Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 51 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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203 I a > nicht von der größtmöglichen praktischen Fähigkeit geleitet Zoorden wäre. Ja dieser hochstehende Geist wurzelte nicht dlos im Tuten und Schönen sondem noch vielmehr lm Nützlichen, tm Zweckmäßigen. Die menschliche Gesellschaft hat wenig brauchbarere und nützlichere Bürger gehabt. Sein weltkluge- Äuge zeigt« ihm stets den besten Weg, den Menschen zu nützen; fein gute- Her; trieb ihn an, jede- Opfer von Zeit und Beschwerde freudig im Dienst« seiner Mitmenschen zu bringen, und seine große Arbeitskraft unterstützte ihn dabei aufwirksamste. Jost war entschie» den praktisch, nicht im Sinne jener hohlen Schwätzer, die das Wort: „praktisch" als «ine Waffe schwingen, um damit jede ideale, höhere Anschauung zu bekämpfen. Ihm war das Praktische zugleich da- Gute; so war eihm auch verstattet. da- Gute nur in praktischer Form gelten zu laffen. Die größte Angelegenheit war in seinen Händen so gut und treu gehegt als die kleinste; denn fein, Natur war nicht nur,eine vornehm gebietende sondern gleichzeitig eine bescheiden dienende. Sein weiser, welterfahrener Rath, wo es sich um die wichtigsten Familienangelegenheiten, um l die Wohlfahrt und die Zukunft eine- Menschen handelte, war ebenso unschätzbar wie die Bereitwilligkeit, womit er da- Schreiben eine- Briefe-, da- Uedersetzen eine-Aktenstücks, die Besorgung dekleinsten Geschäfts übernahm. Einen schönen Beweis seiner Gemeinnützigkeit lieferte der Freund im Jahre 1650 durch da- Ordnen der Wimpfen'« scheu Bibliothek. Diese Büchersammlung, die über 6000 Bände umfaßte, war durch die hochsinnige testamentarische Verfügung de- Herrn Antiquar- Wimpfen nach dem Ableben desselben der israel. Realschule zugefallen, deren Bibliothek durch diesen Zuwachzu einer der schönsten und reichsten ihrer Art erhoben ward. Man hielt I. für den Geeignetsten, dies« Büchermenge zu ordnen, und er unterzog sich dem Geschäfte mit seiner gewohnten Treue und führte eglücklich zu Ende: mit welchem Aufwand von Zeit und Mühe, mit tpelchem Kampf gegen Staub und Moder, werden diejenigen, welche sich in dergleichen Arbeiten versucht, zu würdigen wissen. Ebenso bereitwillig übernahm er das Amt de- Bibliothekar-, daihm seine College» übertrugen, und er hielt seine Amrsstunden in dem Biblio» thekzlmmer mit derselben Pünktlichkeit ein, womit er stetseinen Lehrstunden oblag. Ich besuchte ihu dortselbst öfters und war Zeuge defrischen Humors, womit er die monotone Arbeit de- Ausleihenzuweilen würzte. Fast für jeden Knaben hatte er ein freundlich ermunternde-, ein angemessenes, oft ein neckische- Wort in Bereitschaft. Auf die Bescheinigung bestand er mit einem komischen Eifer, der den jungen Leuten eine gar hohe Idee von der Wichtigkeit ihrer Namen-unterschrift einflößen mochte. Die Bestrafung 'der mißbrauchten Lesefreiheit malte er mit schalkhafter Drohung übertreibend aus. — Einst halte er für einen Schüler ein Buch nach seinem Ermessen au-gewählt; dieser aber gab ezurück und bestand auf eine Kriegs» und Schlachtengeschichte. „Nicht wahr, weil Balgereien drin verkommen?" rief mit verstelltem Unwillen der freundliche Mann, indem er daverlangte hervorsuchte. Seit der Stiftung deisraelitischen Literaturinstituldurch den hochverdienten Herrn Dr. Philippson war der Geschichtschreiber, wie bekannt, einer der Leiser dieser weithin wirkenden Anstalt gewesen. Sein Wirken in dieser Eigenschaft ist bereitvon maßgebender Seite (durch den Herrn Redakteur dieser Zeitschr.) gewürdigt word>n. Sein bedeutendes kritische- Talent verband sich mit feinem geschäft-mäNnisch praktischen Sinne-und half ihm die weitläufigsten »ad schwierigsten Arbeiten sm Dienste des Institutbewältigen. ^Umfass,»d^ ManuscrPte ginge« durch sei»« Hand, wurden streng geprüft und ffanden ihre Erledigung so gut wie die Beantwortung de-! einfachste» Briefes. Es war überhaupt eine Freuds, mit dem Trefflichen in Verbindung zu stehe«, dagebe« wohl all« zu, die ihm jemals mündlich oder schriftlich Nahe getreten. Seine Pünklichkeit im Beantwortm von Briefen war ohne Beispiel; denn da er grundsätzlich kei^e Arbeit aufschob, so kam er nicht leicht in den Fall, et«e zu versäume«. Die strengste Zeiteinrheilung, ja ein gewisses Geizen mit der Zelt verdreifachte die Tragweite seiner Energie und seiner ehernen Arbeitskraft. Er fand Zeit für alle-, für jedes Streden, dem er gestattete, in den edlen Kreis feine- Denkeneinzutreten. Und wa< »och mehr ist, er war stetfertig; und wenn nach heißem, emstem Tageswerk ein Freund, ein Gast seine Schwelle betrat, so war de- Mannes Stirne glatt und heiter und sein ganzer Frohsinn, sein klare-, gesammelte- Selbst lächelte dem Ankömmling entgegen. Da j war nichtvon jener Hast, von jm» zappelnde« Emfigj keir, die so viele tiefer stehende Geister mir unendlichem Gefühle ihrer Wichtigkeit — ihrer Titunenermündung möchte ich sagen — zur Schau tragen. Allerdings durfte man ihn nicht ohne Noth inmitten wichtiger Arbeiten unterbrechen. Der Redlich« kannte den; Werth 'der Zeit, zu gut, als daß die muthwlllige Entziehung derselben ihn nicht hätte empfindlich machen sollen. Daeinzige Mal vielleicht, wo ich mich einer gereizten Stimmung bei ihm entsinne, war, als ein Bittsteller mit einer gewissen Zudringlichkeit eine solche Frist gewählt hatte, I um sich ihm vorzustellen. Frühe hatte der weise Mann H unternommen, sein Leben und seine Thätlgkekt zweckütäßig zu ordnen, ein System in seine großartige Wirksamkeit zu bringen. . Jeder Pflicht, jedem Streben war ein gewisse- Maß von Zeit und I Kraft zugstheilt und indem er sich an diese Satzungen! mit großes Strenge band, vermied!» es dennoch anderer»! seit-, bas Leben in einen flachen Schematismus aufzulösen. Seine Kraft schien stetzu wachsen durch die edelste Uedung, seine Zeit schien sich zu 'verdoppeln durch weise Eintheilung, und dahöhere Alter, dabei vielen einen Nachlaß und Rückgang im geistigen Schaffen erzeugt, gab seinem Wirken erst die rechte Milde, Reife und Klarheit. Auf ihn konnte man jenen Ausspruch unserer Weisen anwenden: jvö2nna B'rpta© pr ba orosn •nroVr D^'pto® pt ^2 yiarr o* •»apT :prr*b* rn©'ra Dnr* : ntniana on*i ■p®eona Der Weife wächst bei zunehmendem Atter stetan Weisheit, denn sein Wissen klärt sich in ihm; der rohe l Mensch hingegen versinkt in feinem Älter in noch größere ' Thorheit; tji fein Denken dringt noch größere Berworrenj heit. Sabbat 152 a.