Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 14 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur ' Kelehrung und Anlerhattung aus jüdischem HeKtele. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»» in Bonn. Mo. 14. 1865.] Kon vieler Aeitlckrikt erschein» »SchentUch eine Nn»»er. Pretr des Jahr» gavs« r Th». Bieneijthri, 7 i4 R,r. »Ne Dnchtzenvinnnen. PoDL»rer nn» Aeitnn-««rvevitionen nehmen vefteNnn»» an. [12. Jahrjj. 1. Quartal] Etwas über den Irrsinn. ». (Schluß.) Ich harte es geschrieben und übergab das Papier dem Manne. Er schwenkte da- Papier hin und her, um es trocknen zu machen und lächelte dabei üderserlig. 'Die große Narbe auf feiner Stirn schimmerte purpurn, wie von den Strahlen seine- Glückes. „Sie find ein Mann, sagte er dabei, der überall seine Pflicht thut. Dank sage ich Jhnest nicht, ich werde lieber für Ihr Licht sorgen, und aus Ihren Hause soll die Sonne nicht weichen.". Er verbeugte sich und eilte fort. Mir war sehr leicht um- Herz. Als ich Nachmittags «inen Spaziergang macht«, be» gvgo»s» ich tirnm fifömnltii,, der Lochend auf mich xutv**. „Ha, sagte er, har Sie der N. aus H. auch angekrlegtk trotz Ihrer verstellten Schrift, habe ich Ihr« Hand doch erkannt. Au mir kam der Mann, und wollte das Geld zu den Jnsertionsgedühren haben, ich kenne ihn sehr wohl und sein« Brüder sind meine Geschäftsfreunde. Ich übernahm die Besorgung der Annonce zu der Zeitung, und Ihre Handschrift ist bei mir wohl verwahrt. Sie haben sich doch nicht erschrocken - der arme Mann ist eine völlig harmloses Natur. Durch einen Säbelhieb ü§«r die. Stirn in der Schlacht bei Ligny verwundet, wurde er zwar geheilt, erlangte aber seinen gestmden Verstand nicht wieder. Ec rhut Niemanden etwas z« Leide und ist stets glücklich in irgend einer fixen Idee. Seine wohlhabende« Brüder erhalten ihn. »Man laß tihn frei gewähren. Die Annonce wird er in der Aeitutig nicht vermissen, denn morgen hat er Alles vergessen, waer heut« gethaa. Wie er übrigenzum Reisegelde gekommen, weiß ich nicht."- Nicht lange vor meinem Abgänge von M. konnte man in den Straßen öfter einen kleinen sonderbaren Mann bemerken, ver verwachsen, mit langem, schwarzem Haar und großem Barte, auwelchem nur dt« kleinen funkelnden und stets unruhigen Augen und eine geringe Partie der bleichen eingefallenen Wangen blickten, in einen dürftigen, braunen Mantel gehüllt, einherspaziert«, an j«ber Ecke eine Zeit lang mir unterschlagenen Armen stehen blieb, wie um sich de« Vorübergehenden zu zeigen, und diesen, besonders den Damen, freundlich zulächelte. Da das Männchen sonst ganz harmlos war, bekümmerte man sich in der veikehrrrichen Stadt nicht weiter um ihn, sondern warf ea pusant «inen Blick auf ihn. Derseibige Mann erschien nun einst d«i mir, und stellte sich gravitätisch vor mich hin. Er hatte eine Jagdtasche um, in welche seine Rechte gesteckt war. „Mein Herr, sagt« er zu mir, ich komm« in zwei Angelegenheiten zu Ihnen. Die eine ist," und dabei zog er »in zum Erschrecken dickes Manuskript aus der Jagdtasche, „Sie sollen meine Gedichte herausgeden." „Ei, mein Herr, antwortete ich, ©i«l find im Irr» thume. ich bin kein Buchhändler." „Das weiß ich sehr wohl, aber sicherlich werden Sie tfn schönes Werk, eine Zierde der deutfchech Literatur, ein «uch, wonach die ganze Welt schmachtet,! fördern helfen, und ihr Name, Ihre Unterstützung wird ^alb zu diesem Ziele führen. Ich «erd, Ihnen das Manufcrjpt einige Tage hier lassxn, und halte mich überzeug^, daß der erst« Blick, den Sie hineinwerfen. Ihnen di« ganz« Herrlich« frff meiner und deren Bedeutung ' für die ganze Menschheit oOnüatnk' werde." Ich habe vor Nichtmehr Rrspect, als vor dickleibigen Manuskripten, so viel Respect, baß ich sie nicht anzurühren wage, wahrscheinlich weil ich schon allzuviel damit heimgesucht worden. Nun kam aber dazu, daß ich bereiteinige Gedichte dieses Mannes in öffentliche» Blättern gelesen, und daher von ihrem Werthe schon gänzlich überzeugt war. Ich erwiderte daher: „Ethut mir wirklich leid, ich habe in diesen Tagen so wenig Muße, daß bas Manuscript sehr lange Zeit bei mir liegen bleiben müßte." „Schon recht, so lange kann ich enicht entbehren," lautete seine ruhige Antwort, und er steckte gelassen das dicke Manuscript wieder in die Jagdtasche. „Diewar die erste nur unbedeutende Angelegenheit. Die zweite dagegen ist von unendlicher Wichtigkeit. Sie find Jude, der Rabbiner der hiesigen Gemeinde, ein Mann, wie ich weiß, von einigem Rufe unter seinen Glaubensgenossen. Sie werden es daher natürlich finden, daß ich zuerst zu Ihnen komme, denn Sie sollen wissen, daß ich — brr Messias bin. — Ja, der lang erwartete, lang ersehnte Messias!*,, Lei diesen Worten hatte der kleine Mann eine sehr würdevolle Stelle eingenommen, den rechten Fuß vorangr» stellt, die rechte Hand auf bie Brust gelegt und den Kopf so hoch erhoben, wie er es eben vermochte. Eigenchümlich dabet war die Ruhe feines Gesichtes, die Ruhe in seinen sonst wirren Augen, die Ruhe im Tone seiner Stimme. Es war, wie wenn tf von dem Inhalt seiner Wort» so üderwi»- dend erfüllt war, so stegesgewiß, und ihn für so selbstverständlich hielt, daß eine leidenschaftliche Erregung dabei von selbst wegfiele. Mein« Augen dagegen hatten sich etwas fest auf die kleine, armselige Gestalt gerichtet, und mochten