Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 13 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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51 bin durch mein Nachdenken bizum Mittelpunkt der Welt vorgebrungen. Don da auhabe ich alleAusstrahlungen verfolgt und die Grenzen de- Weltallerreicht. Bon dieser kehrte ich zum Mittelpunkte zurück und ge« langtewiederaufunferer Erde an. Freilich kostete dieser Weg viele Jahre und unsägliche Anstrengungen. Soviel über meine Methode. Mehr darf ich.Ihnen nicht sagen, sonst würden Sie mein Geheimniß schon wissen und ich zittere vor dem Gedanken, daß mir dier öohn meiner Lebensarbeit durch unsaubere Hände gestohlen werde. Zu einem Fachmann kann ich nicht gehen, denn der würde mich entweder kurz zurückweisen und sagei^, ich solle bei meinem Gewerbe bleiben, oder mich auShorchen und dann für seine Erfindung auSgeben, wa« mein Eigenthum ist. Zu Ihnen habe ich mehr Dertranen, und Sie wissen, daß auch ungelehrte Menschen Große- und Unerhörtefinden können, die Gelehrten aber oft in ihre Dummheit viel zn sehr vernarrt find, um auf etwa- Neuezu hören." Diewar mir etwastark, aber sogleich klar, waich zu thun hätte. Ich sah auf die Blätter in seiner Hand und sagt«: „Dieist Alleganz gut, aber ich muß doch jedenfalls die Sache prüfen, bevor ich an deren Veröffentlichung gehen kann. Ich sehe, sie haben da etwavon Ihren Gedanken niedergeschrieben. Lassen Sie mir die Blätter hier, ich will Sie ducchstudiren und in einigen Tagen Ihnen meine Ansicht, mittheilen. Dabei streckte ich die Hand nach den Blätttrn aus. Mein Mann aber fuhr schnell zurück, und barg seinen Schatz hinter seinen Rücken. Er sah mich mit großen Augen an, welche den Blitz de- Mißtrauenerkennbar schleuderten. Ein Zittem überfuhr seine ganze Gesiatr. „Nun, nein! rief er aufgeregt au-, dageht nicht; soweit 'halten wir noch nicht. Ueberhaupt, bevor wir einen Schritt weitergehen, müssen Sie mir durch Ehrenwort und feierlichen Handschlag geloben, daß Sie kein Wort, da- Sie von mir hören, ohne meine ausdrückliche Erlaubniß und ohne Nennung meine- Namens öffentlich ausfprechen oder nur Jemanden, wer eauch sei, mittheilen." Ich trat einige Schritte zurück und sagte kalt: „Nein mein Herr, auf solch« Weise handeln Ehrenmänner nicht mit einander, und ich muß darauf verzichten, mit der Veröffentlichung Ihr,- neuen Weltsystemetwazu thun zu haben." Der Mann warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu und ging davon. Ich begegnete ihm noch öfter auf der Straße, aber er grüßte mich nicht wieder.- Eineü/Tonntag.- war ich eben von vierstündigem Re» ligiLn-zzfl erricht« nach Hause zurückgekehrt, und saß etwaerschöpfte auf dem Sofa meine- Arbelt-zimmer-, alnach starkem ' lnklopfen die Thüre sich öffnete, und ein großer stattlicher Mann hereintrat. Er hatte eine, gewiß« militärische l »altung, ein schönet ältliche- Gesicht, und über die hohe Stirn lief eine große Narbe quer über. Dabei war er inständig gekleidet. Er trat rasch zu mir herein, nachdem ich mich erhoben hatte, und sprach mit schnellen, nachdrücklichem Tone: „Herr Doctor, Sie sollen die Güte haben, wir eine Annonce für die hiesige Zeitung aufzur schreiben. Sehen Sie, ich komm« heule von Pol-dam, und man wird sich dort schön wundern, wie sie heute keine Sonne mehr haben. Ich war gestern beim Könige in San-souci, und man war glücklich, so herrliche- Licht zu haben; jetzt ist freilich wieder Alle- Schatten. Doch wer kann, dafür? Nun, ich will tihm «östlich machen,, wieder Licht zu bekommen. Schreiben Sie, Herr Doctok, schreiben Sie schnell, denn ich habe Eile." ' Mich überlief es ei-kalt, denn der Mann schien einem furchtbaren Paroxp-munahe. Ich entschloß mich schnell, ging zu meinen Schreibtisch und schickte mich an, mit verstellter Hand in schiefen SchrifrzÜgen zu schreiben, wader Mann verlangen würbe. Er war mir gefolgt und sagte: „So ist'- gut. Sehn Sie, ich habe die Freiheit-« kriege mitgemacht, und darum bin ich gewöhnt, Allemilitärisch schnell und kurz abzumachen. Schreiben Sie also: „Kaiserreiche, Königreiche, Herzogthümer, Fürstenrhümer, Republiken, welche Sonne haben wollen, mögen sich melden bei N. N. in H., Schmiedestraße N. 14 auf dem \ Hofe vier Treppen hoch linkin der Dachstube." t (Schluß folgt.) I * Noch ein Kapitel aus meiner Jugend. Don Alexander Weill*) Alich von- Metz und Nancy zurückgekehrt, nachdem ich «in Jahr die Schule von Marmoutier besucht, und nachdem ich kaum den Kuß auf die Schwele deväterlichen Hausegesetzt, hielt mir mein Dater folgend« Ansprache: — Mein Sohn, ich habe neun Kinder, worunter sieben Mädchen. Meine Mittel erlauben mir nicht auch nur einen Soumehr für deine Studien zu verwenden. Du bist vierzehn Jahre alt. In deinem Alter habe ich reichlich meinen Lebensunterhalt verdient. Du mußt in meinen Handel eintreten, um mir einen Knecht zu ersparen. Da hilft kein Zaudern, emuß sein. Deine Mutter rechnet darauf einen Rabbiner audir zu machen. Ich hoffte allein im Stande zu sein, um für un- Alle zu schaffen. Diese Hoffnung hat mich getäuscht. Ich fühle mich altern. Da- Glück verläßt mich. Bor Allem muß man leben. Komm, hilf mir, ober ich unterliege der Last. Ich gehe zu Grunde! So viel Wort«, so viel Keulenschläge auf mein Haupt. Alle meine schönen Träume wurden von einem finstern Abi. grund zu meinen Füßen verschlungen. Ich! fühlt«-mich zermalmt zwischen dem Schmerz, meinen Bitter zu Grunde gerichtet zu sehen, und der Verzweiflung einer Zukunft de- Ruhm- und der himmlischen Seligkeit zu entsagen, denn ich war voll religiöser Gluth. Ich ging zu meinem alte« Rabbiner, meinem guten Freund« Heiser, zu« Maire be- Dorfe-, um sie uw Ratd zu fragen. Sie riechen mir, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, mich zu gedtzlden. Michel Heiser sagte mir, ich sehe darin kein Unglück, baß du die Uedelstände von deine- Baker- Geschäft in der Näh« kennen lernst, du wirst ihn de-halb nur um so mehr liebetz. Geh, thu' deine Pflicht, mit der Hülfet» einer Mutter, di^ eine fromme Frau ist, werde ich Dich au-dieser Hölle befreien, denn eist eine Hölle. In deinem Alter kann man Alleversuchen! Du kennst schon da- Pferd, wohlan! Du wirst auch noch die Kälber und '5fr Kühe kennen lernen. Der Bfekehr mit den Thieren ist nicht immer fv dumm alwie mit den Menschen. *) Aus dessen eben erschienenen Broschüre „Mon retour de Bruxelles.“ H. Weill ist in einem Dorse de- Elsaß geboren.