Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 14 (1865) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
14 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4908862-5999392-6026732--2933-4911197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

54 rcobt etwavon Mitleid aussag«». Ohne daher eine Antwort von mir abzuwarten, fuhr er fort: „Ich lese in Ihren Augen, ich weiß, waS Cie denken. Es mag Ihnen dies - ein Zeugniß von meiner höher» göttlichen Natur sein. Eie meinen: eine so klein«, häßliche Gestalt und der Messias; eine so ^nichtssagende, vielleicht abstoßende Aeußerlichkeit und der Messias-aber dies ist eben das Werk Her Vorsehung, damit soll sich meine Erscheinung vor den Augen des Volkebewahrheiten. Die Zeit ist gekommen; noch wenige Tage, und ich werde hinabsteigen auf die Straße, und werde mich dem Volke zeigen, und in Ge- - genwart dessilben werde ich plötzlich in einen großen, schönen Jüngling verwandelt, größer und schöner als Saul vor dem Volke stand, größer und schöner als je auf dieser Erb« gewandelt, od'er ein Pinsel gemalt und ein Meißel geschaffen. Durch diese Verwandlung wird da» Volk überzeugt sein, wird zu meinen Füße» fallen, sich von mir leiten kaffen zum Siege über alle Welt und mich als den König der Erd§ anerkennen. Ja," murmelte er wie in sich hinein, „aus dieser unscheinbaren Schale wird der herrlichste Kern.enthüllt werden, der größte und schönste Jüngling. Wohlan," richtete er. wieder baS Wort an mich, „Sie sind'.dieser Verkündigung gewürdigt, dem höher» Geiste geziemt eS, nicht erst auf äußere Zeichen zu warten, erkennen Sie mich schon heut« an, und Sir sollen der erste meiner Jünger bleiben." Da der kleine Mann alles Dies mit so vieler Ruhe und Würde sprach, fürchtete ick nicht, ihn aufzuregen, und ich sagte daher mit einer Verbeugung: „Mein Herr, die jüdische" Glaudensgenossenschaft wartet nun schon'so viele Jahrhunderte geduldig auf den Messias, daß ich eS vorziehe, noch einige Tage länger zu warten, bis Sie auf die Straße steigen und die geschilderte Verwandlung vor sich gebt. Ich bin ein Mann deS Volkes und bleibe gern unter demselben." „Wie Sie wollen," lautere die Antwort, ebenso ruhig, wenn auch mit dem Tone der Verachtung, Sie sind es, der'dabei zu verlieren hat, und - auf dessen Haupt die Sünde des heiligen Geistes fallt, der sich ihm offenbart har. Israel dar geläugner, und wird läugnen." Auf diese letzte Aeußerung hatte ich einige Sarkasmen für den Mann auf den Lrppen, der seine Gedichte herausgeben will und' in einigen Tagen doch der Messias ist. Aber zur rechten Zeit besann ich mich, ick schwieg, und der kleine Mann zog seines' Weges. Ich sah ihn noch öfter auf den. Straßen, aber er ist noch immer nicht in den großen, schönm Jüngling verwandelt. — Hiermit genug von biesen seldsterlebten Beispielen, wie viel Irrsinn unter und neben uns umherläuft, ohne daß wir «S bemerken. Wer vermag es, denen, die ihnen begegnen, anzüsehen, welche Gedanken ihre innere Wett ert füllen^ weicht Vorstellungen sie beschäftigen, welche fixe Idee sie beherrschen? Solange Sie unschädlich neben uns wandeln, und ihre Meinungen entweder in sich bergen oder doch in keinen Schaden bringenden Tdatlichkeiten äußern, lassenwirsie gewähren und nur die Vertrautesten wissen davon. Plötzlich überrascht uns dann manchmal die. Nachricht, Der oder Jener habe seinen Verstand verlöre», und sei in ein Irrenhaus gekommen. Ader nur selten kommen die Gewitter, ohne daß ihre Annäherung sich durch Anzeichen kund gethan. Allerdings sind mir in der Praxis Fälle vorge- ' kommen, wo durch zweckmäßige- Zureden und anpassende i Behandlung die fixen Ideen wieder zerstreut wurden, na- 1 mentlich in Fällen, wo diese auS zu großer Aengstlichkeit! für den Fortgang des Nahrungsstandes, auS zu peinlicher ' Sorge für ditZukunft hervorgegangen waren. Anhaltende Thä-! tigkeit und die Eröffnung irgend welcher Aussicht brachten die gewünschte Wirkung. Bloße Phrasen oder gar mystif fche Geistesvertiefungen erhöhen das Uebel. Für die vosgeführten Beispiele nehme der Leser die Versicherung, baß sie beinahe diS auf dir Worte völlig wahr sind, und die Dichtung nichts damit zu thun hatte.*) Noch ein Kapitel aus meiner Jugend. Von Alexander Weill. (Fortsetzung.) Keine Mühe ohne Lohn. Dieses Geschäft haste mich emanzipirt. Nicht nur verkaufte ich keine Kuh oder kein; Pferd ohne ein oder zwei Francs Trinkgeld zu bekommen, : sondern auch, trotz meiner fünfzehn Jahre, stand es mir | frei zu kaufen und zu verkaufen nach meinem Willen.! Mein Vater achtete bas Wort seines Sohnes, selbst wenn j sich das Geschäfte von zweifelhaftem Dortheil zeigte. Ich > kann mir diese Gerechtigkeit widerfahren lassen: er batte niemals fein Vertrauen zu bereuen. Ich verstand mich .' auf die Pferde wenigstens ebenso gut wie er, ich war ’ sanfter, menschlicher als er gegen die Tbiere, und ich war j sehr bald vertraut mit den Geheimnissen des bebörnken; Viehes. Was mein Glück betrifft, so sagte man, daß! wenn ich Blei berührte, das Blei sich in Gold verwandelte. : Ich machte die Geschäft« im Galopp, singend, mit zwei : Worte». Niemals belog ich einen Bauer. Wenn mein 1 Vater durch seine' Leredtsamkeit beweisen wollte, daß eine; Kuh fünf Töpfe Milch täglich gäbe, so sah man mich an. Auf die Gefahr hin, mit dem Peitschenstiel geschlagen zu ' werden, sagte ach lachend die Wahrheit. In sehr kurzer j Zeit erfuhr mein Vater durch seinen Sohn, daß, in welchem | Handel es auch sei, die Ehrlichkeit der sicherste Weg ist,; um alle Coakurcenten zu besiegen. Aber je mehr er sich seiner Acquisition rühmte, desto : mehr dachte ich an die Mittel ihm zu ezttschlüpfen. ' Eine« TageS, es war an einem Montag im Februar, \ den Tag vor dem Diehmarkt, der alle Diensttage in Hage- I nau abgehatten wurde, sagt, mir mein Vater als er nach! HauS kehrte: Alexander, ich muß eine schwarze Kuh haben, ' ganz schwarz. Ich kann morgen nicht auf den Markt ' gehen. Geh du hin, und wenn du eine schwarz« Kuh ] ohne weißen Flecken findest, kannst du sie dreist kaufen, zu welchem Preis eS auch fei. Und warum gerade eine schwarze Kuh? fragte ich ihn lachend. ' Ich werde dir dies später sagen. Du verstehst diese Sachen nickt: du bist zu jung. Du wirst eS mir sagen? *) Hier noch fllr diejenigen, welche es intere'sirl,daß unsere Bewertung . die alten Philosophen und Mediziner hätten sSnmulich die Ansicht gehabt, daß die Geistesstörungen ans körperlichen Uebeln entspringen, in der von u n» verfaßlen Dissertation erwiesen ist: Veterum opiniones de inaania. Berol. 1833.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.