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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 10 (1865) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
10 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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r 38 der Geisteskranken nur um so schwieriger, weil hier jeder einzelne Fall ein ganz besonderes Bild darstellt und einer besondern Erforschung bedarf. Nichtist nieberdrückender für den Menschen,, als die Betrachtung der GeisieSirrungen in ihren verschiedenen Stadien'. 'Nichtdemülhigl den Stolz auf den Adel und die Kraft des menschlichen Geistes mehr; nichts macht zaghafter und schwankender. Sind es doch gerade^:« Geistesschwachen, welche am wenigsten davon betroffen werden; wie oft sind, cgerade hervorragende Geister, mit großem Talente und scharfem Blicke versehen, welche dem Irrsinn verfallen; -und oft stehen wir vor einem Herzen voll unendlicher Liebe, darin die Liede erloschen ist, weil das Gedachrniß für die Gegenstände der Neigung geschwunden. In der T-bat 'aber geht viel mehr Irrsinn durch dgs Leben, als wir uns eindilden. Der genauere Beobachter lernt gar viele Personen kennen, welche neben sonst gesunöem Verstände uno tüchtiger Thacigkeir irgend ei^e sogenannte fire Idee in ihrem Geiste tragen, sie entweder verbergen, oder in so unschädlicher Weise äußern, daß wlr sie ruhig gewährst lassen. Bisweilen treten diese erst spät unter irgend sie begünstigend.n Umstanden starker hervqr, und der durch viele Jahre vorbereitete Irrsinn bildet sich au^. Biele aber nehmen auch ihre fixen Ideen mit in. das Grab und haben ihre völlige Wiedererleuchtung erst im Jenseits für ihre unsterbliche Seele zu erwarten. D'k-' gleichen Fälle habe ich viele kennen gelernt. Mamie Personen haben das eigenthümliche Schicksal, für Mensch« a, diL mit dergleichen Ideen behaftet sind, vorzugsweise o azievend zu sein und ihr Vertrauen zu erwecken, ohne D 1 sie dieses gesucht daben. Vielleicht gehört« ich zu dies«». -Jedenfalls war ich, nachdem mir dergleichen öfter vor ekommen, sebc vorsichtig in der Act, wie ich sie behände! e. E» schien mir nämlich immer rathsam, weder gänzlich in die Gedanken solcher Personen einzugehen und sich;u stellen, als ob man sie für ganz richtig halte, noch s ch innen zu widersetzen, sie mit Vernunftgründen zu deka tu pren und offen zu suchen, sie davon adzuwenden. Beiles destarkt'»ie Unglücklichen nur noch mehr und reizt sie, s ch noch mehr darin fest zu setzen. Ein gewisse-, wenn ch so sagen darf, kühles Interesse zu zeigen, rst da- Passend It, wehrt ab, ohne Widerstand hervorzurufen und stößt d« ch das Vertrauen nickt zurück. Erst allmälig darf man da in di? geistigen Waffen gegen die verkehrten Gedanken x nwcnden. wajedoch immerhin nur selten zu einer Heilu tg führt, wenigstens aber den ruhigen Zrzstand des nur ei ni'eitigen kranken Geistes erhalt. Gestabten mir die Lei r, einige Falle meiner Erlebnisse mitzutheilen, wobei ch freilich die Mehrzahl übergehen muß, weil sie Perform und Familien beträfen, die noch bestehen und die dav m verletzt würden. Schon au» meiner frühesten Kindheit hebt sich e ne Erinnerung hervor, die freilich den Knuden theils zu g oßec Scheu, theils zu vielem Scherze' diente. Ichtnar etwa eilf Iah« alt, als wir in dem Hause eines Seif nsieders wohnten, der eine sehr originelle Rolle spielte. £t war bejahrt, und verließ sein Haus niemals. Er brachte sein Leben zwischen seiner Werkstätte und seinem Wohnzimmer zu, an welcheder kleine Lade» stieß, in dem fane Frau die Produkt« seines Fleißes verkaufte. Jeden So»nrag Nachmittag aber Schlag drei Uhr holte er aueinem sorgfältig verschlossenen Schreine eine alte deutsche, mir grotesken Holzschnitten versehene Folio-Bibel heraus, legte sie auf «inen mit weißen Linnen bedeckten Tisch und stubicte varin. Die Propheten, das Buch Daniel und die Apocalypse waren der Gegenstand seines unablässigen Forschens. Da mußte im ganzen Hause die größte Ruhe herrschen. Die alte Frau stand auf der Flur und wehrte jedem Geräusch, selbst die Glocke der Hausthüce war fest gebunden. Wehe uns wilden Knaben, wenn wir achtlos m das Haus stürmten und die Treppe hinauf oder herab polierten. Wir erhielten die hecbesten Verweise, und wenn diese nichts halfen, lief uns die Frau mit einem' Stocke nach. Dies hatte freilich nicht immer die erwünschte Folge. „Mein Mann bidelt!" rief sie jedem Eintretenden entgegen, und-mit diesem Zauberworte wollte sie Jeder-! mann zur höchsten Geräuschlosigkeit bannen. Mit dem j ersten Glockenschlage tec siebenten Stunde wurde die Bibel geschlossen, in den Schrein gethan, und der Bann des! Stillschweigens von ^bem Hause genommen. Was war aber denn der Gegenstand dieser mystischen Forschung des ehrlichen Handwerkevs? Nichts anderes, als die Worte der Propheten auf die Ereignisse der Zeit zu deuten, und; di« nächsten Geschehnisse der Zukunft vorher zu sagen. Dies gelang denn a^ch dem tiefsinnigen Seifensieder vollkommen, wenigstens! nach seinem Sinne, und die Engel, die Genien, die Böcke und Hörner und der ganze apocalyplische Apparat fastden in Napotton, Kaiser Alexander, Vpsilanti, Ali Pasch!», aber auch in den allernächsten Umgebungen der Nachbarn ihre zutreffende Verwendung. Es ' war aber natürlich! daß der gute Mann seine großen l Offenbarungen nichts in feine Brust verschließen konnte.! War ihm daher der Geist entflammt, so wurde Zeder, : der da- Haus passirte, welchen Alkers, Stande- oder Geschlechtes er war, he^eingerufen und mußte sich die Standrede gefallen lassen.! Dann stand der alte Mann mit , flatterndem Silderh^ar aufrecht vor der aufgeschlagenen I Bibel, seine Worte!, wenn auch im plattesten Dialekt,! strömten ftiftig aus seinem Munde, mit der geballten Faust schlug^r auf! die betreffende Stelle der Schrift, und - seine düstern Weissagungen verkündeten die unseligste Verwirrung und den Unoergang der Welt. Unvergeßlich bleibt mir die Stunde, in der i<4) armer Knabe, da unglücklicher Weise Niemand vorbeigegolngen, das Auditorium des leidenschaftlichen Talgkünsilers sdilden mußte. In das dunkle Gemach eingeführt stand ich zitternd vor dem wüthenden Manne, der sonst nur so ruhig und einsilbig einherschlich, und alle die strafenden und' drohenden Anreden, die furchtbaren Verwünschungen upd Verkündigungen ergossen sich über mein gesenktes Haupt, ohne daß ich ein Wort davon verstand. Ich fing op, wirklich an die letzte Stunde, die der Prophet 'mi$ d^r Seifenkammer ankündigte, wenigstens an meine letzte Stunde zu glauben, zitterte und bebte und brach in einen Stoom von Thränen aus. Die» war für den Redner ein großer Triumph, denn er erkannte in mir einen Gläubigen, paS ihn so selten begegnete, und einen fruchtbaren Boden für seine Saal. Er faßt« meine Hand, beruhigte mich, lobte mich und verhieß mir, wenn ich älter wäre, mich in die Geheimnisse seines prophetischen Forscheneiazufüheen. Diewußte ich freilich nicht zu würdigen, desto mchr aber da- Stück Kuchen mit großen Rosinen, welches die alte Frau, als sie mich hinaus beglei-

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