Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 20 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
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79 die ernstesten Symptome einer schrecklichen Schwäche zeig» ren. — Er theüte den Kummer seiner Freunde und freute sich mit'ihrem! Glück«. Zeder gemeinen Eifersucht fern, war er glücklich^ wenn er da- Verdienst Anderer hervor» Heden konnte. Kurz es war ein Eharakter von Muster» Hafter Redlichkeit, und er suchte Allenur durch Arbeit zu erwerben. Zfn dem Wohlstände ist er mäßig und ar» deitsam geblieben, und der Tod überraschte ihn inmitten seiner Studien und Arbeiten; denn niemals sah er seine Aufgabe für vollendet an, sobald noch eine wichtige Sprache übrig blieb, deren Studium er mit Hülfe von Mitac» beitern erleichtern konnte, die zu seinem Nutzen auSzudeuten er weit entfernt war, und die immer fein« Nachsicht und Freigebigkeit zu loden hatten. Er hinterläßt seiner Frau und feinen Kinhern einen unbefleckten Namen; allen Den» jenigen, die ihn gekannt haben, aufrichtige- Bedauern und ein theure» Angedenken. Briese nach und aus der Heimath. Neue Folge.*) I Wir, lieber Freund, die;etzr lebende ältere Generation, die bereit- «in halbe- Jahrhundert und mehr hinter sich haben, wir besitzen einen Doerheil, dessen unsre Kinder schon verlustig gegangen. Wir können unS nämlich noch über viele Dinge wundern, worüber sie sich nicht mehr zu wundern vermögen; eine Menge Dinge erregen in undurch Vergleichnng mit früheren Zuständen immer von Neuem ein lebhafte- Interesse, ich möchte sagen ein An» staunen, daunfern Nachkommen unmöglich ist, weil sie innerhalb der gegenwärtigen Erscheinungen erwachsen sind, und sie gar nichtanderkennen. Die letzten drei bi» vier Jahrzehnde habin so großartige Entdekungen, Erfindungen und Veränderungen mit sich gebracht, di« da- Leben so ganz andergestalteten, daß sie un-, die wir in den frühe» ren Zuständen erwuchsen, aleine völlige Umwälzung er» scheinen, währeftb unsre Nachkommen keine Erfahrung aujener Dergangeriheit haben. Diese Gedanken «erden un» z. B. stetaufstoßen, wenn wir eine längere Reise antreten. Du erinnerst Dich, lieber Freund, noch der Zeit, wo Nichtgewöhnlicher, al» daß man, um sich von einem Orte nach dem Landern zu versetzen, sich am öftesten der eigenen Füße bediente. Du erinnerst Dich jener genuß» reichen Wandruttg, die wir fünfzehnzährige Burschen bi» nach Böhmen hinein unternahmen, und wo wir in drei Wochen ungefähr 70 Meilen zu Fuße zurücklegren. Man verbrauchte damals an Zeit eia große-Quantum mehr, aber an Gelbe weit weniger, und die genügsamen Jünglinge nah, men oft genug mit einem Stück Brode» an einer hell» rieselnden Waldiquelle vorlieb, und waren seeleavergaügt. Dann steht Dir > aber auch da- Bild jener auf ihren hölzernen Axen ruhende« langen Postwagen vor dem Gedächtaiß, da-Bild der groben und faulen Hauderer, dann dader Schnell» und Eil» posten, die endlich dem Dampfrosse wichen, so wie den Schaufel» rädern de- Dampsschiffe» die langsam hingleiteaden Markt» schiffe. Wir werden daher immer daran denken, daß wir jetzt «»nen Weg in so vielen Stunden zurücklegen, wiewiriselbst früher in eben so vielen Tagen. Die Jugend aber weiß enicht ander-. Und wenn wir von irgend einer Höhe über eine weite Ebene blicken, und sie ntch allen Richtungen hin von den trefflichsten Kunststraßen durchschnitten sahen, so müssen tvir der abscheulichen Straßen und Wege gedenken, di« wir in unsrer Jugend zu passiren hatten, und wo man entweder in Schmuverfang oder über einen Steindamm holpern mußte, der höchsteneinem Hypochonder aleine Kur auf Leben und Tod ange» wiesen werden konnte. — Wie oft müssen wir unwundern, wenn wir jetzt di« Grenze irgend eine- Landepassiren, und wir werden nicht nach Paß oder Legi» timatioa gefragt, und kein grober Polizist prüft unnach unseren Signalement und wir warten nicht mit bangem Herzen, ob Allestimmt und in Richtigkeit sei; oder wir fahren jetzt durch ein! Land, wie z. B. Oesterreich, und brauchen nicht mehr auf einer Strecke von etwa 20 Meilen fünf oder sich- Mal den Paß vorzuzelgen und visiren zu lassen, sondern können frei und ungehindert da- Land Ivon einem Ende bi» zum andern durchstreifen; wir wun» dem un- — denn siehe da, die Länder, Städte, Flecken und Dörfer sind dennoch geblieben, und die Staaten, Re», gierungen und Behörden bestehen noch wie vordem und die . Sicherheit de- Leben- und Eigenthumhat nur gewonnen. Wawissen aber unsre Kinder noch von jenen tausendfäl» tigen Plackereien, von jener Aengstlichkeit, mit der man z. B. eine Stunde vor Leipzig bereitseine obrigkeitliche Legitimation zur Hand nahm, Um sie am Thor« gleich vorweisea zu können, um ja nicht zurückgewiesea zu wer» den? — Erinnerst Du Dich^ Freund, alwir al» Schul» knaben von einem Genossen, der mit seinen Eltern in Berlin gewesm, erfuhren, daß man jetzt dort zur Beleuchtung der Straßm Luft (Ga») stattOele- oder Talgebrmne, und wie wir ihn aleinen Lügner und Ausschneidec tkakrirren, biunser Lehrer auf unsre Anklage unda-stlbe bestätigte, die Erklärung unaber schuldig blieb? Jetzt erfahren dieunsre Nachkommen selbst in kleinen Städten, die vor dreißig Jahren mit dem Untergang der Sonn« von den Schatten der Nacht in datiefste Dunkel gehüllt, wur, den. — Doch wozu alle 'dsisi Wunder der Neuzeit her, zählen, bi«, einen so unmeßbüren Einfluß auf da- Leben 'der Menschen und wir können sagen der Menschheit, au-» geübt und immer mehr ausübea, denn gerade ihnen kann selbst die uncivilisirte Welt auf die Dauer nicht wider» stehen, weil sie die materiellsten Interessen betreffen, und darum mehr und schneller wirken, alalle Schläge und Blitze de- Geiste», denen ja doch durch jene ein sicherer Weg eröffnet und Leebnet wird I Freilich, um gerecht zu sein, muß ich zugestehen, daß unsre Kinder sich auch über Manchewundem müssen, worüber wir unnicht wundern können, weil wir rt sehr natürlich und erklärlich finden, und die» gerade für die Beränderungm die w^r erlebt haben und die unden Zusammenhang klar machen. Z. B. auf dem Gebiete der Politik. Unsre Abkömmlinge gerathen in immer neue» Staunm, wenn ihnen eine Zuckung jenegroßen Kampfe» vorkommt, den gegenwärtig alle kontinentalen Staaten zwifchm den absolutistischen Gelüsten und den konstitutiv» nellen Verfassungen durchringen. Sie sind Kinder de» Eonstitutionali-mu-, und hadm dessen Begriff von Kind, *) Siehe den 4. Jahrgang dieser Zeitschrift.