Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 20 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Rawicz 1× ep/1048078
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biographische Skizze von demselben, die wir hier wiedergeden wollen. Eine exemplarische Redlichkeit, »in ehrlicher und selb» ständiger Eharakrer,, eine unbegrenzte Liebe, Linde»» und Geschwisterliede, Gatten» und Vatersiede, Kreunbesliede, da» waren die seltenen und kostbaren Eigenschaften, welche Heinrich Ollendorff auszeichneten. den ein plötzlicher Tod seiner Familie und seMen Freunden soeben entrissen hat. Ollendorf war in'den ersten Jahren diese» Jahrhun» derl», in der kleinen Stadt Rawicz (Großderzogthum Posen) von sehr wenig wohlhabenden Eltern geboren, für welche er stet» da» Gefühl der kindlichen Pietät, bewahrt hat. Ich erinnere mich noch, wie groß seine Verzweiflung war, al» er die Nachricht von dem Tod« seiner Mutter erhielt; er bekam ein Gehirnfieber, welche» tödtlich zu werden drohte. Ich wachte an seinem Bette und habe, nach Verlauf von dreißig Jahren, die schrecklichen Ausrufe seine» Phantasiren» nicht vergessen. Nie hat er seine Eltern vergessen, und obgleich er wenig zur Frömmigkeit geneigt war, hat er niemals verfehlt, an ihrem Todestage zu fasten. i Im Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren verließ er sein« Vaterstadt, um seiner Familie nicht zur Last zu fallen, und begab sich nach einer kleinen benachbarten Stadt, wo er bas Wenige, das er damals wußte, den Lindern lehrte, welche noch weniger wußten, und verschaffte sich so die Mittel zu einer äußerst bescheidenen Existenz; denn, bei einer Mäßigkeit, welche sich niemals verleugnet hat, wußte er sich alle Entbehrungen aufzuerlegen. Er ging später nach London, wo er in kurzer Zeit die englisch« Sprache so erlernte, bah er sie sehr korrekt sprechen und schreiben konnte; von da aus ging er nach Paris, wo er fast vierzig Jahre seines Lebens zugebracht hat» Ich machte die Bekanntschaft Ollendorff» in Paris 1828; und ich sah bei ihm öfter einen Mann von ziemlichem Alter: „Oie» ist mein Wohlthäter, sagte Ollendorff zu mir, er hat bei mir deutsch« Stunden mehrere Jahr« lang genommen, und zahlte mir zwanzig Franc» den Monat, welche für alle meine Bedürfnisse reichten; Dank ihm, brauchte ich nicht di« Hülfe Anderer in Anspruch zu nehmen und konnte meine Unabhängigkeit bewahren." Die l Lennmiß der englischen Sprache eröffnet« ihm die Häuser mehrerer englischen Familien; er gab dort deutschen Unterricht und seine Lage bessert« sich fühlbar. Von da an beschäftigte ihn ein Gedanke fortwährend, das Studium der lebenden Sprachen zu erleichtern, und es selbst den wenigst begabten Schülern möglich zu machen, sie richtig zu sprechen und zu schreiben. Er wandte in seinen Lexionen die Methode an, welch« er später entwickelt und die ihm «inen europäischen Ruf verschafft hat. Seine Methode, welche sehr praktisch ist und sich nur auf die nothwendigsten grammatikalischen Regeln beschränkt, bestand darin, dah sie von den einfachsten Sätzen, die nur aus dem Subjekt und dem Verb bestanden, ausgiag. Bon da ging sie auf mehr oder weniger zusammengesetzte Sätze über und kam zuletzt auf die komplicirtesten Perioden. Man erlaube uns, hier die Charakrerisirung dieser Methode von dem englischen Capitain BasiMiall, in seinem Werke Schloß * Hainfeld oder ein Winter in Unterstepermark, wiederzugeben; ..Nachdem ich beinah ein Jahr in Deutschland gelebt hatte, nachdem ich unaufhörlich gelesen, geschrieben und ge» sprochea hatte, erfuhr ich zu meinem großen Aerger, daß ich während dieser ganzen Zeit einem fatschen Systeme gefolgt war, und das die Methoden, welch« ich für ausreichend gefunden hatte, um mir «ine gewisse Lenntniß des Französischen und Spanischen in Europa, de» Jndustanischen und Walachischen im Oriente zu erwerben, ganz unanwendbar wurden, als es sich um das schrecklich« Deutsch handelte. Glücklicher Weif« indeß begegnete ich in Paris einem deutschen Professor, einem wahren Philosophen, Herrn Ollendorff. Es wurde ihm nicht schwer, mich zu überzeugen, daß das Deutsche, um gut aufgefaßl zu werden, grade wie die Mathematik angegriffen «erden muß, und daß es weder in dem einen noch in dem andern «ine „Heerstraße" giebt, di« zur Wissenschaft führt. Ich sandte den zehn Monaten, welche ich ganz verloren hatte, einen Seufzer nach, und begann meine Studien von Neuem, geleitet von der Methode des Herrn Ollendorff, welchen man mit Recht den EuclkdeS»der deutschen Sprache nennen kann." Diese wenigen Zeilen machten das Glück Ollendorff». Nachdem er mir einer kleinen Abhandlung über die deutsche Deklination aufgetreten war, veröffentlichte er seine „auf da» Deutsche angewandte Methode," erst in französischer und dann in englischer Sprache. Sie fand eine allgemeine Aufnahme in England und in den englischen Colonieen, und, vor einigen Jahren, wurde sie in das Guzzerati, eine der zahlreichsten indischen Sprachen, übersetzt. Um sie den vorzüglichen Nationen Europazugänglich zu machen, übersetzte m sie oder ließ sie übersetzen ins Italienische, Spanische, Neugriechisch« re. „Eine einzige Sache fehlt mir in England, sagte er eines Tages .zu mir, — die Engländer legen zu viel Werth auf Universitätstitel, und ich besitze keinen. — „Es giebt in Deutschland, antwortete ich ihm, gewisse Universitäten, welche den Verfassern nützlicher Werke den Ehrendoktortitel verleihen. Schicken Sie Ihre Methode an di« Universität von Jena und fragen Sie an,' ob sie diese Gunst wohl verdiene." Seine Anfrage wurde günstig ausgenommen, und so wurde er Doktor der Philosophie durch die Universität Jena. Es gelang Ollendorf, sich eine unabhängige Stellung und einen großen Ruf zu schaffen; es ist nicht da- Pro» bukt eminenter Talente, einer seltenen kommerziellen oder industriellen Begabung sonder« nur bas Resultat unermüb» sicher Arbeiten, um ein Ziel zu erreichen, bas der Autor sich feit feiner ersten Jugend gesteckt hatte. Nichts war gerechter als dieses durch angestrengten Fleiß erworbene Vermögen, welche» er auf die ehrenhafteste Weise verwendete. Er scheute kein Opfer, sobald es sich um die Er» ziehung feiner Linder handelt«; er half sowohl durch seine Unterstützung als durch seine Empfehlung allen Denen, die ihre Zuflucht zu ihm nahmen, und er verpflichtete sich gern Jedermann. So manches Mal in seiner Jugend hat er au dem Bette eines Freundes gewacht; keine Hin» gebung kostete ihm Opfer und man hat ihn nie sich über Jemanden beklagen hören. Ich kann nicht ohne Rührung an die Sorgfalt denken, die er für mich auf einer Reise hatte, welHe wir zusammen nach Deutschland machten, um einen berühmten Augenarzt zu konfultiren, da er an einer leichten Augenentzündung litt und bei mir sich schon