Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 11 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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men Witlwe und regelmäßig am Sabbath stellte er sich zum Gottesdienst in der Synagoge ein. Der Arme vermochte nur gänzlich unverständliche, unärtikulirteundhöchstunangenrhme Töne hervorzudringen und nur durchZeichen konnte man sich mir ihm verständigen, was freilich höchst schwierig war, bava- ' malS dir Kunst, Taubstummen bestimmte Zeichen für die Laute beizudringen kaum erfunden, aber noch ^gar nicht verbreitet war. Wie eS leider immer ist, hatte die Knabenwelt für sein Leiden wenig Empfindung, und bald war er, sobald er den Hof, der zur Synagoge führte, betrat, der G.a.nstand der Verhöhnung und der Kurzweil. Dtes \ empörte mich, und da ich die Haust so gut wie die Zunge rühren verstand, schafft, ich ihm mit Hülfe einiger gut gesinnter Knaben Rohe, und er freute sich dieser, so lauge wir da waren. Was Wunder, daß er sich mir dankbar anschlo«, und da eS Knaben immer schmeichelt, von größten und Eltern Personen der Gesellschaft gewürdigt zu werden,«, sg^ging ich öfter nach Beendigung deS Gottesdienstes mit ihm spazieren nach dem „Lustgarten," wo die kleine garnilonirende Compagnie ihre Parade. abhielt<^ Die Unterhaltung freilich war,-kümmerlich und lästig, und auch hier konnte ich nicht immer unangenehme Auftritte vermeiden , denn besonders den Taubstummen ist es eigen» kröchst mißtrauisch und reizbar zu sein, und mein Invalide überließ sich daher aUzuleicht dem Ausbruch feines Grimmes. Einstmals blieb ec einige Sabdalhe hindurch weg, ich schloß daraus, daß er erkrankt lei, und begab mich daher muthig in Begleitung zweier anderer Knaben nach dem Armenbau'.'. Ein gucmiüdigec, kalb betrunkener Schließer öff- , nece uns. sobald er den Grund unseres Besuches erfahren, - die Grille, und wir betraten den Hof. Derselbe war sehr geräumig und von allen Seiten mit Gebäuden eingeschlosftn. RechrS war ein kleiner Theil derselben durch eine niedrige Mauer ^dgerrennl der zu den eigLStlichen Wohnungen der Armen gehörte, wo ein freier, geschäftiger Verkehr statt fand. Die übrigen Gebäude boten nur denselben büstecn Anblick wie die Fronte: alle Fenster waren mit starken Eiiengittern versehen, Zellen für die .Gerangenen unv Irren. Aus manchen sah uns das freche- Gesicht eines. Verbrechers mit stieren Blicken an; aus; manchen teure uns das schneidende Geschrei eines Würgenden entgegen. Auf vec linken Seite des Hofes spazierten die Gefangenen, welche hierzu die Erlaubniß hatten, au' der rechten liefen, standen ober hockten di/ Irren um-/' her, welche nicht eingesperrt waren. Unter diesen bemerkten wir auch bald uniern taubstummen Gesellen, welchem eine Art Aufsicht über diese Geisteskranken ertheilt war und der als Merkmal dieses Amtes eine Haselgerte in der Hand trug. Ec erdlick/e uns, kam uoS entgegen und begrüßte uns mit Freude, die .sich aber nur in einem heisirn, groß- . licKtt Schrei zu bekunden vermochte. Wir gaben ihm so gut wie möglich oen Grund unsres Kommens zu erkennen, und er bemühte sich uns über seinen Zustand zu beruhigen, wobei er unaufhörlich seine Gerte schwenkte, wie um uns seine wiedergekehrle Kraft zu beweisen. Zu mannigfaltig und verwirrend war der Anblick der Irren, deren Zahl! wokl zwei Dutzend überstieg, um sich genau und vollständig dem Gedächtniß der Knabenseele eingeprägt zu haben. ' Aber auf zwei Personen lenkte sich meine ganze Aufmerk- , samkeit in unvergeßlicher Weile. Einige der Irren näm- , sich h.rtlen ihre Blick« auf die Ankömmlinge gerichtet, : wahrend die meisten andern auch nicht die leiseste Notiz von uns nahmen und das Spiel ihres Irrsinns forrsetzten, wie sie es gerade trieben. AuS jenen trat ein Mann auf uns zu. Er hatte auS bunten. Papierstückrn eine Art Krone auf den Kopf sich gesetzt, in der Hand einen Stock, der mehrfach deschnitzt war, und schritt in steifer, stolzer Haltung zu uns daher. „Ich bin, wie Sie sehen, rief er uns zu, brr Sultan von Konstanrinopel, und ich frage Sie daher, wer ist der Herrscher, mein Bruder, der Sie an mich adgefandt, oder sind Sie selbst ein solcher?" Zum Zeichen feiner Huld senkte er sein Scepter, denn das stellte der Stock vor, mrhomal» uns entgegen. Mir sank bei dieser Anrede aller Mutti, aber mein einer Kamerad, ein neckischer und kräftigte Geselle von fünfzehn Jahren trat keck hervor, und sagte!: „Kaiserliche Majestät, ich bin der Kronprinz von Preußen!" Wie ein elektrischer Schlag fuhr diese unbesonnene Antwort dem armen Narren in die Seele, seine Gestalt Duckte und streckte sich, in seinem Auge blitzte das Irrlicht de, Wahnes zu kiner Hellen Flamme auf. seine gelben, eingefaller en Wangen rötheten sich und um seinen Mund spielte daS Lächeln des Glückes. „Verzeihung, königliche Hoheit, wenn Sie mich hier ohne meinen Hofstaat finden»" .— und er schaute ängstlich um sich her — „er wird bald erscheinen; Ihre Ankunft, Prinz, ist so unerwartet, baß Wir nic!>r vorbereitet sind, Unsre Gastfreundschaft der hohen Eh e Ihres Besuches anzupassen. Wie geht es Ihren königlichen Vater?" Mein Begleiter wußte sich gewandt in diese Vorstellungen hineinzuceben, und antwortete in passender Weise. Bald aber würbe der Irre unruhig; der Gedanke, baß der Schauplatz so hohem Besuchganz unangemessen sei, daß er Nichts habe, feine Würde zu bezeugen, schien in ihm aufzukommen und ihn unglücklich zu machen. Wer weiß, wie weit eS noch gekommen wäre, denn der Irre suchte durch überhäufende C'omplimente die Aufmerksamkeit feines Besuches allein auf siät Zu beschranken und wurde dabei immer wirrer und unruhiger, was sich durch di« sonderbarsten Gestiiulationen äußere—wenn nicht in diesem Augenblicke meinem zweiten Beglel«Lr der bis dahin still und unrhätig dagestanden, plötzlich--'ein gellender Schrei entfahren wäre, der mich voll Entsetzens zu ihm wenden ließ. „Meine Mutter, ach meine Mutter!" schrie' der unglückliche Knabe. Aus der Thüre des Hauptgebäudes war eine Frau Tn mittlerem Alter getreten, mit zerrissenen, abgetragenen Kleidern voll Schmutzes, mit bleichen und zerwühltem Gesichte, mit wirren, hecunterhängenben schwarz und grau gemischten Haaren. Aus dem Arme trug sie eine aus mancherlei Lumpen zusammeng,wickel/» Art von Puppe, die sie in den Schlaf zu dringen fuÄte, indem sie Lieder summte und die Puppe sorglich hin und her wiegte. Dann trat sie bald zu dem einem bald zu dem andern ihrer Genossen, und sagte: „Seht doch mein Kindchen an, mein neugebornes Kindchen, vor einer Stunde habe ich es bekommen, und schon ist es so groß und schön." Dann summte sie neue Lieder, deren sie keinbeendete, und schaukelte und wiegte die ungestaltete Puppe. Hierauf wollte sie wieder, daß die Leute die Augen und Haare ihres Kindes bewundern, und gerieth in Aerger und Wuth, wenn sie sie auslachten und ihr beweisen wollten, baß wäre kein Kind, sondern nur Humpen. Der unglückliche Knabe an meiner Seite, der wahrscheinlich mich nur begleitet hatte, um, was ihm streng