkung, die der harte Winker auf ihn gehabt hat, ängstigten, haue Herr Ullmann den Entschluß gefaßt, bei seinem Schwager und den Kindern feister Schwestdri einen Condolenzbesuch zu machen, wa» er Ifür seine Pflicht hielt. Zu diesem Zwecke hatte er sich näch Laulerburg, einer kleinen Gemeinde des' Niederrdein», Wo er vor dreißig Jahren zum ersten Male die Funktionen al« Geistlicher auSgeüdt hatte, al» erster Schüler au» der Central «Äkabbinerfchule von Metz, die 1832 gegründet worden.! Die Erfüllung > dieser Mission' sollte plötzlich feine Lebensbahn beschließen, di« bi» dahia^burch die sorgsame Pflege seiner Gattin verlängert worden. Die Krankheit war dort von Neuem auSgebrochen, und nachdem er seiner weinenden Familie Lebewohl gesagt, er sein Ende geahnc hätte verlangte er — tru wenn zu seiner Tochter zurückzukehren. Der Anfang der Fahrt von Straßdurg nach Pari» war weniger beschwerlich; aber während der zweiten Hälfte, wurde der Kranke so schwach^, daß er, da er seinen Tod nahen fühl««, üaS Schema Und Widvui (da» Sündenbekenntniß der Sterbenden) betete. Man mußte ihn auf den Armen von dem Waggon nach einem Wagen trggen, und kurz darauf von dem Wagen in fein Zimmer, wo er in der Nacht von- Donnerstag auf Freitag den ü. Mai um zwei Uhr de» Morgen» verschied. Die Begräbnißqeremonie fand Montag den 8. Mai um zehner Morgen» stjatt, uater^großem Zulauf von Menschen, \

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