Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 11 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Zur •ßeleörunq uni) Unterhaltung auf jüdischem ^e^iete. Herausgegebcn von [ I Rabbiner Dt. Ludwig PhiliPPson in Br^nn. ,-rtl . . « r»/> p> -i »ob dreier dmiirift ertoriB» »cAratliA <nc Stimmer. Prei« de» I«brr. 4 /A .,-1 fWn II löüO.I S--S» » rbtt. -ieneljädrii, fli Ngr. Alle vU»b-BdlBBgeB. P»ftü«,er f \l ÄANra. I. Ouurtm. lJKV' Ä1* 1UVV,J bbd gmuns«U»et>itio8(ii ntbwum »cfteÜBngtn «n. H^u«. jj. j, ^unnni.j Etwas über Den Irrsinn. 1 2. (Fortsetzung.) In meine Jugend fällt noch die Zeit, wo eS mit geringen Ausnahmen noch keine besonder» Irrenanstalten gab, und die Behandlung der Geisteskranken noch in der rohesten Weife betrieben ward. Gevöholich wurden die Irren eine» OrttS in den Gefängnißdäuftrn untergedracht, mit denen ander eitS auch die Armen- und Arbeitshäuser verbunden waren: Sträflinge, böse Schuldner, Arme und Irre bildeten so die Bevölkerung eines und desselben Gebäudes, und zwar ohne geradezu getrennte Abtheilungen au-zumachen. Mit Ausnahme dere:, die in die Zellen gesperrt werden iftußten, lief das Völkchen immer unter einander umher. Die Geiste«kranken varen sich selbst überlassen, und nur i!venn die Unglücklich n zu WuthaüSdrüchen kamen, legre man ihnen wie den schweren Verbrechern die AwangS- oder Tolljacke an und die rohen Gefangenwärtec behandelt, n sie mit harten § Klagen. ES versteht sich, daß eS ein: seltene Ausnahme war, wenn Jemand, der nach diesem Haufe eingeliefert norden, er jemals aus demselben wieder herauSkam. Man! muß sich nun nicht vorstellen, daß sch dies etwa auf!die Geisteskranken der armen Klasse de>chränkte, sondern auch Personen auS den bemittelten und sogar höherer» Ständen, sobald sie wegen der Storung ih:er Seele in der Aamilie nicht mehr gehalten werden kinnten, wurden dahin abgelieferc und man zahlte für sie ei re jährliche, hockst Mäßige Remuneration. ES geschah dies mit der höchsten Nlaivetät, weil man es gar nicht anders wußte. Man betrachtete es als ein Unglück, das nich abzuwenden, und die Geisteskranken wie Verstorbene. M in kann sich denken, baß Kost und Kleidung dieser Kranken e ne schlechte war, und wa« etwa die Derwandten Bessere» hieran einliefertea, kam Jenen wenig zu Gut,. Bei Nachfrage hieß es dann, sie hätten sich die Kleidung in der Wuth vom Leibe gerissen. Der unglückliche Kranke konnte nicht klagei^, und that_er es «ingewiß, daß er es nicht Man staünt — man hält dies ch — aber es war j doch so, und ich rufe in die Erinnerung zurück, um meinen Lesern auch hierbei zum Bewußtseift zu bringen, welch« Fortschritte im letzten halben Jahrhundert die Humanität, die Sitte und die Wissenschaft, letztere namentlich in ihrer Wirksamkeit au! das Leben, gemacht haben, und an welmal, so waren hm die Schläge so zu wiederholen nagte. nicht für mögl dies meinerseits chen großen Gebrechen jene „gute alte Zeit"' g litten, welche Unvernünftige, und Heuchler so sehr zu loben pflegen. Ja, ich gestehe es, bas Herz blutet mir noch hft te, wenn ich an das Schauspiel denke, daß ich als dreizehnjähriger Knabe in einem solchen Laufe erlebte, und wenn ic> eS mildem Bilde vergleiche, welches jetzt der Besuch «inet Irrenhauses, und zwar eines allgemeinen, darbieter! Immerhin werden die Eindrücke auch gegenwärtig nur traurig sein, aber eben nur über die Ecistrnz solcher Nachtfeiten.de: menschlichen Seele, denen geger über dse Einrichtungen des Hauses und die Behandlungsweise det Kranken uns dar) wieder ein erhebendes Gefühl und einen Trost einflößen. Wie anders war es damals, vo die Trauer über den gefrllenen Menschengeist von der Empörung über dessen Be »aadlung und Lage weit überrag! wurde! J In meiner Vaterstadt war eS nicht anders. 2lm Ende einer langer Straße, dicht an der S adtmauer befanden sich gegenüberliegend zwei große Gebcüde, bas eine das'städtische Kränkenhau-, daandere' dos sg. Armenhaus. Das erster« bot einen freundlichen, reinlichen Anblick, nnd war, wie ich mich entsinne, mit blafrocher Farbe angestrichen; nach v»rn waren die Wohnungen der Beamten gelegen und fo rftachten die blanken Fenster mit den weißen Gardinen unh Rouleaux einen freundlichen Eindruck. Wie es im Innern aussah, kann ich nicht sagen, denn Niemand, der Nichts darin zu thüu hatte, durfte es'betreten, und damals hätte sich kein jüdischer Kranke nach einem allgemeine» Krankenhause bringen, lassen. Desto düsterer und abschreckender war der Anblick des Armenhaus«-. Ein lautes, zweistöckige-, nicht übejrtünchkeS Gebäude, alle Fenster mit Eifengiltern versehen, der Eingang stetoffen, aber nach dem Hofe zu mit hoher eiserner Grille geschlossen.^ Diewar die Wohnung der Gefangenen, Armen unjd Irren. Doch noch eine, andere, wenn auch aeringzähligf Schaar theilte die- Elysium mit den genannten: einige arme Invaliden auden Freiheitskriegen. Unter dirsrsi letzterern befand sich a ich ein Jude, Schuhmacher von Profession, ein Taubstumner, der, wie man sagte, in de^Schlachr bei Leipzig, als ec in die Nahe einer furchtbaren Batterie gekommen, von bin ungeheuren Kanonendonner plötzlich taubstumm'geworden. Sein Schicksal hatte ihn unter den Kranken und Verrmndeten nach meiner Vaterstadt^ geführt, wo er dann geblieben, obschon er kein Angehöriger de- Landewar, son »er» lief auS Oesterreich, den Ort habe ich niemals erfahien. Er war also ein Mitbewohner des Armenhauses; )ie Gemesade zahlte ein Geringes für sein kärgliche- Rittagsbr >d bei einer ar-