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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 8 (1865) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
8 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 Aus Amsterdam. .Julius Rodenderz macht eine Reise von Berlin nach Amsterdam. Natürlich beschreibt er sie'). Zn Amsterdam sieht er'sich wacker um. Da weiß er uns auch vom Zubenvierrel zu erzählen. Schade, daß diese Act von Reisebilvern gewöhnlich an zwei Uedeln leiden, erstens daß sie oberflächlich sind und nur äußere Umrisse oor's Auge stellen, dann daß sie sehr witzig sein sollen. Hören wir, was Herr Rodenderg berichtet. ,.Ein paar Schritte weiter brachten mich zum „>'isuwen Dyk" und zur „Nieuwen Brag“, und hier war «S, wo ich den ersten Blick auf das berühmte Wasser von Amsterdam, „ket Y4*, auf die DockS und die Schiffe hatte. Diese Hafenansicht ist recht, wie man sich eia niederländisch Seestück denken mag. Zm Hintergründe hat man die kleinen holländischen Hauser mit den bunten Trachten von Weibern aus dem Volke und Matrosen, und vor sich, -bis an den fernen Horizont, blaues Wasser, mir kreuzenden Bäten, und Masten und Segeln. Zch hatte mich recht auf diesen Blick gefreut, leider wurde mir nur der Genuß desselben durch einen Stiefelputzer gestört, welcher nicht müde wurde, mir seine Dienste anzutragen. , Dies war gewiß schon der zwanzigste Stiefelputzer, der während der drei oder vier Stunden meines Aufenthaltes kn Amsterdam sich begierig zeigte, meine Fußbekleidung zu säubern, trotzdem diese so reinlich und blank war, als ich meiner kritischsten Laune nur hätte wünschen können. Den Andern war ich glücklich entronnen, aber dieser Letzte übertraf an Verstocktheit und Aosdauer alle seine Vorgänger. Umsonst suchte ich ihm zu beweisen, daß ich mit dem Aussehen meiner Stiefel vollkommen zufrieden sei. Ec plaidkbte kn drei Sprachen, holländisch, deutsch und französisch dagegen, und berief sich zuletzt darauf, daß er ein Zude sei, morgen fasten müsse und heute noch nichts gegessen bade. Diese drei Gründe für das Putzen meiner Stiefeln leuchteten mir ein; aber da ich sah, daß es sich hier weniger um die gepriesene holländische Reinlichkeit handle, vor der ich eine gerechte Scheu aus Deutschland mitgebrachl hatte (obgleich ich mich allmählich überzeugte, daß eS damit doch nicht ganz so arg sek), so ließ ich mich mir dem religiösen Smr^ben ferst sind, Zeit hätten, sich daraus zurückzuziehen. Das einer Mn jenen stets wiederkehrenden Repräsentanten Desjenigen, was man in demselben „nemnodisch" nennt; sogar eines Schildes entsinne ich mich, auf welchem zu lesen war: „liier rekeert und suijt men Haar naa’r mode." Aber auch die wundervollen schwarzäugigen Tochter Zuda's fehlen hier so wenig, als im Ghetto von Rom, von Frankfurt oder London. In der Thal, ich habe da manch eine dicke Flechte um einen Kops von so viel südlicher Schönheit und -mit einem Paar so funkelnder Augen darin gesehen, daß ich meinem Führer halb dankte und halb grollte für diesen flüchtigen Gang. Denn zum Verweilen blieb wenig Zeit übrig, da das Judenviertel von Amsterdam auS zallofen Gassen und Windungen besteht. Was uns überall begleitete, war der Geruch von halbfaulen Fischen, die auf offener Straße gebraten und gebacken wurden, daS Geschrei von Männern, welche hochgepackle Wagen mit Datteln durch die Straße zogen und bas Geschnatter und Gekicher der Frauen und Mädchen, wo wir uns sehen ließen. Von Trottoir war auch in .diesen Gassen keine Rede; bestomedr aber von knietiefem Schmutz und Lumpen aller Art, durch welche wir beständig waten mußten. Mitten in diesem vielfältigen Lärm und Geräusch von allen möglichen Gerüchen liegen die Synagogen. Mein Fübrer hatte Recht gehabt. Am andern Tage war der große Fastlag zur Erinnerung an die Zerstörung von Jerusalem. Vor allen Synagogen fanden wir Gruppen alter Männer, mir struppigen, weißen Barken, die sie der Trauer wegen neun Tage lang hatten wachsen lassen. Das Innere aller Synagogen war-mit Schwarz behängt. Oie älteste dieser Synagogen ist ein dunkles, enges Zimmer, in welchem es riecht, als od zweihundert Jahre alte Luft darin sek, und welches aus, sieht, als ob nicht hundert Menschen darin stehen könnten, obgleich sich regelmäßig mehr als dreihundert darin versammeln. Den tiefsten Eindruck auf mich machte bi« Synagoge der portugiesischen Juden, welche hinter einer hoben Mauer liegt. Der Vorsänger ließ mich durch das hohe Thor desselben nicht eher einlrecen, als bis er mit einem großen Schlüssel dreimal laut und langsam angeklopft hatte, damit die Geister der Abgeschiedenen, welche in orr Synagoge Gottesdienst halten, so lange die Leben» felwichser in ein Compcomiß ein: unter der Bedingung nämlich, daß er alle ferneren Absichten auf meine Stiefel aukgede, wollte ich ihn zu meinem Führer nehmen und unter seiner Aegide die hochb,rühmten jüdischen Synagogen besuchen, von denen ich in asten Sagen und Legenden früher so viel Wunderbares vernommen hatte. Diesem bescheidenen Bürger von Amsterdam bin ich für die interessante Wanderung durch das Jubenguartiec dieser Stadt verbunden, welche ich in seiner Gesellschaft nunmehr-antcat. Ich kann gar nicht beschreiben, wie eigentkümlich mir zu Muth ward in diesen Heimachstätten von Spinoza und Urtel Acosta. Enge, dumpfe und schmutzige Straßen voll schreiender Kinder und dicker Weiber vor den Tbüren sind der Typus dieses Judenviertels wie der jedes andern. Hier und da stand ein Jüngling an di, Wand gelehnt, Hände in der Tasche, Hut auf dem Kopfe und Cigarre im Munde — ein Dandy deS Judenviertels und ' '.'lerei'che Revue von I>r. LZilhelm Hols''cbn. Bd. HI. -VV'°: I. 'vaiiuarbfft 1SÖ5\ Allerheiligste ruht hier auf Säulen von gebräuntem Mahagoniholz. Schwere Messinglampen hängen von der hohen, einfachen-Decke herab. Der Vorsänger in seinem gebrochenen Holländisch-deutsch erzählte mir viel von dem großen und mächtigen Vorsteher dieser Gemeinde, Da^Costa, wel, cher einen Sohn gehabt, der sich taufen ließ und ein Christ und berühmter Dichter geworden, aber in seiner letzten Stunde, als es zu spat war, große Reue empfand, daß er den Glauben seiner Väter verlassen habe. Dieser Da Costa ist noch immer einer der beliebtesten Dichter in Holland und die illustrirte Prachtausgabe seiner Werke sah ich späterhin vor allen Buchläden in Amsterdam und den übrigen Städten. Auch das' HauS der Da Costa's wurde mir von meinem Führer gezeigt, Es stand auf der Juden- Heeren-Gracht. Oie Juden-Hecreo-Gracht ist der vornehme Theil der Judenstadt von Amsterdam. Man erinnert sich an die alten Erzählungen von steinreichen Juden und bildschönen Jüdinnen, wenn man an diesen Häusern mit den hohen, verhängten Ffnsteeu, den starken, braune« Thüren und den. massiven Treppen davor, vordeigeht. Den Jude«

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