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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 9 (1865) · p. Seite 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
9 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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34 grtfd)ttn Zorne nehme. Dann aber erhob er sich von feinem Sitze trat auf mich zu, legte--fein« Rechte auf meine Schulter, senkte einen festen Blick in. mein blitzende- und rhränenfruchres Auge, und sprach: „Nur ruhig, mein lieber, lieber Heinrich!" . . . Mann der du jetzt im Grabe schlummerst, sprich, welch« göttliche Gewalt übtest du mit diesen Worten auf mich aus, eine Gewalt, die mir noch heule unerklärlich isti! Dieses Dein „nur ruhig!" war mir einer solchen Festigkeit pud Bestimmtheit, mit einer solchen Würde und solchem Ernst gesprochen, und wiederum-d»r Zusatz drückte so viele Liede, Sanfkmurh und Tveilnahme aus, daß an diesen beiden zusammen, die Wogen meiner Gefüdl« wie an einem Felsen sich brachen. Und nun faßte er mein« Hand, führte mich zum Sopha, ließ mich neben ihm nieder setzen, und zeigte mir mit beredten Worten, wir das Gute und Edle, Wahre und- Schöne durch keinen Angriff, durch keine Schmähung und Herabwürdigung verlöre oder gar erdrückt werden könnte; wie, wenn Jenes in meinem Werke vorbanden, was er fest überzeugt sei, eS trotz aller Anfeindungen Bestand und Anerkennung finden werde; wie ich durch gleichgeartere Widerrede bei dem Publikum mich nur auf dieselbe Linie mit meinen gemeinen Feinden stellen würde; baß ich mich mit einer kurzen, energischen Abweisung begnügen mußte, wodurch mir recht eigentlich d^s ganze Feld frei und im Besitz bleiben werde; und endlich müsse ich dies als ein« rechte Prüfung für meinen Beruf und Werth ansehen. Noch lange bevor er geendet, war ich von der Richtigkeit seiner Ansichten überzeugt, mein Gemüth beruhigt, mein Geist gehoben und entschlossen, seinem RatKe zu folgen. DieS. ward mirzum größten Gewinn, und das Vertrauen aller Bessergesinntrn war der Lohn meiner Fügsamkeit, welche von Anderen als großsinnige Selbstbeherrschung an« - gesehen und gelobt wurde. — Ueber meine Vaterstadt brach ein schweres Verhängniß verein. In einer Nacht,war ein Feuer aufgegangen, davon heftigem Nordostwinde angefacht und von großen Vorrächen von Oelen und Spirituosen, Flacbs und Wolle genährt, schnell zu einer furchtbaren. FeuerSbrunst anschwoll. Sielegte ein.» großen Theil unsrer alten Stadt in A'chr, wütheie beinah zwei Tage, und wandelte ein ganze» Viertel zu einem Trümmerhaufen um. Gleich beim Beginne war das Haus meines Freundes brdrobl und in kürzester Zeit brannte das Nachbarhaus und schlugen die Flammen über die Brandmauer nach dem Giebel seine» Hauses. Ich eilte aus meiner etwas fern gelegenen Wohnung dahin, und fandaußen und innen Alles in der fürchterlichsten Verwirrung. Angst und Schrecken lähmten alle Besinnung und Thätigkeit. Man wußte kaum, was man khat, viel weniger was man thun sollte. Man ergriff die werthlosesten Gegenständ,, um sie mit Mühe zu retten, wahrend man daS Wichtigste und Bedeutendste vergaß. Auch im Haufe meines Freundes herrschte dieses Wirrsal. Di« Kinder kaum bekleidet, schrieen und jammerten unter, einander, die Domestiken-kreischten. liefen treppauf, treppab, und die Hausfrau stand wie beraubt mitten im Getümmel. Da trat mein Freund auS seinem Zimmer heraus; auch auf seinem Gesichte malte sich der Schrecken und die tief« Betrübniß. Aber mit schneller Fassung war er ip sein Comptoir geeilt, hatte durch sein« Leute die Geschäft-- bücher und die jüngste Corresponden; davon kragen lassen; Werthpapiere und Präziosen in «inen Beutel gesammelt und kam nun mir diesem unter dem Arme zu seiner Familie. -Sein Blick streifte über die wirren Gruppen hinweg und augenblicklich erkennend, was Noch thue, rief er mir kräftiger Stimme: „Nur ruhig, Leute, ruhig Kinder, fei ruhig, liebe Emma; Gott wird auch audieser Noch uns helfen!" Sofort befahl er den Dienern, dir Kinder völlig anzukltiben und sie mir zu übergeben, damit'ich sie alsbald nach, der fern gelegenen Wohnung eines Verwandten zu sicherem Gewahrsam dringen, und befahl ihnen streng, sich unter keiner Bedingung von mir zu entfernen. Nur den .ältesten Sohn behielt er bei sich, um die Mutter zu ihren betagten Eltern zu führen, nachdem er mit ihr bas Wichtigste und Unentbehrlichste zusammengeholt. Dann wolle er hier noch so lange verweilen, wie die augenscheinliche Gefahr es gestatt,. Seine kurzen Anordnungen, die Sicherheir seines Ausdrucks und Benehmenbrachten eine merkwürdige Wirkung hervor. Jeder flüchtete sich gleichsam unter den Schutz seines besonnenen Geiste-, vollführte pünktlich, 'was er ikm hieß, und in kurzer Zeit war Alles ausgeführt. »Nachdem ich die Kinder mit vieler Mühe.T^ittch bas Straßengetümmel zu der sichern Schutzstätte gedracht/ossle ich zurück, und fand den wackern Mann in der Nähe ss z^ammengestürzlen Hause-. Er nahm meine mit großer Befriedigung entgegen, und sprach: Dank,' ich bade den Verlust keines Menschenlebens an-und in meinem Hause zu beklagen, was leider schon nicht mehr überall der Fall ist. Außerdem ist das Werthvollste gerettet, und was verloren gegangen, versichert." Mein Freund hatte in seinem Hause au-geharrr, so lange es ging, dann aber mir unwiderstehlichem Gebote alle Leute, die noch in demselben sich befanden, hinau-getrieben, und zuletzt über die Schwelle feines väterlichen Hauses geschritten, daß nun nur noch eine Flamme und Rauch sprühende Ruine war. Es prägte sich mir hier so recht die Ueberzeugung ein, von welcher unschätzbaren Bedeurükg diese männliche Fassung und Geistesgegenwart in allen Gefahren des Lebenist, wie viel Unglück sie verhütet, wie vielen Schaden sie adwender. Und auch bas wurde mir später klar, wie mächtig dieselbe Kraft der Seele für die Wiederherstellung des Verlorenen. für dre Ausheilung der erlittenen Schäden wirkt. Denn da legt der fröhliche Murh schnell die sichere Hand an, nun sofort wieder aufzubauen, die zerrissenen Fäden vpn Neuem anzuknüpf.n und aus frischen Saaten neue und bessere Früchte zu erziehen, weil man durch solchen plötzlichen Eingriff des Geschickes neben dem Verluste manchetheuren Gutes auch viele- Lästige und Veraltete los wird. Das neue Haus meines Freundes wurde in reiflichster Erwägung de- Nützlichen und Angenehmen hergestellt und eingerichtet. Ewar ein sehr behagliche- Leben darin, denn innerhalb einer festen Ordnung herrschte die möglichste Unbeschränktheit und auf-dem Grunde des Nochwendigen war nach Kräften für bas Angenehme gesorgt, ohne irgendwie die Schwer« und Steifheit des Luxuszuzulassen. Wie viele trauliche Stunden habe ich dort verlebt. Aber auch diese häuslichen Freuden waren wie durch das innigste Wohlwollen bas immerfort durch Mäßigkeit und unbewußte Beherrschung geleitet. Mein Freund ließ der Jugend ihr Recht und ihre Freiheit, aber dem stürmischen Auflodern, .diesem sich selbst Aufstacheln der Erregung und deleiden-

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