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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 13 (1865) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
13 (1865)
Date
1865-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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V Jüdisches Volksblatt. Zur Belehrung und Anterhattunß auf jüdischem HeKlete. HerauSgcgel>en von Rabbiner Or. Ludwig Pbilippson in Bonn. I I [9Io. 13. 1865.] vo« dtssrr ZeitlNrift ert»rtat.«Sche»Ntch n,« Nummer. Prei« de« Sehr. rtttott ■* a i«-i lang« 1 r-!r. »ietttli«ri8 7 <4 Rgr. «lle «»«bbauvlx-ge-. P°ft»»ler j J Jahrfl. 1. VllllNlll. nnb 3«itung#tn><bthoatB nt»«mi »efttuunB« ax. L* *'• s *♦ *““J Etwas über den Irrsinn. 4. fForlsetzung.) Als ich i» B. studirte, halte ich einen Freund, der der Jurisprudenz oblag und ein sehr inrellgenter Kopf war. AllerdirgS beschränkte er sich fast nur auf seine Fach»- Wissenschaft.. Da diese mich aber genugsam interressirte, besonders in hrrm geschichtlichen Theile, mein Freund aber unermüdlich stiem Wissen über das mosaische und ralmudische Recht aus zu nutzen suchte, hatten wir Anhaltspunkte genug, um unser öfteres Zusammensein uns inrerressant zu machen. Er war der einzige Sohn einer Beamreuwltw« aus der Provinz, die es vorgezogen, ihren Sohn nicht zu verlassen, und deshalb mit ihm und ihrer klein« Pension während stkaer SWVteN^itt nach D. gegangen! war. Die Beiden bewohnten einige kleine Zimmer in einem etwas fernen Stadttheile. Dennoch machte ich mich bisweilen Sonntags Nachmittag auf, betrachtete die Entfernung als einen starken Spaziergang und blieb bis gegen Ende des AbeaS bei meinem Freunde, mit ihm ein Butterbrod und »in Glas Bier als unser Soupö verzehrend. Eines Tages fand ich bei ihnen einen Gast auS der Nachbarschaft, eine jener eigenthümlichen Persönlichj ketten, welche unter den Hausbesitzern B.'s so häufig figuj riren, offene, rechtschaffene Naturen, etwas schlau« Ge- ) werbsmänner, ohne wirkliche Bildung, aber doch mit einem! gewissen residenzlichen Schliff. Der Mann wurde mir! vorgestellt als Hausbesitzer und Ofenfabrikant. Er unter- \ dielt sich vorzugsweise mit der Mutter meines Fc«»d«s, j aber als ich mit diesem wieder einmal in eine lange! und heftige Diskussion über irgend eine Partie des | mosaischen Gesetzes gerathen war, hörte er aufmerksam und ununterbrochen zu. Wir achteten nicht darauf, und nahm ich überhaupt wenig Notiz von ihm. Wie erstaunte ich daher, als ich diesen Mann am! andern Tage zu gelegener Zeit bei mir eintret« sah. Ich 1 nahm ihn freundlich auf, und bat ihn, sich nieder zu j setzen. Alsbald fing er an: „Erstaunen Sie nicht, mein Herr, mich so unumwunden bei Ihnen eiürret« zu ' sehen. Ader ich habe aus Ihrer gestrigen Unterhaltung mit > R»r«m Freund ein große- Vertrauen zu Ihnen gefaßt, um nicht eine gewiss« Frage an Sie zu richten, ich habe gesehen, daß Sie nicht blos bibelfest, sondern auch bidelgläublg sind und Ihre Abstammung zu würdigen wissen. Lassen sie mich gestehen, daß Sie der erste Jude sind, den ich mit diesen Eigenschaften kennen lerne. Ich komme mit manchen Personen ihre- Glaubens in Berührung, aber entweder schämen sie sich ihrer Religion, und bei jeder Erwähnung des WotteS Jude ziehea sie sich zusammen wie der Igel bei Berührung -seiner Stacheln, odfr sie sind so abgeschlossen, und für Glaubenssachen so unzugänglich, daß sich damit bei ihprn gar nichts anfangen läßt. Mir aber liegt «ine Sache außerodentlich am Herzen, ustd nimmt seit Jahren meine Gedanken in Anspruch. D^rum bin ich sehr erfreut, Sie kennen gelernt zu haben, ustd komme ohne Umstände zu Ihnen." Jetzt blickte ich mir meinen Mann einmal recht an,' denn seine Anrede machte mich etwastutzig. : Ich sah ihm schärfer in'S Gesicht, und erkannte darin so wie in dem Blick seiner Augen jene eigenthümlichen Züge, welche einen Geist verrath«, vrrsich unruhig»trEtwa»beschsfa,!, baßer nicht finden und nicht greifen kann, und bas ihn ^och nicht, losläßt, den Blick eines Bittend«, der aber nicht weiß,, ob ihm das Gewünschte gewährt wirb. Ich sah, daß ich es jedenfalls mit eimm ehrlichen und harmlosen Menschen zu lhun hätte, und frug daher nach einer kurz« Pause: „Und womit könnte ich Ihnen denn dien«, Herr N.?" Der Ofenfadrikaur räuspert« sich, und sprach stiit einem leisern, bald aber zuverlässige« Tone: . „Was ich seit vielen Jahren suche, ich will es Ihnen kudz sagen: es ist eine sichere Spur der verlorenen zehn Stämme Israels." Der Sprecher schien wahrzunehmen,. daß mich dies« Worte in einiges Erstaun« setzten, und er beeilte sich, fortzufahr«: „Sie werden fragen, wieso ich hierzu komme? Ich will Ihnen mein ganze-.Herz öffnen. Hier, in dieser großen Stabt, hat «an mehr Gelegenheit, die Oerwisnog. bas Elend, den Untergang der Mensch« zu beoieachr« und zu erfahren, als irgendwo. Die Leidenschaften, Laster und Verbrechen häuf« sich von Jahr zu Jahr., Die politisch« Unruh« nehmen einen immer gefährlicheren Charakter an. Die untern Stände werbe» immer aufgewühlter, widersetzlicher und wüster. Düs kann nicht so bleiben. Jedermann, muß fühlen, dich die Hand Gottes darüber schwebt und jeden Augenblick mit eine« fürchterlichen Schlage niedtrfall« kann. Sehen Sie^ sch bin Christ, Sie sind J»de. Sie glauben, der Messias wird komm«, ich glaube, der Messias ist gekommen. Dies^ aber kann mich nicht verbinde« zu sehet», daß feine Erscheinung auf Erden zwar die Wege bezeichnet hat, welche die Menschheit gehen so>, aber daß sie diese noch durchaus nicht gehr. Er muß daher noch eiumai kommen. Aber ec kann dies erst, wenn alles Da» grschehewlß, was da

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