Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 44 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 175 — "I bewirk»: ich hörte nichtwieder von ihnen. AlS wir das MLdchen ,heruntergerufen und an unserm Frühstück Lheit nehmen ließen, sprach sich dahin au-, daß eine Rückkehr nach K. zu ihrer Mutter ganz fruchtlos sein würde, da sie ihr nickrmitdrachte und ihr« Familie in K. einen zu üblen Ruf habe, um zu einer nutzbringenden Thatigkeit kommen zu können. Als ich ihr meine Bedenken üder'lhren bisherigen Lebenswandel auSsprach, zerfloß sie in Lhranen und gab den festen Entschluß zu erkennen, sich jeder Anstrengung zu unterziehen, wenn ihr nur die Gelegenheit geboren würbe, zu einem regelmäßigen Lebenswege zurückzukehren. Ihre Erfahrung wäre zu bitter gewesen, als daß sie sich nicht zu einem solchen entschließen müßte und den a!S ihren Lebensretter segnen würde, der ihr dazu verhelfen werde. Diese Thronen, diese Entschlossenheit, vereinigt mit der ihr eigenthümlichen Anmurh, bestachen meine Frau, odschon sie meine Zweifel nicht gänzlich überwanden. Oie Erfahrung hatte mich schon gelehrt, daß eine einmal an Fessellosigkeit und unregelmäßige Beschäftigung gewohnte Natur selten vermag, auf die Länge sich in das gleichmäßige Schaffen einer geordneten, sich immer wiederholenden Thatigkeit einzuordnen. Ich zweifelte nicht an der Aufrichtigkeit ihrer Reue und augenblicklichen Entschlüsse, wohl aber, daß diese auf die Dauer ihre Herrschuft über sie behalten würden. Ohne dies dem Mädchen zu verhehlen, folgte ich doch den edelmüthigen Impulsen m.inrr Frau, und wir. beschlossen, Sarah an eine Freundin in Berlin zu senden, welcher es leicht werben würde, dem Mädchen ein vortheilhafles Unterkommen zu verschaffen, und die diese Bemühung auf unser Gesuch gern übernehmen würde. Als wir Sarah fragten, ob sie nicht Sachen in dem Wirthshaufe hättedi^'abzuholen wären, zuckte sie bitter lächelnd mit den Achseln. „Ich besitz, nichts als diese Tirolertracht; was von mir noch dorr ist, verlohnt der Mühe nicht." * Glücklicher Weise brauchte ich nicht daran zu denken,! die sämmklichen Kosten, welche die Beförderung Saryhs nach ihrem neuen Bestimmungsorte -verursachen^ mußte, allein tragen ^»'müssen. Ich mußte, daß ein wohltbätiger Frauenverein in meiner Gemeinde diese willig erstatten, werde. Meine Frau stattete das-Mädchen mit einigen ihrer Kleider* -und etwa- Wäsche »US, aber die Tirdlertrachl durfte sie bricht mlknehmen uno>ssllte zum Besten ihrer Mutter auf den Trödel wandern. «Mit der Mittagspost fuhr- Sarah ad. An strengen und eindringlichen Mahnungen erhielt sie von mir eine tüchtige Masse mit, und so fuhr sie nach Berlinab.’ (Forts, folgt.) i Der Abschied vom den Festen. Ich weiß, lieber Leser, du bist nicht einer vün denen, welche für di« erhabenen Feste des Iudenthum.s jeden tiefzanern Sinn verloren haben, .welche sie nur auf dem ausgetretenen Wege der Gewohnheit oder gar nicht begehen, oder der „Religion genug gethqn zu haben glauben, wenn sie am NeüjahrSunb Versöhnungsfeste einige Stunden in der Synagoge verbrachten. Nicht so; wenn sie nahen, fühlst du eine aufrichtige Theilnahme, ein lebhaftes Verlangen, eine gemüthliche und erhebende Erwartung. Und während sie bei uns sind, empfindest du eine inniq^ Weihe, eine außergewöhnlich« Stimmung, und d,in Geist ist von ihnen eingenommen; du folgst dem Gedanken, Inhalt« und Zwecke jedes derselben, unb denkst und empfindest sie durch. Da1 ist es denn um die Stunde des Abschiedes eine-eigene Sache. Insonbers wenn bi, Feste des Herbstes zu Ende sin»; wenn die ganze Reih« de-Rosch hä chanah, des Jom Kippur, des Succorh, des Sckmini Azer lh und Srmchath-Thorah vorüdergegange». Sie find dabin mit ihren verschiedenartigen Erregungen und Momenten, sie sind wieder einmal dahin — werden wir sie wieder erleben? und was wird bis dahin unsri^ Lobs, .unser Geschick sein? ... Doch nicht dies. Die breite Ftcche der gewöhnlichen Zeit im Kreisläufe der Tage, Wochen, Monde liegt vor uns; da« Leben mit seinen brängenven Wogen schlägt wieder ununrerbrdchen um ünfrc kleines Fahrzeug zusammen; vorwärts, unverweilr vorwärts ist wie>,r das Losungswort« Noch besonders; diese Feste sind uns der Markstein der bessern Jahreszeit. Bis dahin h<ftte der- Herdst noch mit sommerlichen Stunden fein buntfarbige- Gewand geschmückt, und mancher Sonnendlick halt« uns die schwindenden Reize der Erde vergoldet. Jetz ist e- «ntschieden. DaS welke Laub knistert unter unserer Füßen, bürri streckedi« Oeste der Bäume sich in die Lest, der Nebel verhüllten Äuf*vjunb den Niedergang der Sonne und' verdunkelt des Mondes Glanz, der Himmel ist mir grauen und schmutzigen Wolken bedeckt. Horch! wie der Wind Heine Schwingen prodirl! Jetzt ruht er etwa J, dann hebt er sie wieder und schlägt sie wie zornig, den St, rm und den Frost, dien Schnee und das Eis verkündend a s nahe. Dies ifj es, was t^ns den Abschied von den heiligen Kesten unserer Religion: fo eigenehümlich. gestatte«. Wir sehen sie, so wir" sie wohl verbracht, gut benäht, treu gepflegt, nicht gerade ungern scheiden. D'nn der > Mensch kann sich niemals allzulange auf der Höhe halte». Und doch wiever erfüllt ihr Ende uns mit einer gewiss m Weh» muth. Wjr steuern gern wieder in das volle, gan \t Leben, in di« volle, ganze Arbeitszeit hinaus. Und dok» wieder wirft dieein gewisses Bangen in unser Herz. Wissen wir doch aych, daß hinree jedem Winter rin neu r Frühling unb SomkNer kömmt, — aber wie viel rauhe, stürmische Stunden, chj«. viele sthneibende und rückende Tage und Nächte können dazwischen liegen? Und über alles und alles dies muß doch eine Betrachtung heraufsteigen. Nur scheinbar, Mens«, kreist, um dich der Wandel bet Zeit lw^nn-er denselben Bähnen. Laß dich Nicht täuschen. Du' zahlst die Tage — «ine Woche, unb dann fängt sie wieder an; dir Wochen — ei» Monat, unb dann beginnt er von neuem; die Monde — ein Jahr, und ein anderes hebt an. Nicht so. Kein Tag, kein« Woche, kein Mond, kein Jahr keh« wieder. Sck' - dich an. i Wie hast du dich mitten durch all diesen Kreislauf verändert r^Deine Kindheit ist Juger d, deine Jugend Atter geworden. Deine Gestalt, drin Ani itz, deine Augen, daA Haar ttitf deinem Haupt« künden dir an, welcher Wandel mir dir vorgegangen. Und dlükst du in Heine Seel«, ernst und prüfend, so gewahrst du r icht minder solch«-. Di« Springquellen der Lust sind vielfach versiegt, die Regenbogenfarben der Einbildungskraft zu einem matten Braun, ja Grau geworden. Die Wel rn deines Gemüthes schlagen nur noch langsam auf, und efTofht