Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 49 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 - schieden. ES ist gekommen, wie ich eS mir gedacht." Sie gab mir «mm kurzen Bericht, der erst in späteren Tagen naher au-zefüllt wurde. Sie hatte sich einen Besuch ihres Mann - erbeten und demselben da-Gesuch mit der dringendsten glitte der Erfüllung vorgelegt. Er gen'eth in eine große Entrüstung, ob diese nun eine wirtlich empfundene oder erkünstele war. Er warf ihr vor, daß sie ihm in die schmutzigen Angelegenheiten ihrer Sippschaft hereinziehe, und ob ec licht schon genug unter dem Fluche ihrer Abstammung gelitten habe und leide. Die Frau hielt möglichst an sich^ aber sie fragte ihn, ob sie^ ihn jemals um eine Gunst für einen ihrer Verwandten angegangen habe? ob er einem der Ihrigen nur einen Bissen Brotezu reichen gehabt? und ob sie ihm etwa, als er um ihre Liebe geworben, au!» ihrem Geschlecht ein Geheimniß gemacht? Seine Antwort wstr noch schnöder, noch beleidigender, und er stürmte von dannen. Am andern Tage erhielt sie von ihm einen Brief, der in nackter Weise die Scheidung verlangte und dafür die Erfüllung de- Gesuches versprach. Er hatte den Rclh seiner Nichte eingeholl und diese ihn zu diesem Versa! ren bestimmt. Die Gräfin antwortete ibm, daß sie di, versprochene Erwirkung der königlichen Gnade für den schuldlos Berurtheillen mit Dank annehme, und zwar um so mehr, alS damit^der Wunsch ihres theuer» sien Lehrers erfüll werde. Was die Scheidung anbeträfe, so würde sie sich ihr nicht widersttzen, da sie ja doch nur eine Förmlichkeit wäre, weil sein Herz längst von dem ihrigen geschieden!und seine Liebe in Mißachtung verwandelt sei. Sie werde nie aufhören, ihm die innigste Verehrung zu widmen und I die Dankbarkeit nur mit ihrem letzten Athemzuge^-aus hrer Seele weichen. Aber sie kenne jetzt auch den Weg, der für sie zum Frieden führen werde, denn sie habe fm den Rest ihres Lebens den Gott zu versöhnen, welchen s e um seinetwillen verleugnet habe. — 7— Ich habe meinen freundlichen Lesern nur noch wenig zu berichten. Der unglückliche Wollhändler wurde bald in Freiheit gesetzt und wanderte mit seiner Familie, von der Gräfin und seinen Verwandten reichlich unterstützt, nach Amerika aus- Aber'seine Erwartung, sich bald einen neuen Erwerbzwng zu gewinnen, ging erst spät und nach langem Kampfe i mit dem Geschick in Erfüllung. Die Armen mußten Inoch einmal den Pllgerstab in die Hand nehmen, noch einmal über den Ocean fahren. Jüngst kamen von ihnen Briefe aus Melbourne ln Australien an, welche von den glücklichsten Verhältnissen Kunde brachten nud die Zuversicht auf eine frohe Zukunft aussprachen. Was die Gräfin von N. betrifft, so ging.die Scheidung von ihrem Manne nach kurzer Zeit vor sich, und ' ihre Verhältnisse waren-bald arrangirt. Sie verließ die Residenz, aber weder in K. noch in G. wollte sie ihren Wohnsitz aufschlagen. Sie machte von der Freigebigkeit ihres Mannes, die er ihr gern beweisen wollte, keinen Gebrauch, sondern wies alles zurück und behielt Nur das Vermögen, welches sie schon vor ihrer Scheidung besessen und das aus einer ziemlich bedeutenden Morgengabe bestand, welche der Graf ihr bei seiner Verheirathung mit ihr auSgesetzt, sowie auS den reichen Geschenken, die er öhr während der ersten Jahre seiner Ehe bei jeder Veranlassung gemacht. Sie erwarb sich einen reizenden Landsitz dich? bei einem schön gelegenen Landstädtchen. Hier verbringt sie ihre Tage, theils mit wohlthätkgen Handlungen theils mit Studien all» Art beschäftigt. Sie lebt als 'eine wahrhaft fromme Jüdin. Sie hat eine Erziehungsanstalt, für arme Mädchen von 15—18 Jahren errichtet, in welcher 12 Zögttnge einfach undzu praktischen Leben-berufen gebildet werden, und macht hei der Aufnahme keinen Unterschied aureligiösen Gründen, wttnn sie auch^ allerdings vorzugsweise auf Mäd, chen ihre- PlaubenS Rücksicht nimmt. In einem gerichtlichen Acte Ihat sie die Existenz dieser Schule durch reiche Geldmittel jesichert, aber dabei den Vorbehalt gemacht-, daß wenigstenein ' Drittel der Zöglinge stets jüdischen Glaubens felin müsse und für deren religiöse Bildung streng gesorgt werde. Sie wirkt an dieser Anstalt persönlich mit und wird in der Gegend als die Mutter aller Armen und Hilfsbedürftigen hoch verehr?. Mir hat sie das Versprechen abgenommeq, jährlich mit meiner Familie einige Tag« auf ihrem Landsitze zuzubringen, und egehört zu unser aller freudigsten Ereignissen, diesem Versprechen immer getreu nachzukommen. Mjlhomet II. am Paschafeste. Nach dem Educatore israelita. Viele Dinge, die wir jetzt str Mährchen halten, ereigne, ten sich in her Vorzeit wirklich. Dessen müssen wir uns stets erinnern bei den 'lnekboten, welche uns von de« allen (5f)roniflen - erzählt werden. Zumal bei den Orientalen — Menschen, die >on uns durch ihre Gewohnheiten verschieden sind und du ch ihre GefsihlSweise, da sie mit einer zügellosen Einbildungskraft begabt sind — geschahen viele Dinge, die in unsrer Tagen selten, wenn nicht unmöglich sind. Bon dieser Act sind di« Anekdoten, welche unin der hebräischen Chronik der ottomanischen Könige von Elia Capsali mitgelheilt verden. Ein derjtllchcs Beis-irl für jenm Satz ist immer Mahonie tili. durch sei re sonderbare Vorliebe für nächtliche Spaziergänge. . Zu seiner Zeit "lebtet die Hebräer in Konstantinopel zahlreich undruhig. Es scheint sogar aus dem wenigen, was wir auder Geschick te von ihnen wissen, deutlich sich zu ergeben, ' daß in diesir großen Hauptstadt!, seitdem sie unter da- Zepter der Sultane gelangte, unsere Glaubensgenossen stets von jenen barbarischen Bedrückungen befreit bliebm, welche viele aw re Städte Europa'- mit ihrem Blut rötheten. — Es war der erste P ischaabend. Die''Hebräer hatten, wie gewöhnlich, den Lisch zubereiter mit ungesäuerten Broten, bit kern Kräutehn und. Wein ln nicht geringer Menge und 'eierten nun das Fest mit Gesängen, die zwar nichd dem Opre schmeichelten, aber jedenfalls aus der Tiefe des Herzens kamen und eine ungeheuchelte Freud« zu tu kennen gaben. In diesen Stunden gab es keine Sorgen, keine Kümmernisse; ein beneibenswerthe« Vergesse« aller Dinge erfüllte alle die mit Glück, denen-die Kraft der Lungen ausreichte. E» war ein Enthusiasmus, der nicht- Gefährliche-, nicht- Unsittliches an sich hatte und deroft bas Band der Familie wieder fester zog. Antworte man uns nicht, daß dies Kinperei gewesen, da ja damal», faU jetzt und immer, die Kindirr kleine-Mmschrn und die Bkenschen nicht» andreals gsroße Kinder waren.