Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 43 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4908862-5999388-6026683--2808-4911096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
171 ist Ihnen widerfahren? Wenn ich Zhnen helfen kann, werbe ich t$ thun . . . „Ach, rief sie au-, schuhen Sie mich! Sie sind schon einmal der Engel meinrr Kindheit gewesen, seien Sie jetzt der Retter meiner Jugend! Ein Hause wüster Bauerjungen verfolgt mich; vielleicht sind sie schon auf meiner Spur; verargen Sie mich; geben Sie mich ihnen nicht preis, sonst bm ich verloren!" Meine Frau trat hinzu. „Seien Sie doch nicht so außer sich, Sarah," hob sie an. „Wir sind ja in einem civilisirten Lande, wo man keine Gewaltthätigkeit auSüden darf. Doch, weißt du was," wandte sich meine Frau zu mir, „laß uns lieber inS Hinterzimmer gehen, wohin man von her Straße aunicht sehen kann. Da soll uns da- Mädchen erzählen, was ihr begegnet ist, und wir wollen sehen, wie wir sie schützen können." Das Mädchen schien hierdurch sehr beruhigt. Wir trugen die Lampe und baS Theegeschirr in daS Nedengemach, daS unS zur Schlafstätte biente und hinter dessen Fenstern sich der Wald und der Berg erhob, und schlossen die Läden. Meine Frau nöthigte da- Mädchen zum Sitzen und eine Tasse Thee anzunehmen; sie trank sie schnell aus und berichtete dann. ‘ ' (Forts, folgt.) Der jüdische Friedhof in Berlin. AuS dem „Hebrew." Der jetzige jüdische Friedhof Berlinbefindet sich an der nordöstlichen Seite der Stadt vor dem Schönhauser, thore, auf der Ostseite der mit Bäumen bepflanzten Straße, welche nach Pankon^ und Schönhausen führt. — Ursprünglich ganz getrennt von der Stadt und auf freiem Felde gelegen, har diese Todlenstätte in den letzten Jahren neben sich und namentlich gegenüber zahlreiche Landhäuser, Dillen und — Vergnügung-lokale in dichter Reihenfolge erstehen sehen, zu welchen, besonderan d.n Sommerabenden, die Berliner in Scharen wallfahrten; und esticht alsdann Aie lang gedehnte Streck, der dunkeln Friedhofsmauer grell genug ad von den hell erleuchteten Gärten und den bunt schimmernden Laternen der gegenüdecliegendcn Sekte. — Berlin besitzt noch eine ältere jüdische Begräbnißstätke mitten in der Stadl, in der großen Hamburger Straße, wo die Gebeine Mose- Mendelssohn'-, der Henriette Herz und vieler anderer berühmter Persönlichkeiten auder Geschichte Berlinruhen. Doch hält efehr schwer, zu diesem vollständig au-gefüllten Todtenacker zum Besuche sich Eingang zu verschaffen und muß eine nähere Schilderung desselben für heute unterbleiben. Es war an einem der letzten schönen Junitage, als ich einen Spaziergang nach dem neuen jüdischen Begräbnißplatze unternahm. — Ein Fremder wäre ganz gewiß an der langen Front der glatten Mauer, die zehn Fuß hoch sich erhebt und deren Simzierlich durchbrochen ist, vorübergegangen, in der Meinung, daß eia großer Garten dahinter läge; so wenig erinnert da- Aeußere an eine Stätte der Tobten. Oer ganze Platz ist in Gestalt eine- RechreckS angelegt und umfaßt einen Flächenraum von etwa -00 Schritt Länge und ca. 100 Schritt Breite. Tritt man von der Straße audurch die breite eiserne Pforte ein, welche sich fast in der Mitte der Dosrdermauee befindet, *so erblickt man dicht vor sich die Rückseite de- Leichenhause-, welchein mäßiger Größe einfach gebaut, recht- und link- Seitenbauten enthält zur Auttewahrung der Geräthfchasten, Leichenwagen, u. s. w. Dkfttr ad zu beiden Selten stehen zwei kleine zierlich gebaut« Häuschen,, die Wohnungen der Aufseher und Gärtner mit ihren Gehilfen. Die dem Begräbnißplatze zugekehrte Front de- Leichenhausebildet in der Mitte eine tief eknMneidende Halle, deren Boden mosaikartig au-gelegt ist und deren Wände ring-um mit großen Steintafeln behängen sind, die hebräische Inschriften kragen. Don hier aubat man einen schönen Grsammtüberdlick über di« weit« Räume de- Friedhofe-. Die ganze Fläch« ist der Qjuere nach durch zwei breite Gänge in drei fast gleich« Abteilungen gelheilt, von denen die eine zur Rechten erst vor «in paar Jahren von der Gemeinde angekauft, allein voq Gräbern noch frei geblieben und nur mir fußhohem Grase bewachsen ist; der ganze übrige Raum, also % de- Friedhöfe-, ist mit Lfichensteinen dicht besät und ihr AnÜick macht auf den Beschauer einen wehmülhig schönen Eindruck.!. In beiden Adrheilungen sind nämlich die Grabstätten sorg» fällig der Reih« nach dicht nebeaeinander^eordnet, und die Zwischengänge so zahlreich mit den schönsten Bäumen und Blumengewächsen bepflanzt, daß die Leichensteine meist nur wie weiße Pünktchen audem frischen Grän hervorleuchten. Die äußersten Ränder beider Abtheilungen sind ring-um mit herrlichen Trauerbirken besetzt, die;mit ihren lang heradhängenden Zweigen, wenn sie vom Winde auf und nieder bewegt werden, dem Fernstehenden wie zü frommen Gebet sich beugende Gestalten erscheinen, und der^n unterste Zweigspitztn nicht seit« die zupächststehenden Grabsteine wie mir lübenden Armen umschlungen halten, die ganzen inneren Gänge aber und alle Zwischenräume der Gräber sind mit einem solchen Aufwand von Rank» und Blumen- Gewachsen, Sträuchern sowohl wie ganzen Bäumen geschmückt, wie er in dirjser Pracht und dichten Menge auf einem Friedhof« sich nicht leicht wiederfinden möchte. Die ganze obere Partie zunächst der Mauer, dem Gebäude^gegenüder, wird von den schönsten Fliederbäumen eingenommen, deren voll-geöffnete Blütlhen gerade um diese Zeit die Herr-- lichsten Wohlgerüche' aushauchen. Man findet nicht ein Grab, u^d wenn es daärmste Gemeindemitglied deckt, danicht wenigstenein Blumengewäch-, sei ein einem \ Toz»fe emgegraden oder auf dem Grabe selbst gepflanzt, aufzuweisen hätte. D»n Vernachlässigung irgend welcher entlegenen Stellen de- Friedhöfe-, irgend welcher einzelner Grabstärt« ist keine Spur, Dank der bewunderungswürdigen Sorfalt und der reichen Au-stattung-mitttl, welche die Gemeinde auf die Erhaltung der Ruhestätte ihrer Tobten verwendet. Zypressen und Epheuranken sieht man in jeder Rjeihe. Die schönsten Rosenstöcke wechseln ab mir Ja-minstkäuchern, Narzissen und Flieder; die Wohlgerüche aller Blumengärten Dersinscheinen hier vereinigt zu sein, und selbst exotische Aewächse fehlen nicht. So wunderbar schön ist der Anblipk^ Yen der jüdische Friedhof im Frühjahr und Sommerj darbietet, daß fast täglich auch christliche Besucher hierherkommen, um die Dlumengänge zu duechwandeln und nicht ohne ebrfurcht-voll« Scheuß unter den hebräischen Buchstaben, deren große schwarze Quadrate auf den meist weißen Grabsteinen eigenthümlich geisterhaft