Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 13 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 Wort Gott«« durch die Propheten verkündet har. Da« Volk Israel muß erst wieder im heilige» Lande, und Jerusalem wieder erbaut sein. DasVolkJ-rael muß dazu vollständig sein und so lange die zehn Stamme fehlen, ist e« nur ein Bruchstück und der Messta« kann nicht wiederkommen. Man muß daher dir zehn Stamme aufsuchen. E« ist nicht möglich, daß in diesem großen Theile de« Erde« Jakob« da« Bewußtsein seiner Erbschaft ganz geschwunden sei. Hat. man e« «pst gefunden, wird e« leicht werben, den mit Asche bedeckten Funken zur hellen Klamme wieder anjufadjtn. Bedenken Sie> daß die jetzigen Juden, wie ich gelesen, an 6 Millionen Seelen zählen, und doch sind sie nur zwei Zwölftel de« ganzen Israel. Würden sich die andern zehn Zwölftel zu ihnen gesellen, so bildeten sie eine Nation von fast vierzig Millionen zusammen, und besaßen also eine Macht, die der Frankreichs oder Deutschland« gleich käme. Dann würden sie den Mittelpunkt der Menschenwelt, an die sich, wie die Schrift sagt, alle Nationen der Erde anlehnen werden, und dann käme der Messia« zum zweiten Male, oder wie Sie glauben, zum ersten Male. Diese Streitfrage wüfde er selbst bald lösen. Sie begreifen also, welches Jnterress^ ich an der Auffindung der verlorenen zehn Stämme nehmen muß. Alle Sorge, Ille« Kümmerniß würde von meines gedrückten Seele, von meinem stet« gepreßten Herzen genommen sein. Ich würde AllrS aufbieten, daß dann die frohes Botschaft an daö un- -glückliche Volk gelangen müßte." 1 Als er i»ne hielt, beobachtete er aufmerksam, welchen Eindruck seine Rede auf mich mache. Ich aber erwiderte ihm mit ruhiger Haltung: „Und wie glauben Sie, daß ich . Ihnen zu Ihrem Ziel« verhelfen könnet" „Sehen Sie, ich habe, so weit e« mir möglich war, -.Alles gelesen, wa« man in neuerer Zeit über diese allerwichtigste Frage der Menschheit geschrieben, und wir müssen leider sagen, gefaselt hat. ES hat mir manche Nachtwache gekostet, und was war daS Ende? Der Eine weist uns nach Kurdistan, der Andere nach Aeliopien, der dritte zu den Wilden in Amerika und der vierte zu den Südsee-Jnfulanern. Sie gehen Alle irre. Nun aber weiß ich, daß die Juden mit einander in einer engen Verbindung stehen. Dies befähigt sie schon, Nachrichten auallen Theilm der Welt zu haben. Ader es laßt sich auch durchaus vhrau«, setzcn f daß sich bei ihnen eine Ueberlieferung erhalten har, wo die zehn Stamme sich aufhalten. Von einem so festen Körper kann «in so großer Theil sich nicht adlösen, ohne daß einige Fäden d<S Zusammenhanges Zurückbleiben. Darum komme ich zu Ihnen. Sie sind ein unterrichteter, wahrheitsliebender und gläubiger Jude. Ihrem Herzen sind die große» Interessen der Menschheit nicht fremd. Sie -^-werden Sich auch eine« ManneS erbarmen, der nun schon seit Jahren unter dieser Last keucht, rund oft Thränen über die Unauflöslichkeit dieses Räthfels viergossen hat. Ich beschwöre Sie bei Gott, bei dem Heile der Menschheit bei dem Wohle des lheuren Volke- J-rSel und bei dem Mitgefühl, daß Sie mir schenken müssen, offenbaren Sie mir diese« Geheimniß. dessen Verheimlichung ja zu Nichts mehcfübren kann, dessen Aufdeckung aber so unendliche segensreicheFolgen haben wird! Thun Sie es, ich bitte Sie knieend darum!" Ec war aufgesprungen von seinem Sitze und ich feinem Beispiel« gefolgt. Er hatte meine Hände ergriffen und drückte sie krampfhaft. Ein unheimliche- Feuer glübete in seinen Augen, und sespe bleichen Lippen zitterten.. Ich wußte jetzt vollständig, mit wem ich e« zu thun hätte. Ich mußte ihm antworten in seiner Art. Glücklicher Weise brauchte ich ihm nur die Wahrheit zu sagen. Ich erhob mich daher aufrecht und mit aller Würde, die ich annehmen konnte, und sprach feierlich: „Ich schwöre Ihnen bei allem Dem, wobei Sie mich beschworen haben, daß ich von keiner Ueberlieferung, von keiner Kunde, welche die zehn Stämme betrifft, und die sich unter meinen GlaubenSgtnossen exhalven haben oder di« zu ihnen gelangt sein sollte, etwas weiß, und baß mir überhaupt davon eben nur daS bekannt ist, was gedruckt darüber in ältern und neuern Schriften zu diesen ist. Ich kann Ihnen aber auch zusichern, daß überhaupt keine solche Ueberlieferung oder besondere Kunde darüber bei den Juden existier!" Der Blick de« unglücklichen Mannes hatte an meinen Lippen gehangen, halte sich dann in meine Augen gebohrt, aber er konnte nur Wahrheit und Aufrichtigkeit finden. Sein Haupt senkte sich, seine Arme fielen nieder. Ich wollte ihm jetzt einigeWorte der Tröstung sagen; ich fühlte mich sogar gedrängt, seinen Irrsinn mit Waffen des Verstandes zu bekämpfen, aber kaum hatte ich gesagt, er solle sich beruhigen, der Messia« würbe schon am besten wissen, wo er die zehn Stämme zu finden und wie er sie zu berufe« habe — al« der Mann einen halb grimmigen, halb mitleidigen Blick auf mich warf, seinen Hut nahm und verschwand. Er behelligte mich nicht wieder, und da ich meinen Freund mit der Sache bekannt gemacht, wußte es dieser zu vermeiden, daß ich ihn wieder bei ihm fände. Da die zehn Stämme auch heute, mehr al« drei Jahrzehende später, noch nicht wieder augefunden sind, so mußte sich wohl der eifrige Hausbesitzer m B. mit diesem Mißgeschick au«föhnen Doch ich will die Nachsicht de« freundlichen Leser« nicht mehr al« z, lang beanspruchen und so gestatte er mir nur noch einige kleine Genrebilder au« einer Menge von Erlebnissen h^rauszugreifen und kurz hinzuzeichnen. Ich war kaum in M. ins Amt getreten, und hatte einige öffentliche Vorlesungen gehalten, al« eines Morgen« ein langer, hagerer Mann bei mir eintrat, in einen reinlichen, wenn auch schon abgetragenen grauen Rock gekleidet. Er trug einige geschriebene Blätter in seiner Hand und stellte sich al« der Corsettmacher N. vor. Auf meine Fragen, wa« ihn zu mir brachte, antwortet« er mit feierlicher Stimme: „Mein Herr, ich habe da« Glück gehabt; ein neues Weltsystem zu entdecken, welche« zugleich den großen Jrrthum d^s kopernikanischen völlig aufdeckt, und daß doch so klar und -unzweifelhaft 'ist, daß jeder, der e« kennen lercken wird, sagen muß: die« ist die Wahrheit!" Man kann denken, daß ich etwa« verblüfft war, und mir den güren Corsettmacher genauer ansah. Doch erwiederte ich ruhig: „Und wa« soll ich hierbei thun?" „Ich gesteh, Ihnen, daß ich nur geringen Schulunterricht genossen habe. Sie sollen mir daher mein System^veröffentlichen helfen und werden sicherlich davon große Ehre haben." „Aber warum werden Sie sich nicht an einen Fachmann deßhalb zi D. an den Herrn K.? Ich gestehe, daß ich niemals astronomische Beobachtungen gemacht und daher kaum der Mittel besitze, Ihre Behauptungen zn controlliren." Mein Besucher lächelte. „Sie sind kn einem verzeihlichen Jrrthum. Auch ich habe niemals Beobachtungen gemacht, ja niemals ein Instrument gesehen. Aber ich habe seit meiner Jugend über die Welt nachgedacht, und