Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 6 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4908862-5999392-6026717--2894-4911166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
23 i untre Musttbeglei ung vorgetragene Judellied warm eigrnbS zu dieser Feier von l em Rabbiner Salomon P l essne r in Posen verfaßt worden. Beide Werke kennzeichnen den bewährten Meister jüdischer.Wissenschaft, aber sie sind nicht minder durch die Hoheii der Sprache ein Zeugniß von dem lebendigen Glauben-Gefühle, wie der edelsten Poesie de- Verfassers. Der Rabbiner Dr. Apola nt hielt al-dann die Festrede. Unter Anwendung de- 'Texte- L Buch. Mos., Cap. 17,93.1. „Ich bin Gott, der Allmächtige; wandle vor mir und sei makello-, und ich werde einen Bund einsetzen zwischen mir und dir und dich vermehren über die Maßen" führte der Redner in glühender und begeisterter Rede au-, die Feier gelte der zwiefachen Tendenz der Gesellschaft, nämlich den humanen Bestrebungen derselben, wie sie in der neuere, Zeit darin zur Geltung gekommen sind, und ebenso der religiösen Bestrebung, die sich auf die Bundesweihe stützt, welche der erste Patriach von Gott erbalten hat. Nachdem de Redner mit einem Segen-gedet für alle diejenigen, die mit Hingebung und Treue die edlen Zweck« der Gesellschaft uiterstützt, geendet, gelangte die gottesdienstliche Feier mit dem unter Musikbegleitung vom Synagogen« chor gesungenen 1&0. Psalm zu ihrem Abschluß. Da- Festmahl, welches dann am Mittage in. den Lokalen der Gesellschaft der Freunde stattfand, hatte eine w reiche Theilnchme gefunden und eine so glänzende Gesellschaft vereinig , daß es dem Fest-Comitv nicht möglich war, alle Melkungen, die dazu namentlich in der letzten Zeit eingingen, lecäcksichtigen zu können. Ein schöner^lct durch einen feier ichen Zug in den Festsaal eröffnet« dasselbe. Daauf einem Kissen ruhende, geschmückte und lordeecde« kränzte Buch de Gesellschaft, welcheda- Mitgliederverzeichniß seit nun nehx hundertfünfzig Jahren enthält, wurde von einem Zöglinge der Ba r u ch - Au e r b a ch'schen Waisen-Erziehung-- Anstalt getragen. Demselben zur Seite gingen ebenfalls zwei'Zöglinge desselben Instituts, ihnen folgten der Vorsitzende der Gesellschaft und die Mitglieder de- Fest-Comitör. AIS der Zug bei den Klängen des Mendelssohn'schm Marschean die Haupt-Tafel gelangt war. hielt der Vorsitzende der Gesellschaft^Banquier A. H. H e y m a n n, dessen regen hingehenden Bemühungen die Gesellschaft ihre jetzige segensreiche Entwicklung verdankt, die Begrüßungsrede. Das darauf beginnende Mahl wurde gehoben durch Toaste, Tischreden, Tischlieder (welche von Freunden der Gesellschaft in schöner Form gedichtet worden), eine Damen-,Lotterie tc. Den Glanzpunkt de- Festmahles bildete jedoch di« Darstellung lebender Bilder und zwar: 1) die Spenden der Wohlthätigkeit; 2) König Salomon; '3) Moses in Midjun; 4) Daniel in der Löwengrübe; 5) Moseschlägt den Felsen und 6) Jacob-Traum von der Himmelsleiter. Demühevollen Arrangements dieser Bilder hatte sich ein renommirtec Künstler, der Maler Hc. Jacob, mit einer seltenen Hingebung unterzogen und dir Darstellung, welche die Meisterschaft de- Künstlerbekundete, ging mit einer Klarheit und Pracision vor sich, oaß die Wirkung bei jedem einzelnen Bilde den lautesten Enthusiasmus hervorief. Eine reiche Sammlung für die Armen und ein Ball schlossen die seltene Feier. Die Kraft der Seele. Vor kurzem sah ich eine theure Verwandte in da^ Grad sinken. Seit Jahren hatte sie schwer gelitten. Jdr Brustleiden hatte zju« und zugenommen. Herzkrämpfe waren von Zeit zu Zeit hinzuzetreten. In der jüngsten Zerr kam eine Lungenentzündung und machte nach dem schmerzlichsten Leideif binnen fünf Tagen ihrem Leben ein Ende. Trotz der äußersten Körperfchwäch«> und dem zerrüttetsten Nervensystem bewahrte sie ihren Geist hell nnd scharf, voll Laune und Witz, posll Liede, voll Freude an den Menschen. Es war erstaunlich, wie in den Kwischenräumen, wo ihre Schmerzen nachließen, ihr Geist rastlos thätig, ihr Denken scharfsinnig, ihr Humor lebendig, ihre Liede leuchtend und wärmend war. Füy jeden der Ihrigen trug sie bi» tn» kleiuste ihre zärtliche Fürsorge. Noch mehr. Dierunozwanzig Stunden vor > ihrem Verscheiden cocrigirte sie einen Druckbogen von titlet Schrift ihres Mannes auf ihrem Bette! Die Schrift war von strengstem wissenschaftlich - technischen Inhalte . . . Heran, ihr Materialisten, und erklärt dieses Wunder de» Geistes! Hier, wo > der körperliche Organismus ■ völlig zerrüttet war, bas Nervensystem und daS Gehirn |trt die äußerste Mitleidenschaft gezogen sein mußten, alle Kjcäfte auf den niedrigsten Grab heradgesunken waren -a hier diese Höhe und Frische des Geiste«, diese Klarheit der'Gedanken, dieser Schwung der Gefühle — wie in dm Tagen der blühendsten Gesundheit — wie wollet ihr dies erklären mit eurer Absonderung der Gedanken durch das Gehirn- Wie wollet ihr vor solchen Phänomenen die freie, selbständige Existenz d« Heel« leugnen?!'. Noch ein anderies Beispiel. Ich hadq einen Freund, dessen Frau feit 30' Jahren an einem organischen Lederleiden schwer kränkelt. Jetzt ist die» zur äußersten Ausbildung gelangt. Seit neun Wochen schwebt sie stets zwischen Leben u«d Sterben, diesem näher als jenem. Sie kann kaum mehr etwas Nahrung zu sich nehmen, längst keinen Schritt mehr gehen, sich nijht mehr allein aufrichten, sie ist dis zum Skelet abgemagerr. Sie weiß ihren Tod nahe. Und in den geringm Zeiträumen, in denen ihre Schmerzen Nachlassen - Ohne pietistifch zu sein, ist sie voller Gofte-liede und Gottesfurcht. Sie spricht voll Begeisterung von der Unsterblichkeit. Sie stellt die Bestimmungen über! ihren Nachlaß biin- Detail fest. Eie läßt sich voll Zärtlichkeit mit allen Ihrigen aus. E» ist «ine Erhabenheit, eine Tiefe, ein Schwung darin, wie seltm, und doch beschäftigt sich ihr Geist auch mit den irdischen Dingen in voller Klarheit^. so daß hier nicht von einer Extaft die Rede sein kann,, sondern nur daß hier eine tieffühlend, Seele jetzt unumt runden offen legt, wa» sie sonst wohl in sich verschlösset gehalten «... Ich frage euch^ abermals. ihr Materi »listen, müsset ikr nicht vor diesem schon verwesenden Körp r und diesem höher und energischer alje lebenden Geiste Lehrenverstummen mit euren verlchrumpfrnden — 1 V) i