Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 10 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur! Belehrung und Unterhaftung aus jüdischem $eßiete. „ . . —L HerauSgcgebcn von Rabbiner Or. Ludwig Philippson in Bonn. Mo. 10. 1865.] Ben die]« jtitfArift fritnnt «öwentliid eine stummer. Preis des 2adr» gang» l Tbir. Bierieliädri« 7 £ Agr. Aye Buchbanelungeu, PoMmier und Aeinln-sekvedittone» nehmen Bestellungen an. ^12. JaKrg. 1. Quartal.] Sprüche der Enkel. 25. Beuge dich vor Gott, neige dich vor den Menschen, und steh aufrecht vor dir selbst. . 26. Das Gesetz ist erhaben, der freie stLille göttlich. Dem Gesetze gehorchen ist löblich, aus freiem Willen da« Rechte thun hak den höchsten Werth. 27. Je öfter du sagen kannst: „ich habe es erwartet," desto stärker ist dein Geist — über Täuschungen klagen, ist ein Bekennmiß seiner Schwache. 28. Der Verstand ist ein Zeichner, die Phantasie ein Maler, daS Gemüth ein Bildhauer. 29. „Leben und leben lasten" ist der Egoismus de- Schwachen, „selbst leben" der Egoismus de« Starken, „zu leben geben" ist allein die Menschenfreundlichkeit. Etwas über den Irrsinn. 1. Die Seele des Menschen ist zart besaitet. Wer will ermessen, wie oberflächlich oder wie tief ein Ereigniß, ein Wort, ja det eigene aufsteigende Gedanke in dm OrganiS» muS eines Geistehineingreift, und da belebend oder zerstörend, kräftigend oder schwächend, aufrichtend oder niederschmetternd wirket Und demnach ist es auch hier wie bei der Gesundheit deS Leibe«. Mit der zartesten Empfindlichkeit auf l er einen Seite findet sich eine unberechenbafe Zähigkeit um Tragfähigkeit auf der andern Seite verbuN, den. Wie oft rufen Menschen: „DaS ist ja zum Verzweifeln!" auS, oder: „Da« ist um wahnsinnig zu wer, den!" Aber weder verzweifeln sie, noch verlieren sie ihren Menschenverstand. Ein Schlag wirft oft den Riesen um, während ein Schwächlicher jahrelang Leiden und Schmerzen erträgt, und von aufreibenden Anstrengungen nicht nieder» gedrückt wird. WaS nennen wir Irrsinn? Die Grenzlinie ist schwer zu ziehen und desto leichter zu überschreiten. Wo falsche Vorstellungen und zwar solche, welche den allgemeinen Wahmehmungen widersprechen, in der Seele vorhanden, und selbst durch di« augenscheinliche Beweisführung höchstens auf Augenblicke beseitigt werden können, oder wo falsch und willkürlich gefolgert und geschlossen, Ursache und Wirkung in verkehrten Zusammenhang gebracht wird^ ohne daß eS gelingt, von der Unrichtigkeit zu überführen, da sagen wir: er ist irrsinnig geworden. Jemrhr aber da-* Selbsibewußtfein schivinbet oder doch gänzlich irr« geht, je mehr die falschen Vorstellungen sich zun, ganzen Inhalte de« geistigen Lebens machen, je mehr da- Äedächtniß zurückweicht, his selbst Personen und Sachen nicht mehr erkannt werden: desto mehr steigert sich de4 Irrsinn zu Wahnsinn, welcher endlich zu Wuthausdrüchen der gefährlichsten Art anschwillt. Von Alterher hat man gefragt: woher entsteht der Irr- und Wahnsinn des menschlichen Geistes i Haben wir die Ursachen in der Erkrankung der Seele, in Beschädigungen, deS Geistes zu suchen, oder entspringt 4t aus körperlichen Uedeln, aus krankhaften Zuständen der leiblichen Organe k Es ist merkwürdig daß, während bei vielen Völkern des Alterthums der Irrsinn als ein von dem Geiste eines GottrS bewirkter Aststand angesehen wurde und die Jsrsinnigen deshalb einq gewisse Verehrung oder doch Unantastbarkeit genossen, ahle Philosophen und Uerzto de« griechischen und römischen! Alterthum« den Ursprung deS Irrsinns in leiblichen Krankheiten suchten, und erst von Aerzten des fünften Jahrhundert-, die Meinung ausgesprochen wurde, daß viele Geisteskrankheiten im Geiste selbst ihre Ursache hätten. In der neueren Zeit hat eS auch eine große, lange allein herrschende Schule gegeben, welch« lediglich körperliche Zustände als den Boden ansah, au« welchem die Geistesirrungen erwachsen , und erst die letzten Jahrzehende führten die Seelenärzte dahin, zu erkennen, baß hier von einer Ausschließlichkeit nicht die Rede sein dürfe, daß sowohl geistige als körperliche Momente die ^Erkrankungen der Seele herbeiführen, daß daher diese sowohl aus dem Geiste selbst als au« Störungen de« leiblichen Organismus sich entwickeln können, daß aber auch die Geisteskrankheit auf den Körper zurück wirkt und diesen stört und ^rstört, eine Erkenntniß, die eigentlich auS der innigen Verbindung, in welcher Geist und Körper stehm, hätte von selbst gefolgert werden müssen. Die Erfahrung zeigt die« ja oft genug vor unsem Augen. Schreck, Gram, Sorge, Täuschung, Verzweiflung führen oft genug dahin, daß der Geist seine Herrschaft über sich selbst üerliert, da« seelische Licht nur noch in gebrochenen und flimmerenden Reflexen in sich aufnimmt und dem Irrsinn in die Arme fallt. Aber ebenso wenig entgeht «S uns, daß Gehirnleiden, Blutentzündungen, Stockungen «in Seelenleidrn, ein« Geistesstörung nach und nach oder selbst plötzlich herbeifuhreru Diese Frage nach-den Ursachen, hat, wie man leicht einsieht, nicht bloS eine theoretische Bedentung, sondern ihre Beantwortung wird auch wesentlich die Heilmethode de» stimmen, und gerade diemacht die richtige Behandlung