Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 43 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 — rch das äherten, der sich dann aber wie in plötzlicher 8)ewegunz davon «ilte und verschwand. Man kann sich denken, baß bi« Sache mich i urchaus nicht weiter beschäftigte. Wie oft geschieht eS in i Leben, baß man etwas früher Gekanntes nicht wieder eickennr und dagegen in etwas ganz Fremden Bekannt«! finden will. Am andern Tage nachmittags. hatte ich mi meiner Frau einen weiten Spaziergang gemacht, der b> Dorf zurückführte. Als wir uns dem letzteren r hörten wir einen weithin hallenden seltsamen Ton, bald zu mantzichfalrigen Windungen gestaltete uyd dann allmählich auslief, dis er wie in weiter Ferne j erstarb. Wir wußten nicht, wohin damit, bis meine Frau!ausrief: Das ist ja da« Alpenhorn, wie cs in „Wilheljn Tell" geblasen wird?" Zugleich bemerkten wir eS erst sttzr, daß eine Menge Dauern und Bäuerinnen in 'bestes, Putz, besonders jüngere, auf den verschiedenen Wegen niach dem Dorfe hin zogen, und jetzt erzählte mir meine Flau, daß während deS Vormittags gedruckt« Zettel umheögetragen worden, auf welchen zu Vorstellungen einer an«langten „Tiroleefamili« ' eingeladen wurde, die, aus zwei Männern und zwei Frauen bestehend, „musikalisch; dramatische Scencn" aufführen wollten. Meine Frau sah mich fragend qn, und da ich sie neugierig fand, den Dingen zuzuschen, die da kommen sollten, ging ich darauf ein, sie hinzuführen, jedoch nur unter der Bedingung, wenn angemessene Sitzplätze vorhanden waren. Als wir uns einem geräumigen Platze näherten, welchen in der Mitte de- Dorfes die zurückweichenden Häuserreihen bildeten, sahen wir eine hölzerne Bude-, di« an der einen Seite aufgeschlagxn war, mir einer schwarzgelben Fahne und einem Bilde auf Wachstuch geziert, aaif welchem in rohen Zügen Berge und Thälek gemalt waren, in deren Vordergrund einige Personen in der tiroler Tracht standen. Vor der Bude war ein Platz mit P^äKlen und Stricken «rngezärtnt; auf welchem einige Bänke und Stühle ausgestellt waren. Die Aufführung sollte bald beginnen, und die Bänke und Stühle waren schon ziemlich besetzt, sowie eine große Menschenmenge den umzäunten Platz umgab. Ich zahlte da- Eintrittsgeld, wahrend wahrscheinlich unter der Menge draußen nur in einer Zwischenpause freiwillige Gaben gesammelt werden sollten. ES kann meine Absicht nicht fein und würde 'meine Leser nicht interessiren, hier das Detail dieser theils burlceken rheiilS wirklich netten Aufführung zu schildern. Man gab ein kleines^Lustspiel, in welches mancherlei tiroler Lieder, die theils mit einer Zither theils mit dem Alpen- Horn begleitet wurden, tingeflochten waren. Ein Tiroler hatte eine Geliebte und eine Schwester, -die erste konnte er nicht heirathm, weil er nichts besaß als seine Lieder und seines Armes Kraft. Da kam ein Fremder hergereist, der sich alsbeld um die Schwester bewarb, die er aber wegen des Landes Dorurtheils eben als Fremder nicht bekommen konnte. Er will sich daher naturalisirea lassen, und man unkercichttt ihn deshalb im tiroler Dialect, im Jodeln und Schnadrahupfel und allem Zubehör. Er lernt dies von der Geliebten und ihrem Bruder mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit und erscheint als Tiroler. Nun steht der Heirath nichts mehr im Wege, und da er außerdem ein, Menge Geldes besitzt, so kommt natürlich der Bruder ebenfalls zum Besitze seiner Geliebten. Zuletzt entdeckte es sich, daß der Fremde doch auch «in geborener Tiroler fei, der in der Kindheit mit seinem Vaier, einem Teppichhändler, außer Landes gezogen und ihn im Auslände durch den Tod verloren hatte. Für das feinere Ohr war die Erfindung ganz schlau, denn es entdeckte gar bald, daß der sogenannte Fremde sicherlich kein Tiroler war, aber auch nicht die Geliebte deS Tiroler«. Die Leute machten übrigens ihre Sache ganz gut, halten sich tüchtig einstudirt und besaßen gute Stimmen. Da es bald an lustigen, bald an rührenden Scenen nicht fehlte, so amüsirte sich das Volk vortrefflich, was sich bald durch brüllenden Beifallsruf, bald durch die vollständigste Still« kund gab. Doch thaten sich einige Bauerburschen, deren auSgewählter Putz ihren Reichthum bekundete, dadurch hervor, daß sie allzu oft die Wiederholung eine« Liedes verlangten, dabei aber immer ein Thaler- oder Guldenstück auf die Bühne warfen, baß di« Acreure mit großem Behagen aufnahmen, sich dabei gegen den Geber mit Kußhänden verbeugend. UnS aber geschah das Eigentdümliche, daß, als das M§d» chen, welche die Geliebte deS Tirolers vorstellte, zum ersten Male zum Vorschein kam, ich in ihr leicht das Frauenzimmer erkannte, welches tage« zuvor mich wiederholt angesehen, als ich in der Laube gesessen, meine Frau aber ausrief: .»Das ist Sarah Wolf auS K. und keine andere: ich erkenne sie, sie hat zu pft bei mir gebettelt, als baß ich sie nicht wiedereckennen sollte!" Jetzt war mir das Rathsel gelöst, und ich stimmte meiner Frau vollständig bei. ‘ ES schien uns auch zweifellos, daß das Mädchen, da wir iu der Dorderreihe saßen, auch uns erkannt hätte; «in besonderes Erröthen, ein Niederschlagen der Augen und einige Ungewißheit trt der Stimme vernethenuns dies. Wie schön war si^ geworden! Ihre Gestalt war zwar nicht hoch gewachsen,' aber doch wohl proportionirt; ihr Gesicht hatte etwas markirte Züge, aber die Frische der Jugend, gepaart mit einer gewissen Wchmuth im Ausdruck, zierten es ungemein, und dazu die großen glühenden Augen und das prächtige Haar. Wir folgten selbstverständlich der Aufführung nur mit um so größerer Theilnahme. Wenn ihrem Gesänge auch die rechte Seele und die Gewandtheit einer guten Schule fehlte, so ersetzte sie diedoch durch die Anmulh ihrer Erscheinung und ihres GeberdenfpieleS, und wenn sie bas grüne Tirolerhütchen keck auf.das Lockenhaupt stülpte und einige Schritte wie im Tanze that, war sie bezaubernd. Als wir den Platz verlassen wollten, hatten wir viele Mühe, durch das Gedränge zu kommen; denn sobald daS Spiel zu Ende war, stürzte die Masse in den umzäunren Raum, um die leere kleine Bühne zu beschauen, wo soeben für sie so viel Ergötzlichevorgegangen. Wir waren schon dicht am September; die Abende verlängerten sich, und sobald die Sonne Himer die Berge gefunken, trat eine plötzliche Kühle «in, welche bas schützende Zimmer zu suchen zwang. Es war bereits acht Uhr vorüber und meine Frau und ich faßen behaglich am Theetisch und plauderten über die Erlebnisse des Tage«. Da horten wir eilende Schritte auf der Straße, die Thüre des HauieS öffnete sich, eine bewegte Frauenstimme nannte meinen Namen, und alsbald wurde die Zimmerthüre aufgcriffen und eine weibliche Gestalt stürzte zu meinen Füßen, umklammerte meine Knie und rief: „Retten Sie mich, Herr Doctor, retten Sie mich!" Trotz meines Schreckens ergriff ich die bebenden Hände des Mädchens, richtete eS auf und sagte:'„Sie sind Sarah Wolf; ruhig, Kind, waS