Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 20 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 4)
- Language
- German
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80 heit auf wenigstens theoretisch in sich ausgenommen; wir sind Söhne deS absoluten Staates und habenpraktisch die ganze. Entwickelung durchgemacht. -Unsre Kindheit verfloß noch unter dem Stabe der patriarchalischen Herrschaft, und Du erinnerst Dich, mein Jugendfreund, all der ehrfürchtigen Schauer, die unsre' Kinderherzen durchbebten, wenn em Prinz deS fürstlichen HaufeS in unsrer Vaterstadt Über die Straße schritt, oder der erhebenden Aufregung, wenn ein Solcher der öffentlichen Prüfung beiwohnte, und wir vor ihm unsre auswendig gelernten Verse! heczudeklamiren harten! Da wundern wir uns denn gar j nicht, wenn wir irgend einen, mit den Anschauungen der ' absoluten Macht von der Muttermilch an genährten Herr- ' sch.r trotz der ibm von der Zeit aufgedrängten konstitutionellen Verfassung immer wieder zu ferner alten RegierungSweife zuruckgreifen sehen; wir wundern unS nicht darüber, ' denn seine ganze Natur kann einmal nickt anders fein und mit dem besten Willen vermag er die eingewurzelten Ansichten mit einer anderen Grundfarbe nicht zu übermalen; ja wir wundern uns nicht einmal, daß die Jugend darüber erstaunt und entrüstet ist. Und wir thun dieS nicht, nenn wir jetzt Knaben, die eben ein Jahrzehend zurückgelegr haben, mir ernstem Aplomb über politische Händel sprechen und urtheilen Keren; denn Du triffst sie täglich mit der Zeitung in der Hand, während wir bärtige Jünglinge geworden, eke die Tazesblälter vor unsre Augen gedrungen. Hatte doch bis dahin unsre kleine Haupt- und Residenzstadt noch kein TageSblatt. und allkS politische Wissen drang in ihre Mauern nur vermittels eines BlauchenS von einem Kalben Bogen, das zwei Mal die Woche in einer Prövin;i.^siadt erschien und vermittels eines Fußboten nach unsrer lieben Stadt spedirt wurde, und die Weltbändel nahmen dock nur eine Seite dieses wichtigen Merkurs ein. Solche Expektorationen kommen uns jetzt stets auf einer Eisendahnfahrt; denn, gestehen wir eS offen, eine solche wirb unS trotz der Eile, mit welcher sie unS von einem Orte zum andern schafft, meist langweilig genug, langweiliger als die langsamen Habrren in der Vorzeit, weil diese auSgestarreten, die wechselnden Bilder, an denen wir vorüberzogen. genau und bis in die Derailzüge hinein aufpifassen, anzueigncn. Abdrücke davon in unsrer Erinnerung zurückzubehalten und UrkKeile und Betrachtungen . daran zu knuptzen, Dinge, welche die Eisenbalmfahct nur auf besonders hervorstechenden Punkten, zuläßt. Lesefriichte von Julius Philippson. Das Gebiet deS südamerikauischen ContinentS zwischen den Mündungen deS Amazonenstromes und deS Orinoko bezeicknete man früher mit dem Namen Surinam. Portugltsische Juden, welche in Brasilien unter der Herrschaft der Bcagraja hart bedrückt worden, wanderten um 1640 ebenfalls dahin, an ihre? Spitze David Nasi, und waren unecmundlich thätig, die Sohlen Wälder mit unsäglicher Mühe urbar zu machen. Die Holländer eroberten die Colonie 1667. An dem weiteren Aufblühen der Eolonie hatte der Sohn Davids, Samukl Nasi, einen bedeurenten Ancheil. da überhaupt die jüdische Devölkerung an Colonialgründungen daselbst sich bethätigte. Samuel war der Gründer der Colonie Juden Savanne, die 168s eine prachtvolle Synagoge erhielt. (Dan Sypenstein Beschryjoing van Surinam Gravenhage 1854.) Während im ganzen Mittelalter die Fürsten die Juden als Kammerknechte betrachteten, denen sie von Zeit zu Zeit ihr Hab und Gut abnahmen, und ihnen meistens deshalb nur Schutz gewahrt würbe, ist es demerkenSwerth, baß während der Bauernkriege, die Juden keinerlei MiShandlung erfahren haben. Während noch kurz vor dem Kriege Verfolgungen der Juden auf mehreren Punkten Deutschlands vorgekommen waren, findet sich keine Spur, daß die VelkSleidenschast sich gegen diejenigen gerichtet habe, gegen welche vurch's ganze Mittelalter hindurch die Bauern so oft in unmenschlicher Weise aufgestachelt worben. Da- , gegen fehlte eS nicht an geistlichen Herren, welche die Juden beschuldigten, baß sie den Bauern Beistand leisteten, um , Deutschland zur Republik zu machen. Wenn die Juden auch aus Klugheit zu den Leitern der Bewegung in Beziehung traten, um Habe und Person zu schützen, so war dies ganz . natürlich; allein die Bewegung selbst habensie nicht sckafj fen helfen, so wenig wie Juden und Franzosen 1848 die > Deutschen Aufstände persönlich angeregt haben. Mit den Fuggern und Welfern wollten die Bauern um 1524 theilen, aber nicht mir den Juden, so sehr baö theilen wollen weit herum zur Sprache gebracht wurde! -> Misckllcn. sNothwe-ndigkei t der S t aa t s re ltg i o n.j Die Frage über die Nolhwendigkeit einer SlaatSreligion bewies ' in der letzten Versammlung b,S EeverinuS-VereinS rin Mitglied in folgender Weise, wieder „Berichterstatter" , meldet, kurz und bündig! „Jeder Mensch muß eine Reli-; gion haben, der Staat besteht aus lauter Menschen, also! muß auch der Staat eine Religion haben." Diesen Satz ' illustrirle Redner purch ein Beispiel aus der Naturgeschichte, indem er betonte, daß eine gewisse Anzahl Schafe eine Heerde auSmache. (N. fr. Pc,) Allgemeine Zerrung des Judenrhums. No. 19. 1865. : Inhalt: Leitende Artikel: Die beiden größten Ereig- 1 niffe unsere- Jahrhunderts. — Rönan und Ägypten. — Lirera. rischer Wochenbericht. — j Zeitungsnachrichten- Deutschland: Hamburg. Preuj feen: Srrzeluo. Oesterreichis cher Kaiserstaar: Pest, i Fünftirchrn, Neu-Werbaß. Rußland: Milan. Amerika: San Francisco. Marokko: Tetuan. yy Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich /. Thaler. -Verantwortlicher Redactenr: Dr. 4l. Nager. String »os Bnu«g«irrner's lB»chh<mdt»»- in?eip»ig. — Druck von s Jtccofiag in Leipzig