Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 7 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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27 natürlicher, antwortete er. ich habe bereitum sech- Uhr eine Lektion zu geben, und du weißt, Pünktlichkeit gehört zu meinen Tugenden." „Ader um GotteSwillen, lieber Freund, erwiderte ich, wie kannst du bei Deiner schwächlichen Gesundheit e< Über» nehmen, von so früher Stunde an Unterricht zu ertheilen, denn ich weiß ja, daß Du nun ununterbrochen di» zur späten Nachtzeit Deine Anstrengungen fortsetzest und dir kaum Muße für di« Mahlzeiten gönnst? Wie willst Du diese Mühen ertragen? Müssen sie Dich nicht voz der Zeit aufreiben? Thust Du nicht also Unrecht damit, gegen Dich, di^ Deinen und Deine Freund«?" — R. zuckte die Achseln und lächelte trüb vor sich hin. „Und dann, hob ich wieder an, Du siehst so bekümmert au-. Dich drückt Etwa-, und da- «Hut mir weh." Mein Freund richtete den Kopf auf, blickte mich einig« Augenblicke schweigend an und sagte dann: „Weißt Du, lieber B., efallen heute Abend einige französisch» Lek» kionen au». Jftmm zu mir, und bei einer Taffe Thee will ich Dir nßein Geheimniß verrathen." Ich sagte zu, wir drückten ur» die Hände und gingen unsre» Wege-. Der Abend war gekommen, ich stellte mich bei meinem Freunde ein. E» war sehr behaglich im kleine» traulichen Zimmer. Da» Feuer knisterte im Ofen, und verbreitere eine angenehme Wärme; die Lampe sandte ein gedämpfte» Licht durch da- Gemach; da di« Frau de» Haufe» auwar, bediente die älteste Tochter den The,risch, und bald saßen wir, eine Eigarr« dampfend, allein neben einander auf dem Sopha. Das Gespräch ging über mancherlei Dinge hin und her. Nach einer Pause ssah ich meinen Freund wiederholt einige starke Züge auder Ligarr« tbun. bann trank er feinen Thee au-, und begann. „Du hast mich heule früh wacker gescholten, und ich bin Dir dafür Re» vanche schuldige. Ich habe Dir mein Geheimniß zu offen» baren verbeißen, und odschon e» eigentlich mit der ange» nehmen Stunde, die mir so ungestört mit einander verleben, nicht ganz harmonirt, will ich doch mein Versprechen lösen. Vor Allen laß Dir sagen, daß wa» mich drückt, einfache Nahrungssorgen sind. Mein Bedarf ist bei meiner zahl« reichen Familie sehr groß, und ich muß daher die größten Anstrengungen machen, ohne dennoch vermeiden zu können, in einige Schulden zu gerathen. Zn diesem Punkte, weißt Du, bin ich sehr ängstlich, und die» wird Dir erklären, warum ich mich übermäßig anstrengen muß, und warum Du bisweilen den dunklen Schatten der Sorg« auf meinem Gesichte ertappst." Mein Freund schwieg und ich folgte seinem Beispiele. Waich gehört, warf mir schweren Kummer in di« Seele, denn ich kannte die zarte Empfindung-weise meine-Freu«- de», und wußte nun wie viel er unter den angedeuteten Verhältnissen leiden müsse. Nach einigen Schweigen begann ich! „In solche Dinge hat eigentlich nur Der da» Reckt mitzufyrechen, welcher die Mittel besitzt, helfend einzugreifen. Ader Du hast mich einmal Deine,! Vertrauengewürdigt, und so laß uns die» fen Gegenstand ruhig durchsprechen. Zch kenne Dich als einen so besonnenen und dadei anspruchslosen Mann; ich weiß, daß Lxine Einnahmen verhälrnißmaßig bedeutend und durch dal, wenn auch mäßig« Fixum, durch die An» stellung am K. scheu Institut solide sind. Wie kömmt e» also, daß Deine Au-gaben Deine Einnahmen üdersteigen?" „Du hast ganz recht, autwortete mein Freund, und wir stehen hier vor meinem klonen Geheimniß. Auch mei« Grundsatz war eS vom Beginn meiner Laufbahn an, Ausgaben und Einnahmen stetmindesten» lm Gleichgewicht zu erhalten, und e» ist eben mein größter Gram, wenn ich ihm nicht treu bleiben kann. Du weißt, ich bin ein Kind der Armurh und habe daher frühzeitig den Werth de» Geld«- schätzen und den Druck von Schulden, und wenn sie noch so klein sind, empfinden gelernt. Meine Frau, weißt Du, und meine Kinder, sind um meinetwillen zu allen Opfem geneigt, und habe« mir dieauch oft genug bethätijgt, aber wisse,«» gibt ein Wörtchen, welchedem Menschen ^mehr Arbeit, mehr Kampf, mehr Entbehrung auferlegt, al» alle seine wirklichen Bedürfnisse zufammn» genommen. E» ist »in Wort, daeine unerbittliche Herr» j schafr fibt.j welcher sich der König auf seinem Throne und i der Tageli hner in seiner Hütte nicht entziehen kann, ein j Joch auf den Schultern der Sterblichen , dasie hart j und grau! rm wund drückt, eine Geißel, die stet-über ihren > Rücken geschwungen ist, und dasogar, wen» man e» de, ' friedigt, keine Feevde macht, weil e» eben unersättlich ist. Du siehst mich fragend an. ich will e» dir kundthun — ,» ist da- Wort: - schickt fick und eschickt sich nicht!... Da hast Du mein Geheimniß. Wie viele Sorgen ruft die» im Lichte de- Tage- und unter dem Schatten der ■ Nacht hervor. Wie viele Entbehrungen selbst am Noth» ■■ wendigen legt e» mit an sich überflüssigen Dingen auf;! wie viel,» GlöS*z»iÜiat und wie vielen Ruin verursacht je-. Ja, ich behaupte, e» verschlingt mehr Opfer unter \ den Menschen, aldie wildesten Leidenschaften. Denn diese l wüthen nvr in Einzelnen, dem Macklqehot „eschickt sich"? sind mir aber Alle unterworfen, E» zerstört alle Berechnung und bringt alle Bilanz in Unordnung. Es spottet de» Klügsten, und der Bescheidenste kann sich ihm nicht entwinden." . „Und sollte diewirklich so fein? Sollten Nüchternheit. Uederlegung und Festigkeit diesen Forderungen einer vermeint» llchen Schicklichkeit nicht mit scharfem Griffel entgegen trete« können. welcher unwiderruflich die Linie zieht: bi» hie» her und nicht weiter?" Ja; allerdings kann und muß Stian tint Linie auch für die Geltung, jenefurchtbaren Worte» ziehen: nur baß diese Linke kein» gerade oder keine ununteedeockene fein wird; sie wird oft einen Umschweif und zwar um kein kleine» Stück Boden machen müssen, ja fie wird sich bi-weilen einen unwiderstehlichen Durchbruch gefallen lassen müssen; jedenfall» wird sie meist weit über da-Äaß hin, au-lieqen, nach welchem sie gezeichnet sein sollte. Doch ohne Billd, theurer Freund; da-Grausame liegthier darin, daß nickt der Leichtsinn, der Uebrrmuth und die Eitelkeit die Elter« dieser menschlichen Mißgeburt sind, sondern ebenso oft die unvermeidliche Nothweadigßeit. Oft hängt die ganze Existenz, ^die Stellung und der Erwerb von der Erfüllung diese- „eschickt sich" ab, und bä hilft denn keine Philo» fophie u«d keine Besonnenheit. Die» ist eben mein Fall. Ich habe mir oft genug nach meinen Einaahmev einen Etat gemache.- War e» dock immer meine Hofssnmg, da» hin zu Arlangen. für meine Familie und mein Alter etwazu erübrigen. Wie gesagt, hiernach entwarf ich meinen Etat, aber immer wußte ich ihn der Wirklichkeit gegenüber aufgeben. Z. L. ich setzte in meinen Etat 80 Thaler für X