Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 15 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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59 Die Juden Europas vor hundert Jahre«. Unter all den Männern, welche sich in früheren Jahr» Hunderten mit den Juden und ihrer Geschichte beschäftigen, giedt e« woh> kaum einen bessern, edlern und vorurkheil«» freiem al- Jo >ann Caspar Ulrich, der Pfarrer zum Krauen» Münster in Zürich. Liest man bloß die Vorrede zu seiner „Sammlung jüdischer Geschichten in der Schweiz", so wird man von dem wahren Mitleid, welche« er den Juden zollt, angenehm derihrt; er betrachtet doch wenigsten« die armen Hebräer al« „unglückliche Leute", al« „Gotte« rheurer Augapfel", al l Menschen, die „ein bessere« Loo« verdient hätten und b^i Weitem nicht so lasterhaft sind, wie die Schudt, Eisenmenger und Andere glauben machen wollten/ Daher ist e« sehr zu bedauern, daß Ulrich den lange Zeit gehegten Plan nicht zur Ausführung brachte, die Geschichte der Juden im Allgemeinen in seiner Weife zu bearbeiten. Biele Jäher har er Material dazu gesammelt und da« Ge»- sammelte „zu seiner eigenen Ergötzlichkeit mir Fleiß eigen» händig zusammen geschrieben". Diese „Sammlungen jüdischer Historien" befinden sich handschrifftlich auf der kanron« Bibliothek zu Aarau, und glaube ich auf! den Dank aller Freunde der jüdischen Ge» schichte rechne^ zu können, wenn ich sie mir dem wesentlich» sten Inhalte, diqser bisher unbekannten und unbenutzten Schätze bekannt mache.! Sind e« auch zuweilen nur unbedeutende Notizen, die!hier geboten werden; so liefert doch da« Ganze einen qllgemeinen Ueberblick üdkl die Lage und Stellung der Juden Europa'« vor hundert Jahren. Wir gehen Ulrich folgend, von Osten au«; Moskau läßt keinen Juden ins Land kommen. Schweden und Livtand hat »benfall« «»ine Juden. ' Dänemark wollte ehemals auch keine Juden haben, nun aber hat ihnen ChristianIV. große Freiheiten im Lande gegeben; sie dürfen sogar Synagogen bauen. In Altona haben sie allezeit einen berühmten Rabbiner, der in großen An» sehen und ein kleiner Papst unter ihnen ist. Er reformirte allezeit viele Locherim tznd Talmidim, Studenten, die dann gewöhn» lich auch Rabbinner werden. Die Geschichte de« unlängst Verstorbenen ly der Welt unter den Juden wohlbekannten Rabbi Jonessen oder Jonathans*) verdient gelesen zu werden. Biel Merkwürdigere« hat man lange Zesr nicht gehabt (*) Von Norwegen ist mir nicht« bekannt. In Churland, ungeachtet e« in Polen, Reußen und Lillhauen von Juden wimmelt, werden doch keine gelitten. Da« Königreich Ungarn war ehedem einer der stärk» sten Sammelplätze diese« Volke«. König Ludwig aber vrr» trieb sie au« ganz Ungarn. Nachdem in folgenden Zelten ein guter Theil von Ungarn an die Ottomanische Pforte gekommrn, so hat zwar der türkisch» Kaiser in seinem An» theil die Juden geduldet, der römisch» Kaiser aber, al« König von Ungarn, wollte sie nicht aufnehmen. Ob Juden in Siebenbürgen zu finden sein, weiß ich nicht. I Ob endlichlJuben in der Wallachei und Moldau, Ulrich schrieb seine Geschichte 1766 und formte also mit Fug und siecht von dem Sevldr. 1764 erfolgten Tode der R. Jonathan Eideschütz als jüngst in Erfahrung gebracht berichten. (*), Ulrich meinte hiermit vermuthlich das in Wolfenbitkel 1752 erschieuene apologetische Werkchen M. Earl Antons. ingleichen S lavoaien. Croatien, so weit e« kaiserlich ist, und Dalmatien, so e« kaiserlich und venerianifch ist, zu finden, davon habe ich ebenfalls keine Nachricht. Betrachten wir nun mehr Frankreich, so ist diese« ein für die Juden wegen de« daran stoßenden Spanien'«, England'«, Holland'«, Deutschland'«, und. Italien'« am bequemsten gelegene« Land. E« sollen schon vor alten Zeiten und wenigstenmit Jullo Casare sich Juden in diesem Reiche niedergelassen haben; dem sei wie ihm wolle, so ist da» gewiß, daß sie sich in Frankreich wol gemästet haben; da« bekam ihnen aber wie den Säuen, die an der Mästung groß und fett geworden. König Philipp, mit dem Beinamen Aogustu«, jagte sie unter den Vorwand eine« heiligen Eifers au« dem gbnzen Königliche, ließ alle ihre Güter einziehen (aber hier lag der Haa» im Pfeffer) und erlaubte ihafn blo« ihr Hau«geräthe zu verkaufen, wozu sich jedoch auch keine Käufer finden wollten, wodurch sie denn in di« kläglichsten Umstände gesetzt wurden und meisten« ganz herunter kamen. Gleichwohl kdm den Köaig. bald wieder auf andere Gedanken, so daß er sie wieder zurück zu rufen befahl. Sie kamen denn >ch in großer Menge zurück; ihre Fxeude aber währte nicht lang», denn al« sie sich vermehrt hatten, und sich wie unft«. Schrift» steiler sagen. von Bosheik qicht zurückhallen ließen, so wur» den sie häufig verbrannt. Unter Carl als er Noch Dauphin und Herzog von der Normandie war, gingen die Klagen wieder an. Nunmehr kommen wir in ein Land, waches von Ju» den nicht nur wimmelt, sondern ganz damit überladen ist, in da« Königreich Polen. E« giedt Juden sowohl ln Groß» al« Kleinpolen, in der Ukraine, Podotten, Reußen und Lirrhauen und zwar in der größreA Menge in allen Städten, Flecken und Dörfern. In der einzigen Provinz. Massonien werden kleine geduldet.! Das Königreich Böhmen hat ebenfalls sehr viel« Juden, deren vornihmster Wohnplatz in Prag, al« de^ Haupstadr diese« Königreich«, ist. Ihre große Meng, ist daraus abzunehmenbaß, al« im Jahre 1713 die Pest in Prag war, 12019 Juden daran starben; vorher harten sich über 10000 au« der Stabt reririrt. Da siw an, nehmen läßt, daß wohl noch 12000 nach der Pest dorr waren, so erstreckt« sich ihre Zahl vor der Pest auf über 30000. (*) Ich will zum Beschluß von Böhmen >pch derjenigen Verfolgung gedenken, welche sich in unseren Tagen (1745) in Prag zugetragen. Da die ungarische sind preußische Armee, nicht lange nach Kaiser Carl VI. Tod, und fast so lange Carl VII. regierte, in Böhmen ihr! Kriegs-Teha» »um aufgeschlagen, und den 27. Seplemdrri 1744 die kö» niglich preußischen und Kaiser Karl VII. Au^ilian Truppen auf erhaltenen königlichen Befehl Prag wieder verließen, hatte die Judenstabt eine große Fatalität auszustehen, zu» mal die ungarischen Völker, al« sie von der Verfolgung der Preußen zurückkamen, in die Judenstckbt emdrangen Thür und Thor aufsjprengten und Alle« rein auSplünderken. Der Tumult dauerte sehr lange und würde!e0 ihnen noch schlimmer ergangen sein, wenn nicht ein königlich,« ungarische« Patentwäreangeschlagenworben.sie in Ruhe und Frieden zu ('; Ueber die Pest in Prag s. Steinschneider. Jewish Literatur, 255.