Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 12 (1865) · p. Seite 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
12 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4908862-5999392-6026727--2923-4911189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

46 was ich meine. Seine Pflicht thun wollen, kann ein rechtschaffener Mensch auch ohne gerade an Gott zu denken. Das ist aber, wenn ich recht denke, nur dann ebenso eine Gewohnheit bei dem Menschen, wie der Trieb bei dem Thiere, der ihm vorschreibt, was es thun soll. Der Mensch aber soll Gott suchen, d. h. Gott zu erkennen und mit ihm sich zu vereinigen suchen. Dadurch erst wird er Mensch, dadurch kann er hoffen, nach diesem vergänglichen und laffen Sie mich sagen armseligen Leben zu Gott zu , kommen und unsterblich zu sein. Dies aber ist es. was mir nicht gelingt. Genau genommen, weiß ich noch jetzt so viel von Gott, wie als Kind, und all mein Suchen hilft mir nichts. Mein Kopf wird mir wüst, und ich kann keinen festen Gedanken von Gott saffen, der mir'bleibt, mich beruhigt und weiter führt." Er hatte sich hierbei aufgerichtet, sein Auge flammte, und schien sein unheimliches Feuer auch in meine Seele Hineinschleudern und. sie zerstören zu wollen. Ein jüdischer Jüngling, der von Kindheit an sich gewiffermaßen theologisch beschäftigt und zuletzt einen ziemlich guten Religionsunterricht genoffen hat, dem liegen solche Fragen nicht fern; sie gehörten mit zu meinen Geistesrbeschäftigungen, und die junge Brust schwoll an, hier ihre, wenn auch noch lange nicht geklärte Weisheit, an den Mann zu bringen. Aber ein jüdischer Jüngling hat noch eine andere Eigenschaft. daS. ist die Vorsicht. Von Kind- Jch gestehe dem Leser offen, daß mich diese Versicherung nicht erfreute, sondern fast beschämte, denn es'dämmerte in mir der Gedanke, daß es mit einem Greise, der einem fünfzehnjährigen Knaben so Etwas zugesteht, nicht ganz richtig sein müffe. Dies erfuhr ich denn auch am andern Tage. Denn kaum war ich gegen Mittag aus der Schule zurückgekehrt, und wollte mich anschicken, nach meinem Mittagstische bei dem jüdischen Kantor zu gehen, als mein Meister mir auf die Stube rückte, und mir mit niedergeschlagenen Äugen gestand, daß ihm über Nacht eine Menge Zweifel über das, was ich ihm^mitgetheilt, eingekommen wären. Ich ersuchte ihn, sie mir vorzutragen, und erkannte bald, daß er sehr wenig von dem zurückbehalten, was ich gesprochen, und daß er so ziemlich wieder dastand, wo er sich gestern befunden, in einer großen Verwirrung der ersten Begriffe. Ich nahm mich zusammen, und exponirte trotz den Mahnungen meines Magens noch einmal meine ganze Lehre. Er dankte und entfernte sich stillschweigend. In den nächsten Tagen wiederholte sich dies mehre Male, und fing an, mir sehr lästig zu werden. Jetzt begann er umgekehrt, mich belehren zu wollen, und kramte jeden Tag einen anderen Brei von unverdauten Sprüchen und Gedanken aus, so daß es mir gelegen schien, ihn so viel wie möglich zu verineiden und abzuwehren. Dies half mir aber wenig, denn cr lauerte hinter der Thüre seiner Werkstätte auf meine Schritte, und schoß dann wie ein Vogel heit an gewöhnt er sich, im Begegnen mit christlichen Per- I auf mich los, bis er mich unrettbar in seinen Klauen hatte. .. L ... P.* . .. .f? . * " P. ... JT > . . . C — iU . f k * ...... a» .'LLiih f 1* au&aLT 4 Ja >4 2 kX«4 _ sonen zurückhaltend zu sein, religiöse Fragen nicht zu berühren , und wenn diese nicht zu vermeiden find, sich mehr passiv als aktiv zu verhalten. Ich sondirte auch erst hier meinen Mann, indem ich ihn aut den Katechismus, seines Religion brachte, erfuhr aber, daß cr ein armes, früh verwaistes Kind nur geringen Schul- und sehr dürftigen Religionsunterricht, im Auswendiglernen der Glaubenssätze und einiger Bibelverse, die er nicht verstanden, bestehend, genoffen, als Soldat in den Tag hinein gelebt habe, und daß die Frage, die ihn jetzt so gänzlich beherrschte, erst seit einigen Jahren in ihm erwacht sei und ihn von Tag zu Tag mehr quäle. Ja, der Gedanke, daß sein Lebensende nickt, mehr fern sein könne, regte ihn fieberhaft auf. Ich stand nun nicht länger an, ihm meine Ansichten, so viel ich als Knabe vermochte, mitzutheilen, und was mir än Klarheit gebrach, ersetzte ich an Ausführlichkeit. Aber Bald jammerte und weinte er über sein vergebliches Suchen nach Gott, bald stellte er mir Fragen,' die ich ihm zu beantworten suchte, bald kramte er Ansichten aus, die jeden Tag verschieben waren. Dies dauerte einige Wochen. Da ersten eines Tages die Frau Meisterin bei mir und klagte , über den Zustand ihres Mannes. Seitdem er mit mir über die fixe Idee, die seit langer Zeit ihn beherrschte, zuerst gesprochen, und nun in mir ein Werkzeug für die Befriedigung derselben gefunden zu haben glaubte, war sie in ihm zu einer Energie aufgeschossen, wie noch niemals vorher; er vernachlässigte seine Arbeit, ging grübelnd umher, gab verkehrte Antworten, ließ Esten und Trinken stehen, und fiel sichtlich zusammen. Die gute Frau schien mich als die Ursache dieses Uebels anzusehen, während ich doch nur die unschuldige Handhabe seines wahrscheinlich durch andere Umstände bewirkten Paroxismus war. Kurz, begeistert war ich-selbst, und dies macht dem Ungebildeten ^sie ersuchte mich, auszuziehen, und zwar in recht weite gegenüber mehr Eindruck als der Reichthum des Inhalts selbst. . Die Lehre des Judenthums von Gott, aus der h. Schrift geschöpft' und von der Sonne unsrer Zeit beleuchtet. ist so klar, einfach und bestimmt, daß sie dem gesun^ s>eN'Menschenverstände und einem biederen Herzen einen leichten Eingang adgewinnt, und da ich Gelegenheit gehabt hatte, auch eiyzge Kenntnisse der Natur zu sammeln, so verschaffte mtf dies für jene Lehre einen schönen, harmonischen Hintergrund. Mein Meister hörte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu, sein ganzes Wesen schien sich aus das Verständniß meiner Worte zu konzenttiren, hier und da warf er einige Fragen dazwischen, die nicht gerade von großem Scharfsinn zeugten, aber mir doch bewiesen, daß er mir zu folgen vermochte. Als ich endete, strahlte sein Antlitz vor Freude; er drückte mir immer wieder die Hand, und versicherte: ich batte ihm ein neues Licht angezündet, und jetzt boffe er Gott zu finden. Entfernung. Es that mir leid, denn das stille Haus mit dem stillen Stübchen hatte mir sehr zugesagt. Aber es mußte geschehen Da der erste des Monats vor der Thüre war, so war es leicht ausführbar. Ich zog nach einer entfernten Vorstadt. Meinem Meister hatte man gesagt, ich müßte verreisen, und nachdem er mich die letzten Tage noch herzlich gequält, nahm ich erleichterten Herzens Abschied von ihm. Ich hütete mich wohl, ihn wieder zu besuchen, und so weiß ich nichts weiter von ihm, als daß er jetzt sicherlick im Schoße der Erde ruht und seine Seele auf Pfaden wandelt, wo sie nicht bloß sucht, sondern auch findet. — (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.