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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 17 (1865) · p. Seite 66

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
17 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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er aber weder seinen Günstling Scherif verlassen noch den Schutz des französischen Ministeriums, seiner einzigen Stütze, verschkrzen wollte. Uebrigens war nach orientalischen Begriffen Allegewahrt; entweder man verliert feinen Kopf, dann ist man schuldig; oder man verliert ihn nicht, daS -ist der deutlichste Beweis für die Unschuld. Zwar hatte sich Herr Munk erboten, sich trotz des Krieges allein nach Damaskus zu begeben, aber er konnte die Erlaubniß nicht dazu erhalten. Bef der Ankunft jener letzten Depesche verringerte sich die Angst der aufgeregten und mehrere Monate lang in Spannung erhaltenen Gemüther, man wußte wenigstens die Köpfe der unglücklichen Derlaumdeten gerettet. Die Veröffentlichung des authentischen Befehles deS DizekonigS antwortete siegreich den Artikeln derjenigen, die als einen Akt der Gnade erscheinen laffen wollten, was doch nur eine Wiederherstellung der ungestraft verletzten Menschlichkeit war. Das Drama entwickelte sich bald im Orient, und ohne der Vorsehung einen unmittelbaren Einfluß auf alle' menschlichen Streitigkeiten zuzuschreiben, können wir doch nicht den Zufall als einzigen Lenker unserer Geschicke gelten lassen. Mehemed-Ali, welcher dem Anstöße und Einflüsse aus Paris die so gerechte und angemessene Forderung der israelitischen Mission opferte, verfehlte um nicklS weniger daS Ziel feiner Wünsche den Besitz Syrien's — alS Herr Thier'S den Zweck feines politischen Ehrgeizes. Mehemed-Ali mußte sich mit dem Vizekönigthume von Aegypten zufrieden geben, und Scherif-Pascha verlor feine Stelle als Befehlshaber von Damaskus. Der Präsident des Ministerrathes in Frankreich, welcher sich daran hatte erinnern sollen, daß die Gerechtigkeit und Menschlichkeit niemals ihre Rechte verlieren, und daß ihre Stimme, die unfern Gewissen mit Sicherheit entspricht, niemals den Rathschlagen der, doch auf das verschiedenartigste beurth.eilten Politik weichen soll: nahm seine Stelle als Abgeordneter wieder ein, ohne Herrn Ratlimentvn beschützen zu können, den man von Damaskus abberufen mußte, wo sein Andenken den gebührenden Lohn erhalten hat. Alle diejenigen, die m-hr oder weniger an dieser unglü^ichen Angelegenheit belheiligt waren, sind zur Genugthuung gegen die Ansprüche der verletzten Gerechtigkeit, gezogen worden, und selten hat man so deutlich die' Strafe dem Verbrechen auf dem Fuße folgen gesehen; denn wenn man beim Beginne irgend eine Ausflucht für die begangenen Zrrlhümer finden konnte, zu denen man durch fal, sche Bericht« oder durch die persönliche Leidenschaft.außerhalb der offiziellen Regionen veranlaßt war, so erschien daS Verbrechen in feiner ganzen Häßlichkeit, als man sich alle erdenkliche Mühe gab, um die Revision deS Verfahrens durch reine'unparleiische und nur durch daS Gefühl der Gerechtigkeit geleitete Hände zu verweigern. Obwohl seitdem fast 25 Jahre verflossen sind, so habe ich die Ueber- ^zeugung, baß man die beiden hier folgenden Briefe nicht ohne Interesse lesen wird und nicht ohne Erkenntniß, auf welch^ Seite daS Gefühl der Gerechtigkeit war. Im Laufe deS^MonatS Oktober 1842 richtet« die Gräfin von Dadresse-de Sur, aus Berry-au-Bac im Departement der AiSne folgenden Brief an Herrn von Rothschild: „Herr Baron, „Seit zwanzig Jahren kennen wir uns schon, Herr Baron, zwar-nicht intim, aber doch hinreichend, daß Sie wissen können, daß ich eine ehrenhafte und grabe Frau bin, und daß hinwiederum ich alle Ihre Gerechtigkeit, Güte und hohe Vernunft schätzen gelernt habe. Ich brauche diese Einleitung, ehe ich dkn brennenden Boden betrete, auf den ich mich stellen will. Herr von Raltimenton ist mein leiblicher Detter und, ich schwöre eS Ihnen, der beste, humanste und gerechteste alter Menschen; er ist auf unwürdige Weise verläumdet worben, als eine schmerzliche Pflicht ihn zwang, in der traurigen Angelegenheit deS Vaters i Thomas einzufchreilen; weit davon entfernt^ mit Eifer — | wie man behauptet hat — die Angeklagten zu verfolgen hat mein Cousin vielmehr bei'm Pascha mit Elfer dafür j gewirkt, daß der Prozeß der grausamen Formen ber muselmän- , Nischen Justiz entkleidet werde; und wissen Sie, was man; ihm geantwortet hat? „Herr von Raltimenton, vor Ihrer i Ankunft ist ein Christ, der im Verdacht deS Mordes stand, gerade so bebandelt worden, wie wir diejenigen behandeln, j für die Sie emschreiten; Ihre Reklamationen würden, wenn! Sie dieselben erhoben hätten, ohne Wirkung für Ihre! Glaubensgenossen gewesen fein. Sie müssen also einsehen, daß bei diesen Umständen sie mindestens unnütz sein würden." Was konnte da Herr von Ratlimentvn lhun, und! wie konnte er voraussehen, daß die Lüge und der Haß ein ' Verfahren entstellen würden, das nur die Bethätigung | eiyer schmerzlichen, aber strengen Pflicht war?. , /.Und fühlen Sie nicht im Grunde Ihres Herzens, s Herr Baron, daß Sie selbst wie mein Vetter gehandelt! haben würden, und daß Sie gewünscht hatten, daß die! Urheber des so schrecklichen und unerklärlichen Verbrechens entdeckt und bestraft würben? Man hat mir gesagt, daß ‘ Sie, als die Thatsachen Ihnen richtiger auSeinandergesetzt! worden, sich geweigert hätten, die moralische Verfolgung zu unterstützen, deren Gegenstand Herr von Raltimenton ' war, uno ich habe an diesem Betragen Ihre Liebe für Recht und Gerechtigkeit wieder erkannt. Aber jetzt, da eine neue Nachstellung gegen meinen Vetter geschmiedet i wirb, und da er in seiner Laufbahn bedroht wird, so will; ich Sie bitten, auch ferner wohlwollend sich zu benehmen, j und nicht durch daS Gewicht Ihres Stammes, „dieses j Schwertes des Brennus," die Gefahren einer fo schwierigen { Stellung zu vermehren, die doch nur die Folge einer treuen : Pflichterfüllung iss. WaS ich von allen Seiten über J Herrn von Jamigny höre, laßt mich, trotz meiner Unkenntniß der Einzelheiten, vermuthen, daß Herr von Rattimey- [ ton es für nützlich und nöthig erachtet hat, ihn alS einen Agenten Frankreich'- zu deSavouiren, und ich vertraue auf die Rechtfertigung des Konsuls, wenn Sie ihm nicht Unrecht geben. Ich bitte Sie um Verzeihung, Sie so lange mit einer persönlichen Angelegenheit beschäftigt zu haben"rc. Herr von Rothschild antwortete sofort Folgendes: „Frau Gräfin, „Es würde mir schwer genug sein, mich nicht zu erinnern, daß ich seit zwanzig Jahren die Ehre habe, Sie zu kennen und zu schätzen; auch möge die Mittheilung, welche Sie mir die Ehre geben an mich zu richten, eine Wichtigkeit haben, welche sie wolle. Sie haben keine Einleitung nöthig; ein Brief von Ihnen, gnädige Frau, wird von mir stets mit Eifer angenommen werden. Der Brief, den ich in diesen Tagen zu empfangen die Ehre hatte, bietet mir ein um fo größeres Interesse, als er eine Sache

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