Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 49 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 selbst vor der Dienerschaft offenkundig. Solchem Benehmen durfte ich mich nicht unterwerfen und ich machte diedem schönen Fräulein mir klaren und kurzen Worten verständlich. Sie änderte scheinbar ihr Betragen, aber .schlich sich allmählich durch kleine Künste in dasV:rrrauen und zuletzt in >daS Her; meines Mannes ein. Zu ]m Sie mich hierüber ^hinweggeben. Es mußte zum Brui^e.kommen und ft« verließ wieder unser Haus. Aber! ie Ent? Wicklung dieses Verhältnisses war nur um so t aurlger. Der Graf richten ihr ein glänzendes Haus ein; hie machte sie die HonneürS der Familie, mein Mann zog sict immer mehr von mir zurück; wahrend er täglich Bes »che bei .seiner Nichte machte, sah ich ihn. immer seltener and seltener, und wenn er kam und eine kurze Zeit bei mir verweilte, war er mißlaunig, machte mir über alles u ad jedes Borwürfe und' gab mir zu verstehen, daß ich ein Hinderniß aus dem Wege seines Glückes und feiner G'öße sei. Mein Aurs verödete, mein Stillleben wird nur d swrilen durch die Versammlung geistiger Capacklaten unter-rochen, die einmal gawebnt sind, in den Salons dieses Hauses von Zeit zu Zeßt sich einzusinden; ich kann .schon fitzt mich nur wie ein verlassenes, geschiedenes Weib bekrachr n. . Sie feuere tief auf; ihre Stimme war imm r leiser und dumpfer gnrorden. Nach einigem Stillschweigen richtete ich die .Frage an sie: Har Ihr Gemahl jemals die Absicht eines lachen Schrittes ausgesprochen?" Sie erhob ihr Angesicht und blickte mich mii festem Auge an. ..Nein, aber ich muß die Absicht voxa! ^setzen. Das Verbaltniß kann nicht so fortdauern. Aber, wenn Sie mir Glauben schenken, so nehmen Sie nicht in, daß ich ihm irgend^ welche Veranlassung gebe. Ich Hab! meine Schwache hierin überwunden, nach schwerem Kamp e überwunden, den dtlkchzuringen mir ja Zeit und Muß, genug gewabrt war. Ich fühle mich nicht zu unglücklich Vor so vielen und > jahrelangen Kränkungen ist auch n mir die Liede erloschen. Mein Her; ist voll..Dankbar eir für den Grafen, ich weiß, was ich ibm schulde, und fü st, den innigsten Wunsch, baß er glücklich sein möge. A-er die Liebe in meinem Herzen ist erloschen. Vielleicht , >äre es ander-, wenn mir Gott Kinder geschenkt hatte, ßür sie würde ich kämpfen, wie es eine Mutter thut, ir ihre Kinder des Vaters beraubt sieht. Diese Kinder würden ein Band mehr ^ein^ und ein unzerreißbares, de ö mich an meinen Mann fesselte. So aber ist cs nur «^persönliches Verkaltnliß, und da'er das Band, das ihn an mich schloß, zerrissen bat, löste sich auch'nach und nach das Band, das mein Herz an das seine knüpfte. Stehe ich doch ganz allein. Meine Mutter und mein jüngerer Bruder verkümtzterren, bevor ich ihnen «ine Wohlthae reichen konnte. Meinl" älterer'Bruder ist verschollen. Ich habe nie wieder etwas von ibm gehört. Aber ich fühle mich nicht g.Mz unglücklich. Mein Leben hat einen neuen Inhalt gewonnen^ der, so schmerzlich er für mich ist, meinen Geist ganz und gar beschäftigt, mein Her; in sich einkehrm laßt, eS höher! und höh'er hebt und läutert. Sie wissen, welche Gedanken, welche Zweifel, welche Prüfungen in mir wach sin-, ich habe es Ihnen gesagt und Sie haben mir geantwortet. Ja, Herr Doctor, als ich Ihren Namen las, zuckle ewie mit einem elektrischen Schlag« durch meine Seele; als ich Sie eintrelen sah, wußte ich, daß abermals ein Wendepunkt in meinem Geschicke eiNtreten werde. So sind Sie mir zwei Male erschienen, so jetzt zum dritten Male ..." „Und doch, Frau Gräfin, muß . ich Ihnen noch einmal . sagen, daß Sie keinen Schritt thun dürfen, um Ihrerseits dem Bunde zu entsagen, der, heilig und unverletzlich, Ihnen nicht die geringste Pflicht erlassen kann, zu der er Sie berufen. Kann nicht Ihr Gemahl sich wieder zu Ihnen wenden? Kann sein Herz nicht noch einmal von der Liede zu Ihnen sich erfüllend Kann sein hoher Sinn, sein scharfer Geist nicht plötzlich die düsteren Nebel.durchschauen, j die eine böse Hand und mißliche Verhältnisse darum! gebreitet? •. . j „Ich hege diese Hoffnung "hichr, lieber Doctor," erwi-! derte die Gräfin sanft, traurig, aber ruhig und bestimmt. | „Ich kenne die Sachlage besser, die Personen, die Umstande. ' Es hat bereits zu lange gewährt, als daß nicht meine ' Erwartungen sich längst auf immer enttäuscht gefunden. Nein, ich werde keinen Schritt thun, kein Wort sprechen ' — aber ich werde nicht aufhalten, was doch unaufhaltsam > kommen muß. Die Angelegenheit, die Sie in meine Hand gelegt, wird die Gelegenheit bieten, ich sehe es voraus. Geben Sie mir das Gesuch, ich werde es noch beute ' meinem Manne verlegen; ich werde ihm sagen, welchen 1 Werth ich auf dessen Erfüllung lege; ich hoffe, den Unglücklichen wird geholfen werden — aber für mich eine Entscheidung sich daran knüpfen. Ich bin gefaßt, ja, ich wünsche eS." , Bei aller Selbstbeherrschung, welche die leidensvolle, \ tief und viel gekränkte Frau mir gegenüber bewies, bei! aller Fassung, die sie zur Schau trug, drangen dennoch Thränen einzeln aus ihren Augen, und in der Befürch- 1 tuni}, daß sie einen krampfhaften^Ausbruch ihres Schmerzes nicht lange mehr würde zurückhakten können und ihr dies in meiner Gegenwart sehr lfid^stin würde, beeilte ich mich mit der Frage, wann ich, mich wieder einsiellen sollte. 'Ich ward auf vier Tage spater befchieden. t Zur festgesetzt.'» Zeit fand ich mich in dem gräflichen . Hotel ein. Ich fand die Gräfin sehr verändert. Ihr Gesicht war bleiche, ihre Wangen hohl, ihre Augen von Thranen^gerölhet. Aber sie war gefaßt und ruhig und in ihren großen Augen brannte ein leuchtendes Fever.! Sie kam mir freundlich entgegen und rief mir zu: „Die! Sache ihrer Schutzbefohlenen steht günstig. Der Graf hat die Gnade des Königs erwirkt und, die Angelegenheit geht nun ihren regelmäßigen Gang durch das Zustizmknk» l sterium an das Gericht Ihres Wohnplatzes. kaffen Sie > mich hinzufügen, Herr Doctor, daß, wenn die armen Leute zu ihrem Fprtkommen der Unterstützung bedürfen, ich Ihnen gern eine kleine Summe zu Gebote stelle." Jch^ivar sehr glücklich, verbeugte mich dankend, ergriff die Hand der Gräfin und drückte sie herzlich. Aber als ich aufKickte und die kummervollen Züge um den Mund der Frau gewahrte, erblich meine Freude, denn ich fühlte, daß ich hier einem nicht minder schweren Grame gegenüberstehe als dem, welcher eben in so günstiger Weife gehoben worden. Die Gräfin mußte die Frage, die in meinen Blicken lag, verstanden haben, denn sie fuhr fort: Aber auch meine Angelegenheit, werther Freund, ist ent-