Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 7 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 f Wohnung, denn ich sah ein, mehr durfte ich nicht darauf verwenden. Aber ich zahle 120 Thaler MiethzinS. Die Bekleidung meiner Familie wurde ftitt 80 Thalern anger setzt, aber sie erfordert jährlich daS doppelte. Nun, siehst Du, konnte ich es durchsetzen, und ich könnte mich dann ' vielmehr schonen und hätte keine Sorge. Aber denke, daß ich morgen ein paar Dachzimmer für jene 60 Thaler bezöge, und die Kleider meiner Krau und Kinder und meine eigenen so einfach, so alt und verkümmert sein würben, wie die kleine dafür ausgesetzt« Summe mit sich brächte — ich und meine Familie würden unS dem gern unter, ziehen, denn wir wissen aus Erfahrung, wie es sich in den Mansarden so vergnügt und behaglich leben läßt, wenn man . ohne Sorgen ist und das Leben leichter unh besser genießen kann. Wie unbedeutend ist der Genuß größerer Bequemlichkeit und Eleganz gegen das Trübsal der Sorgen und unmäßiger Anstrengung k Za, wir konnten dann wohl etwas mehr auf unfern Tisch verwenden, ich durftemir öfter ein Glas Wein gestalten, wahrend wir uns jetzt gerade hierin der größten Einschränkung unterwerfen. Was würde aber da- Publikum urtheilen?. Es würde meinen, 1 ich wäre als Lehrer der modernen Sprachen außer Coucs gekommen, ich hätte meine meisten Lektionen verloren und wäre nicht mehr der gesuchte Instruktor wie früher. Wenn eine reiche und elegante Dame, die mich für ihre Fräulein Töchter engagiren will, drei Treppen nach dem Speicher kinaufsteigen soll, so bleibt sie sicherlich unten, denn waS kann das für ein Lehrer für ihre feingedildelen Kinder sein, der dort droben haust. Und wenn sie selbst , heraufkäme. weil sie einmal im Hause ist, und unsre abgetragenen Kleider.und unser dürftiges Mobiliar sähe, so würde sie den Preis für den Unterricht viel zu hoch finden, denn wenn sie einmal eines so ärmlichen Lehrers sich bedient, so muß er auch mit einem ärmlichen Lohne zufrieden sein. Meine Frau geht .häufig in Gesellschaft; wir geben auch drei oder vier Mal des Zahreü eine große Gesellschaft; er wird dann ein Theater aufgeschlagen und meine besten Zöglinge führen französische und englische Theaterstücke auf. Di, AuSstat, rung muß elegant sein, denn ich bade es mit den besten Familien zu lkun, und die Bewirlhung sehr anständig. DaS Wörtchen „es schickt sich" schwingt hier ein sehr schweres Scepter. Ader ich habe diesen Operationen den größten Theil meiner Schüler.und Schülerinnen, und zwar den Theil, der am besten zahlt, zu verdanken. Wir haben an alle Dem wenig Vergnügen; meiner Frau Sinn trachtet nicht danach. Einen traulichen Abend mit mir und den Kindern zu verbringen, verschafft ibr einen ungleich höheren Genuß. Ader ich frag« Dich, dürfen wir es fallen lassen? Dürfen wir uns aus dem Zusammenhang« mit liaule volee dieser Stadt und in die Mansarde zurück ziehen? Mein Ansehen wäre verloren, meine Autorität verschwunden. und selbst bas K.sche Institut würbe mir kündigen, denn eS selbst, um en voxue zu bleiben, bedarf der namhaftesten Professoren, deren glänzender Ruf auf die Anstalt selbst zurückfällt. Hier hast Du eine kleine Skizze, und ich frage Dich, ob ich es ändern kann, wenn ich nicht in noch viel größeren Schaden verfallen will. Und nun gehe in der Gesellschaft der Menschen umher, und stelle Deiner Beobachtungen an. Sieh den Beamten, der avan» ciren will und wie er darben und hungern muß, um seinen Vorgesetzten und College» gegenüber den „Anstand/' das „es schickt sich" zu bewahren. Sieh den Arzt, der in seiner Equipage durch die Straßen rollt und seine Kundschaft verlieren würde, wenn er zu Fuß, ginge, sieh den Banquier, der, die traurigste Bilanz in der Tasche, einen glänzenden Ball geben muß, um seinen Credit nicht zu schwächen. Und ist es dieses allein? Zu wie vielen Opfern sind wir genöthigt, um bei den Menschen nicht in den Schein irgend eines Fehler-, den Vorwurf eine- Lasters zu verfallen. Ich kenne einen Freund, der einmal seinen letzten Gulden zu eine, Sammlung für einen Flüchtling hergeben mußte, welche von angesehenen Personen in Umlauf gesetzt war. Er mußte eS, wenn er nicht als gemein geizig, hartherzig auSgeschrien. und von seinen besten Beamten verachtet werben wollte. Als die Männer, die sich der Sammlung unterzogen, audem Zimmer waren, kam seine Frau und verlangte Geld für den Mittagstisch. Wie kläglich war dieser an diesem Tage bestellt!" Ich war sehr betroffen, denn der Richtigkeit und Wahrheit de- Gesagten konnte ich nichtentziehen. „Und nun fragst Du, fügte mein Feund hinzu, gewiß nach der Moral dieser Geschichte. Ich denke sie mir zweifach. Zuerst baß wir dennoch alle Kraft des Charakter- und der Besonnenheit dem Andrang diese- Ungerhüm- „eschickt sich" entgegenstellen müssen. Denn da es selbst gar kein, Vernunft hak unk annimmt, und in seiner Unersättlichkeit von Forderung zu Forderung geht, würbe es unS völlig verzehren, wenn wir ihm nicht, so gut wir es vermögen, einen Zügel aalegen, diesen niemals auS den Händen lassen-, und von Zeit zu Zeit straffer anziehen, damit der Heißsporn seine Leidenschaft etwas adkühlr. Und zweitens, baß wir ' in unsrem Urtheil über andere Menschen recht vorsichtig 1 seien. Wie oft wenn wir von den schlimmen Verhältnissen! Jemandes hören, von den traurigen Umstände in welchen j er seine Familie zurückgelassen, schütteln wir weise da« Haupt und sprechen ein Verdammungsurtheil über die; Hoffakrt, den Leichtsinn, die Genuß- und Putzsucht, und ' es stand doch ganz anders um die Ursachen und Motive. , Es ist schrecklich, wie viele Familien in ihren Geldverhält- , nissen unterminirt sind, und zwar gerade im Mittelstände am meisten, ein Schlag, und das ganze künstlich erhaltene ■ Haus stürzt zusammen. Der Mensch hat sich einmal in : der Gesellschaft einen Bau angelegt, mit festen Gängen, bestimmten Wegen und Plätzen angelegt, und diese müssen ' wir wandeln, wenn wir nicht hinausgewiesen sein wollen, j „Es schicktsich", und „es schickt sich nicht" ist für die Gesell- ' schaft ein Gesetz geworden, von einer nicht schwächeren Norh- ' wendigkeit und unbeugsamen Harte für die Gesetze der Natur. Allgemeine Zeitung des Judenkbums. Nr. 6. 1865 i ZnhalnLeilendeArnkel: RacenschemaiiSmuS. (Schluß.) . — Ueber die jüngsten Bewegungen im Judenthume. , Fortsetzung? ‘ — Literarischer Wochenbericht. — . Zeitungsnachrichten: Deutschland: Alzey. Preußen: Berlin, Berlin. OesterreichischerSaiserstaak: Pests Preß- ' bürg, Bonn. Donaufürsteuthümer: Bottuschan, Aus Bn- ' karrst. Frankreich: Paris. —! Sorrespondenz: Briefe au» Rußland. I. — Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. ' Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich Thaler. Verantwortlicher Redackeur: vr. A. Nager. Berlag «cn vanmgSrtner'S Bnchhandlnnz in Leipzig. — Druck veu ® Krepsi ng in Leipzig