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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 12 (1865) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
12 (1865)
Date
1865-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bolksblatt. \ Zur Belehrung und Unterhaltung auf jüdischem Qet HerauSgegeben von Rabbiner vr. Ludwig PhiliPPson in BonH. iete. [9lo-12.1865.] Bo» dieser äfttftbrift erschei»t wScheulli» eine «ummer. Preis de» I»brgang» i Thtr. Lienetjährig 7 % Ngr. Alle BuLhaadlmege». Postämter »»d Aeivl»g4erv«ditio»e» oehme» Bestellungen an. [12. IsKrg. 1 Quartal,] Etujas über den Irrsinn. i 3*! (Fortsetzung.) Als ich in H. das Gymnasium besuchte, wohnte ich eine Zeit lang , bei einem Schuhmachermeister auf der ,„großen Berlins." Es war ein sehr bescheidenes Stübchen nach dem Hofraum hinaus, das ich bewohnte, aber nett und reinlich gehalten. Mein Wirth war ein biederer, fleißiger, §chr deutscher Handwerker, der mir bald seine Zu: Neigung schenkte, und mich öfter des AbendS nach feinem sehr behaglichen Wohnzimmer einlud, wo feine alte Frau unablässig spann und feine nicht mehr junge Tochter mit Handarbeit oder der Lektüre eines alten RomanS beschäftigt war. Er n^ar bis vor dem unglücklichen Kriege von 1806 Soldat gewesen und hatte den Feldzug in der Champagne und die vorauf folgenden mitgemacht, wußte aber von diesen eben nur zu erzählen, was ein gewöhnlicher Sokdat erfährt: wie er hierhin und dahin marfchirt, hier und dort den Donner der Kanonen gehört, dann und wann mit dreiqgeschlagen, ohne das Wo und Wie zu wissen und zu begreifen^ Verabschiedet, hatte er zu seinem Handwerk gegrisstn und seine Frau als Wittwe mit einigem Vermögen, gutex Kundschaft und^ zwei Kindern geheirathet. AlS fleißjiger und redlicher Mann hatte er die Kundschaft erhalten, die beiden Kinder väterlich erzogen, da feine Ehe kmderloS geblieben und die Launen seines etwas zänkischen WeibeS zu ertragen verstanden. Hatte man die Sittlichkeit des ehemaligen preußischen Heeres nach dem Beispiele meines Meisters beurtheilen wollen, so wäre es ein Muster rjon Moral gewesen, denn dieser besuchte niemals ein Wir HSHaus, rauchte nicht, trank nicht, spielte nicht. Dagegen schien er sehr wißbegierig, und wenn ich, waS ich sehr oft und lange that, in dem engen Raume meines Zimmers, laut lesend und deklamirend hin und her schritt, so öffnete er das Fenster seiner gegenüberliegenden Werkstätte, um »eine Worte aufzufangen. ES war ihm sogar gleichgülti g, ob eS lateinsche Reden von Cicero, griechische Verse von Homer, hebräische Psalmen oder ein Mischnahadschnitk war,, waS ich mit Pathos hersagte und dadurch meinem Oedächtäiß einzuprägen gedacht«, er „hörte eS gar zu gern/s und war nur unwillig auf den Habn und die paar Hsnnen, die sich durch meine laute Stimme zu einem Wettstreit reizen ließen, und deren Krähen zwar mich nicht in seinem Peroriren> ihn aber im Hören störte. Nachdem ich bereits mehrere Male einige Abendstunden bei ihm zugebracht, Frau und Tochter ein Mcl aus waren, rückte er näher an mich heran, strich sich mft der schwieligen Hand über die Stirn und Glatze, die stur von einigen Silberhaaren umkräiftt war, und begann: „Hören Sie, lieber junger Mann" — ich zählte dan alS fünfzehn Sommer — „ich habe rechtes Vertrauen zir Ihnen gefaßt und will Ihnen daher einen Kummer mittheilen, der mich in meiner sonst so glücklichen Lage sehr drückt und ängstigt." Er sah mich dabei mit einem e wa« stßrren Blicke an, der mich ni^t ohne Unbehagen lies. Doch zu sehr von diesem Beweise des Vertrauens g«fch»,eichelt, antwortete ich: „Wenn erS nicht geradezu ein Geheimniß ist, Meister, so »heilen sie eS mir mit." \ „Ein Geheimniß ist eS nun zwar'nlcht, aber ich glaube, weiter davon zu rede», ist e« auch, mcht augyth»». W«S mir so viel Sorge schafft, ist, daß doch jeder Mensch die Pflicht und die Bestimmung hat, Gott zu suchen, ja. Tag firr Tag zu suchen, und mir will'eS nicht gelingen, ihn zu finden. Zch gebe mir so viel Mühe, und strenge mich über meine Kräfte an, ihn zu finden, und muß mir immer wieder gestehen, eS war vergebens. Wenn ich so bei der Arbeit nachdenke oder mir irgendwer etwa-! Gute- 'und Tüchtigesagt, dann glaube ich manchmal,!hn gefunden zu haben, und bin sehr glücklich. Wenn ich mich dann aber AbendS mederlege und da- Gefunden« stoch einmal überlege, dann erscheint eS mir wie Seifenblqfen, dw^imr mer wieder zerplatzten, und ufc habe schon oft mein Kopfkiffen mit Thränen darüber benetzt." Indem er diese Worte mit tiefer, a«S dem Herzen kommender Wehmuth sprach, hatte er das Haupt gesenkt, die Brust nach vorn gebeugt und die Hände auf den Knieen gefaltet. Zch war ganz überrascht, und nach einer längeren Pause erwiderfe ich: „Ja, aber was verstxhm Sie denn unter Gott suchen"? Meinen Sie damit, baß wir in dem Gedanken an Gott unsre Pflichten, die Obliegenheiten unsere- Berufe- und unsrer Stellung in der Familie und als Bürger streng und gtwiffinhafr erfüllen, da-! Rechte und da- Gut« gewissenhaft zu rhun suchen, und nun freilich oft finden, daß wir hinter den Forderungen an unzurückgeblieben sind, jaj oft geradezu gefehlt ha den. Dann aber müssen wir auf di« Barmherzigkeit Gott, - vertrauen, und in dem Bewußtsein, daß wir doch immer nur schwache Sterbliche sind, in dem Streben, uns zu bessern und in unserm festen Willen'! Ruhe und Genüge find»«." ,„Das ist ganz schön, junger Freund; las sage ich mir und vollführe es nach Kräften. Aber die-ist es nicht,

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