Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 48 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 2)
- Language
- German
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190 eine willkommene Beut«, aber als ich ihnen widerstand, beschützte mich der Graf vor ihren Brutalitäten/und fo war unsre Bekanntschaft gemacht. Da» Geschick flügte es so: er faßte die heftigste Liede zu mir und ich sta^rd ihm darin nicht nach. Ec erschien mir als das Ideal aller männlichen Goöße und feine Teistesgewandtheil, se^ne umfassende Bildung fügte seiner liebenswürdigen Ersj)einuag den höchsten Reiz hinzu. Er hals mir aus allen! meinen Nöthen, brachte mich nach der Residenz und statte e meine Häuslichkeit mit verschwenderischer Hand auS. Aber mit aller Kraft wiederstand ich seinen Bitten, und gera> e meine schwärmerische Liede für ibn verlieh mir die Enerzie und .ich weigerte mich, ihm anders aazugehören, als rnn bas eheliche Band unS vereinigte. Ader wie groß var die Kluft, die zwischen unS lag. Dennoch wollte er mich nicht au'geven. Er trotzte den Vorurtheilen feine l Stande-, den Schmähungen seiner Verwandten. —I Eltern harre er nicht mehr — und waS noch meor, den Unwillen des von ihm so sehr geliebten un& »irehrten Kronprinzen. Seine Leidenschaft für mich überwand alles und wie wurden ehelich mit einander verbunden, i Freilich mußte auch ich ein großes Opfer dringen: ich trat au seiner Kirche über . . . Der Graf ward anfernem Amt« ungnädig entlassen und begab sich mit mir zuerst nach Pari«, wo er mich durch die 'besten französischen üad deutschen Lehrer unterrichten ließ und nach und nach >n immer höhere Kreise brachte, um deren DitNN und Gewi hnheiten mir anzurignen. In Frankreich wird die Persin höher als die Geburt geachtet. Dann zogen wir nach der Schweiz und endlich nach Italien. Hier wäre«, wo er vc r einigen Jahren mit dem Könige wieder zusammenrraf. E« war eine Fügung, denn mein Mann harte enicht zur Absicht. Er ging in Rom auf der Straße, als der König u Pferde mit einigen Begleitern daher sprengte. Das Koß de« Königs wurde an einer Ecke scheu und eilte rasend von dannen. Schon hatte der König die.Bügel verlrren und der nächste Satz des Pferdes mußte ihn auf bas Pflaster schleudern. Da warf sich mein Mann dem P erde entgegen, halte bas Glück, den Aügel zu erfaffen, riß mit übermenschlicher Kraft den Kopf des Pferdes a! :der und versetzte ihm «inen Schlag, auf die Stirn, fo dl ß es wie betäubt stehe» blieb. Der König war gerettet, m^in Mann schwer, verwundet. Spater hatte der Graf Gelegenheit, seinen Monarchen aus einer diplomatischen Schliaße, welche die verschwitzten Römlinge ihm gelegt, durch feint Geistesgegenwart glücklich zu ziehen, und seitdem wollte der König sich nicht wieder von ihm trennen. So gelangten wir wieder hierher. Der König überhäufte den G asen mit Ehren, weigerte sich aber durchaus, mich, bi: getaufte Jüdin, an den Hof kommen zu lassen. Ich oar daher aus der Gesellschaft, welcher mein Mann angehirte, ausgeschlossen, und obwohl ich dadurch nicht litt, denn der Rang meines Manne«, fein Reichthum und die Neigung meines Geistes versammelte in meinem Salon alle Berühmtheiten der Residenz sowie des Auslandes, di« jene besuchten. Doch mein Mann wurde hierdurch von mir getrennt, indem er in einer Sphäre lebte, an i relcher ich keinen Thett hatte." Sie hatte mir diesen Bericht in ruhigem Tone gegeben, aber ihr gefinktes Antlitz war mit wehmüthigew Schmerze überhaucht «ab um ihren schönen Mund traten Züge des , Grames deutlich hervor. Ich fand keine Worte, die ich ' zu ihr sprechen sollte, und verharrte in Schweigen. Da erhob sie plötzlich ihren Kopf, schaute mich mit ' einem feurigen Blicke an unb richtete fast heftig die Frage an mich: „Glauben Sir, daß ich glücklich war? . . . O, es wahrte nur eine kurze Zeit, freilich war sie überaus schön, aber doch nur kurz . . . und wissen Sie, wer mich in meinem Glücke störte? ... Sie waren eS. Sie erschienen mir in meinen stillen Stunden: Ihre Gestalt trat vor mich mit strafendem Blicke und rief mir zu: Du hast den Glauben deiner Baker adgeschworen! In meinem Träumen und meinem Wachen sah ich mich wiederholt in der Synagoge zu K., ich stand vor der versammelten Gemeinde und sprach mit lauter Stimme: Ich gelobe, in meiner Religion zu leben und zu sterben . . . und dann wandt« ich mich um, und Sie legton die liebe, sanfte Hand auf . mein Haupt und sprachen den Segen über mich . . . und da tönte es dauernd durch meinen Geist: Du hast gelogen! . . . Dieist es, wa« mir allzuoft das Herz durchwühlte, ach, ich sagte mir: der Gott der Gnade und Barmherzigkeit wird es dir verzeihen, i Hakte ich denn «ine Wahl? Sollte'ich lieber! in den Abgrund stürzen, von dessen Rande ich schon hiaabglitt, als mich die Hand des Grafen ergriff und wieder heraufzog? Und ist es nicht der Finger Gotte« selbst, der diese unüder- . windlich« Liebe im Herzen des Mannes und Meide« weckt und sie wie von feinem eigenen Geiste durch die Seelen ' der Menschenkinder strömen läßt? Warum hätte ich ihr rulvt folgen sollen, ihr, die wie ein Ruf Gottes selbst in unfern Herzen klingt? . . . Mit der Zeit beruhigte sich! meine Seele hierüber in etwas, aber desto mehr beschäftigte! sich mein Berstand damit. Besonders nachdem wir hierher gekommen und die Aemter meines Mannes und di« Hof- gefellfchaflen ihn nur noch wenige Zeit mir zu widmen ließen. Sehen Sie . . ." Sie war aufgestanden und hatte eine Tapetenthüre; geöffnet, daß ich ein kleines, zierlich aber einfach geschmück- . res Boudoir überblicken konnte.- Sie wie« mit der Hand auf ein Portrait, das an der entgegengesetzten Wand hing i — es war da« meinige. Darunter befand sich auf einem feinen Brete ein, Reihe prächtig gebundener Bücher. „Dies ist meine Iufluchtstätte, in die ich mich mit mir selbst zurückziehe, um ungestörte Stunden der Betrach- I tung und degeistigen Ringens zu durchleben. Auch : Ihre Schriften befinden sich unter jenen, wie auch Werke der besten Lehrer der Kirche, welcher ich jetzt angehöre." — ' Sie hatte sich wieder auf den Divan niedergelassen. Dann fuhr sie fort: Ich stubirte und prüfte, fo gut wie ich es vermag, alle diese Meinungen nach- und nebeneinander; ich wollte eine fest, Ueberzeugung gewinnen, ich Thörin, die nicht wußte, baß sie eine solche schon habe, die sich durch alles, was -ich las, nur entwickelte und verstärkte, daß die Macht der Gewohnheit,^?« Grundsätze, die wir von Kindheit an einsaugen, durch nichts erschüttert werden können. Was ich in Ihren Schriften las, das erschien mir allein als die Wahrheit, und was mir Schöne« und Herrliche« in den Werken der andern Partei begegnete, war es für mich nur dann, wenn es mit jenen Überein- : stimmte; was dann abwich, erschien mir nur als «in glänzender Jrrthum, als ein künstlich verdeckter Wahn. I Meine Unruhe wachte dadurch nur von neuem auf und