Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 15 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Ich erhob mich und rappte umher; und als ich über den Mist kam. der mir schwarzen Dornen bedeckt war, kam mir ein Dorn gerade in die Fußsohle, indem ec nach und nach durch b« Sohle meines Stiefels drang. Da fing ich gegen meinen Willen an zu schreien, wie ein kleines Schwein, daman erwürgen will. Änne-Macie. fast im Hemde, stürz» auf mich zu, und nachdem sie die Ursache meine- Geschreis erfahren, nahm sie mich auf ihre schöne Schulter und brachte mich in die Scheune. „Vor Allem, mein Kind, sagte sie zu mir, kernen Lärm, denke an deinen D.uer, den ich so liebe." Dann zündete Anne-Marie erne Blendlaterne an, besichtigte meinen Fuß, zog mir den Dorn heraus und machte mir ein Bett aus Heu und Stroh zurecht. „Schlafe, mein Junge, sagte sie, ich werde deinem Vater sagen, daß du bei uns geblieben bist. Morgen früh mache ich dir eine gute Lasse Kaffee." Diese fast nackte junge Frau, schön unter den schönen, obgleich ibre Arme und ihr Hals von der Sonne gebräunt waren, versetzte mich in einen unbeschreiblichen Zustand. DaS war die erste Frau, welche mir sagte, daß ich ein Mann war. Während sie mir den Dorn aus dem Fuße zog. war ich wie auf Kohlen. Zch wollte auf sie springen, ack! ich wagte es nicht. UeberdieS war sie Katholikin und vech'eirath.'t; folglich ich, Jude, wäre zwei Mal Verbrecher geworden. UeberdieS glaubte ich wie im Traume den rorhen Barr des Zauderers hinter der Verdinbungsrhür zwischen dem Stalle und der Scheune zu sehen. Anne-Marie verließ mich. indem sie mich umarmte. Niemals habe ich Diesen Kuß vergessen. Die ganze Nacht hatte ich kein Auge geschloffen. Als Anne-Marie fort war,' kam mein Schmer; am Fuße wieder. Sie harr» keine Zeit gehabt, mir den Dorn ganz heraus zuziehen. Am andern Morgen um sieben Uhr entwischte ich aus der Scheune von Anne-Marie, und schlug hinkend meinen Weg nach der Krone ein, wo mich mein Vater erwartete. Unterwegs bot mir eine Bäuerin ihre Kuh zu einem mäßigen Preise an, ich kaufte sie und versprach, sie später aufzusuchcn. Ich muß hinzufügen, daß mein Väter und ich «inen unbegrenzten Ecevit in den umgebenden Dörfern hatten. Als ich diese Frau verließ, begegnete mir mein Vater, welcher -au« dem Haufe von Anne-Marie zurück kam. Er war über mein Betragen sehe aufgebracht, und nachdem er mir^ mit Prügel gedroht halte, schwor er, daß >ch nie ein ordentlicher Viehhändler werden würde. Dieser Schwur machte natürlich keinen Eindruck auf mich. Indeß, um ihn zu üderführen, sagte ich zu ibm: — Ich bade indessen heute Morgen schon ein Geschäft gemacht, während du noch schliefest. Ich habe soeben von der alten Grete Fuchs eine Kuh für 60 Francgekauft. Sre wird, wenn sie gekalbt har, was in vierzehn Tagen geschieht, gut 80 wcrrh sein. - — Barmherziger Himmel! rief mein Vater, das ist auch eine Here, die allergefahrlickste auS dem Dorfe. Ich habe niemals «in Geschäft mit ihr machen wollen, nicht für einen Heller! — Genug mit deinen Heren! rief ich auS. Ich weiß, was dabei heraus kommt. — Schweig, Schurke, Galgenstrick, Gottloser! Du glaubst an nichts. Du wirst sehen, was dir mit dieser verdammten Kuh begegnen wird. Immer noch scheltend half mir mein Vater die Kuh nach Haus in unser Dorf zu führen. Ich glaube sie noch zu sehen. Sie hatte gebogene Hörner, einen weißen Fleck auf der Stirn und ellenlange Füße. Da die alte Grete mir einen Strick verweigert harre, halle ich ihre Wasch» leine, die von einem Baume zum andern gespannt war, abgeschnitten, und sie überhäufte uns mit Verwünschungen. — Du wirst sehen, du wirst sehen, sagte mein Vater, immer zu mir. Und wirklich, obgleich nur eine Stunde zwischen Sesenheim und unseren Dorfe liegt, brauchten wir fünf Stunden, um mit diesem verdammten Thiere nach Hause zu kommen, dasich jeden Augenblick hinlegte. „Ich habe ,S dir wohl gesagt, rief mein Vater immer. Ach, du glaubst nicht an Hexen." Kaum angekommen warf die verzauberte Kuh, vierzehn Tage vor dem Termin ein kleines Kalb, so groß wie eia Kaninchen. Dafür wurde ich von dem ganzen Dorfe geneckt. Meine Kuh, bank ihren gebogenen Hörnern, hieß schon die Hexe. Niemand wollte sie. Es war am Tage vor dem Purimfeste. Dieses Fest wird zur Erinnerung an Esther gefeiert, welche unter Ahasverus wunderbarer Weise Israel aus den Klauen von Haman und feiner Frau Seres gerettet l^hat. Es ist das heiterste Fest der Juden. Es dauert nur einen Tag. Oer Tag vorher ist ein Fasttag, weil Esther fastete, ehe sie den entscheidenden Schlag gegen Haman führte. Am ' Abend lieft man in her Synagoge die Geschichte Esther'-. Bei! jeder Stelle, wo von Haman die Rede ist, schlagen die Kinder mir kleinen Hämmern oder klappern mit Schnarren als Musik. Der Jude liebt Kundgebungen. Er har südliche«; Blut in seinen Adern. Am Morg^ des Pucimfestes wird l die Geschichte Esthers noch einmal gelesen; es ist ein Tag I der Lustbarkeit und der Feste. Die Juden machen sich an! diesem Tage Geschenke von Bonbon-, Backwerk, Fleisch,! Wein und Schnaps. Der Talmud sagt, daß am Purim! es Pflicht jedes Juden sei, sich so zu betrinken, daß er den 1 Namen des Mordechai nicht von dem des Haman unrerj scheiden kann. Am Abend gesellt sich bas ganze Dorf >n Banden -nach dem Atter, und machen in allen Häusern die Runde. Uederall giebl es zu trinken und zu essen, so viel - man will. Dieses Jahr fiel Purim an einem Diensttag mir dem Viehmarkte zusammen. Bei Anbruch des TageS! mußten wir die Geschichte Esthers in Hagenau hören, um > gegen ein Uhr wieder im Dorfe zu sein. Um zwei Uhr de« i Morgens stand ich auf. Zwischen meinem Dorfe und E Hagenau liegt ein zwei Stunden langer dichter Wald. ' Um drei Ubr verließen wir da- Dorf. Ich sollte meine ' Hexe und ihr Kalb dorthin führen. Gewöhnlich bindet! man das Kalb an den Schwanz der Kuh, aber es giedt Mütter, welche mir dem Fuße gegen ihre Erstgeburt aus- : schlagen. Dann muß man daS Kalb führen, damit die Mutter ihrem Kinde folgt, und ist das Kind zu schwach. ' so muß man es tragen. Da meine Hex« gegen daS kleine ] Wesen auSgeschlagen hatte, war ich gezwungen, beim Aus-! gang beS Dorfes das Kalb auf meinen Rücken zu nehmen.! In diesem Augenblicke ritt mein Vater mit zwei Freunden! an mir §brbei. Er sah meine Verlegenheit. Die Kuh! hatte sich ^chon drei Mal auf di« Erde gelegt, aber er hielt I nicht einmal an. Er gab dem Pferde die Sporen, indem | er mir zurief: „Ich habe es dir gesagt, daß es eine Hexe ist." (Schluß felgt).