Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 44 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* 174 — mit mir einver^anden fei, das unglückliche Mädchen in Schutz zu nehmen. Meine erste Krage war: „Hak denn jemand Sie watzrgenommen, als Sie Ihr« Flucht h erhernahmen?" Sie! antwortete: „Leider kann ich dies nicht tra-e stand verneinen; denn wie ich um die Ecke dog, wslche die J einige hundert Schritt, vor Ihrem' H,rufe macht, ein mir unbekannter Mann da und.mußte mich trotz des Dunkels erkannt haben, denn er rief mir zu: Woi in so eilig. Tirolerin f Wart', ich will dich begleiten! U lb ich hörte ibn, als ich entsetzt noch schneller floh, ein Jett lang hinter mir, diS ich Ihr HauS erreicht hatte. Do mir nun von diffem aus noch Gefahr droht, weiß ich t icht." Ich entschloß mich schnell, ging zum Wirthe deS H auses und miethete eine leergewordene Dachlluve fijr das Mä »chen, nachdem ich ihm auf sein Befragen die Sachlage t «umwunden mitgetheilt hatte. Dorthin brachten wit daS Mädchen und versahen ft, mit einigen Speisen. Sie war überglücklich. Wir gingen darauf wieder in das .tz incer.- zimmer mit de, Erwartung, daß die Sache ruhig verlaufen werde. Wir hatten uns getauscht. Kaum war eine B ertelstunde verflossen, alS wir von fern her da» taute G, äusch von Schritten vieler Menschen und da« Geinurm.l einer Meng« vernahmen, das immer näner kam und ansowoll. Vor uni'erm Hause blieb man stehen. Bald wurde m die Thür, geklopft. Sie war verschlossen, 2tach einig, r Jett wandt, man sich nach ben Fenstern unserS Zimmers und klopfte wiederdollt und barsch daran, indisch fing man an zu rufen u^td zu schreien, man rief mich und zwar als „Judenboctijr." Ich entschloß mich, öffnete die!äd,n, di« nach innen gingen, und das Fenster und fragte, was man von mir wolle? Mehrere Stimmen riefen unt.r einander: „Wir wollen das Iudenmädchen heraus' )aben. Sie ist keine T»ol,rin, sie hat uns betrogen. Wir wollen unser Geld wiche.c haben!" Und dergleichen mehr, mit vielfachen Schimpfe und Schmähreden burchwürzt^ Ich antwortete gelasten, aber mit lauter Stimine: „Wenn Sie, meine Herren, jrtwaS von dem unglücklichen Madc»en zu fordern haben, so dringen Sie Ihre Klage bei der Obrigkeit an, deren Händen ich sie sofort übergeben «erbe. Ader Sie werven als Männer nicht verlangen, l aß ich bas schutzlose Mädchen in die Nacht hinausstoß, t soll. Ich bitte Sie,'beruhigen Sir sich, jede gerechte Zoi oerung soll erfüllt werten, aber halten Sie sich von jede^ngesetzlichen Handlung fern." Meine Wcirte schienen keinen Eindruck zu iitachen. Der Tumult würbe vielmehr noch ärger. Stimmen riefen: „Was will dev Kerl? Wir wollen keine Predigt. Das Mädchen herauf oder wir zertrümmern das ganze Haus! Werft Steine auf ben Juden!" Dem Worte fo'gte die Thal. Erdklöße und Steine wurden nach mir ge vocfen; schnell schloß das Fenster und die Laden; im Nu klirrten die Scheiden in Stücken nieder, aber der Ladm hielt fest. Während dieser Scene trat der Wirth zu mi: herein "und verlangte von mir. daß ich der Menge ihren Willen tdun solle, er könne sein Haus a*D seine übrigen Gäste dem Toben der Menge nicht Preis geben und mü se mich für jeden Schäden verantwortlich machen. Ich ließ mich nicht schrecken,! sondern erwiderte, daß es vielmehr seine Pflicht sei, mich vor Schaden zu schützen; daß ich übrigens die Räumlichkeiten gemiekhet hätte und darin vollkommen Herr wäre. Das Uebrige würde sich finden. Ec soll« übrigens bedenken, was für den Ruf des Ortes und seine« Hauses daraus folgen würve, wenn die Behandlung, der man hier auvgeietzk fei. öffentlich bekannt werde. Ich verlangte, daß" .sofort ein reitender Bote nach dem nahen Städtchen gesandt werde, um obrigkeitlich, Hilfe zu r^uiriren, da der Sckfves Dorfes nicht gemüßigt scheine, seine Pflicht zu thun, denn dieser Tumult könne ihm nicht mehr verborgen sein. Mehrer« Mitbewohner des Hauses traten auf. meine Seite, und besonders ein adliger Herr, der, wie er sich ausoruckte, über die „Frechheit der Kanaille" ganz ergrimmt war. Unterdeß hatte der Tumult draußen fort, gedauert. Schwere Schläge fielen gegen die Hausthüre und man konnte erwarten, daß sie bald gesprengt würde. Der Wirth ermannte sich, denn et fing an in Zorn zu gerathen. Er nahm seine zwei Hausknecht, mit Windlaternen und ging zu einer Hinterthür des Hauses, von mehreren seiner Gäste begleitet, hinaus und trat vor die Menge. DaS Erscheinen der Männer und der Laternen ließ die Menge „nhalten. Nun fing er an, ihnen zuzusprechen, ihr Unrecht ihnen vorzuhalten, aber es antwortete thm nur Murren und Pfeifen. „Gut, fuhr er fort, wenn ihr nicht hören wollt, so werdet ihr fühlen. Wir sind acht Männer im Hause, jeder mit einer Flinte oder einem Revolver; die ersten, die in mein HauS einbrechen, schießen wir nieder, denn dazu haben wir das volle Recht!" Dies schien zu wirken; alles war still, und der kluge Wirth benutzte dies, ergriff eine Laterne, hielt sie vor die Menschen und ergriff einen jungen Mann in ganz besonders piächtiger Bauerntracht und sagte: Halt, Peter, des reichen Jurgrn's Sohn, dich mache ich verantwortlich; dein Daler ist reich genug, um allen Schaden zu ersetzen, und du, statt auf öic Freite um die schöne Anna Hammer« sollst du ein Iuhr aus das Juchthaus gehen, und statt des schönen WamseS von Sammt mit silbernen Knöpfen sollst du die -Vträflmgsjacke tragen. Sie wirb dir gut stehen. Du bist der Anführer, da nimm du dich nur in Acht, und nun thut, was ihr nicht lasten könnt!" Er hatte die Laterne hoch vor dem Gesichte des Burschen gehalten, besten Gesicht bei dieser Drohung, deren Richtigkeit ihm einleuchten mußte, erblaßte. Jetzt ließ der Wirtd die Laterne wieder sinkt» und ging ruhigen Schrittes mit dm Knechten um die Ecke des HauseS in dastelde zurück, indem er die Thüre wieder verriegelte. Unter^ der Menge draußen entstand ein Gemurmel, die Rädelsführer mochten sich wohl zuruckziehen, und nachdem einige Schimpfreden noch auSgestoßen und einige. Steine noch geworfen worden, verlief sich die Menge und es wurde ruhig. Ich stieg zu dem Mädchen hinauf, das zitternd auf seinen Kniren lag und die Hände rang, und beruhigte sie mit der Nachricht ihrer Sicherheit. Am andern Morgen war nun die Hauptfrage zu lösen, .was mit Sarah Wolf anzufangen. Ich erwartete, daß der Bruder oder der Tiroler kommen würde, um das Mädchen zucückzufordern. allein die Scham ober die Uederzeugung, baß sie gegen den Willen des Mädchens doch kein Anrecht hatten, hielt sie wahrscheinlich zurück, denn eS geschah von ihrer Seite kein Schritt, um sie zurück zu verlangen. Auch mochte wohl hierzu beitragen, daß die durch die Gegend sich verdreiteude Kunde, daß von diesen Tirolern einige gar keine Tiroler seien, ihre Entfernung *