Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 43 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Kolksblatt. Zur Lelelirmui nab Unterhaltung aut jüdischem Zekiele. ' HerauSgegebeu von Rabbiner vr. Ludwig Philip-son in Bonn. 1 Mo. 43. 1864] 9Sea dieser Zeitschrist erscheint «Scheutllch eine Rümmer. Preis de« Jahr» gaag< i Thlr. vierteljährig 7 Rgr. «ve Buchhandlungen. Postämter und Aei«ug«er»Fdittonen nehmen vestellunigen an. [il* Iskrg. 4. Speicher, Bude und Salon. Aus dem Leben. (Fortsetzung.) Den Bewohnern enger, altmodisch gebauter Städte, in deren schmalen Straßen der lebhafte Verkehr Staub und Schmutz anhäuit und beständig durch die Luft wirbeln läßt, wo die wachsende Industrie alle möglichen Ingredienzen verarbeitet und so die Ausdünstung der zufammengedräng» ten Menschen und Thiere vermehrt, wird eS von Jahr zu Jahr mehr zum Bedürfniß und zur Sitte, die Sommermonate auswärts zu verbringen, fei ein Bädern, im Gebirge oder auf Reisen. Man kann stch über-die Wirkungen dieser in außerordentlichem Maße wachsenden Erscheinung nttb kein richtiges Urthell bilden. Denn wenn von der einen Seite dadurch neue und außerordentliche Ausgaben in den Verbrauch der Familie kommen, wenn Sparsamkeit und Wirthschaftlichkeit sehr betroffen werden, Momente, die fürwahr für unsre Zeit von großer Wichtigkeit sind, da diese Tugenden schon genugsam abgeschwächt worden: so wird doch andrerseits durch diese Reisen und Sommeraufenthalte ein höherer Sinn geweckt und genährt, der in der Tretmühle degewöhnlichen Lebens völlig verlören zu gehen pflegt, der Genuß an der Natur, die Kennt» niß anderer Menschen und Leben-weisen, wodurch der philisteriöse Kleingeist aufgerüttelt wird, und egeschieht im Kleinen und Einzelnen, was die menschliche Gesellschaft im Großen aleine ihrer Aufgaben löst, die Verbindung und Annäherung aller Völker. Doch sei dem wie ibm wolle, fei e-, daß dies« Reiselust, wie ihre Schwester, die Au-wanderungslust, nur epidemisch für einige Zeit ist und sich wieder, abdampfen werde: vor einem Vierteljahrhundert war sie noch lange nicht so heftig, und alich mich mit meiner Frau nach einem schöngelegenea und mäßig besuchten Gedirg-ort« begab-, ungefähr sechs Jahre nach dem oben Erzählten, hatten /- wirtlich meine Aerzte von mir gefordert und meine wankende Gesundheit ezur Bedingung der Wiederherstellung gemacht. Ich that es dennoch nur mir schwerem Herzen, denn bei der Gewissenhaftigkeit, die mich hinsichtlich meiner Berufspflichtea beherrschte, verließ ich den örtlichen KreiS meine- Amte» nur ungern unhart« «S auch didahin noch nicht gethan. Jetzt aber strömte die ganz« Frische der Natur, die erhebende Kraft ihrer Unmittelbarkeit auf mich ein. Die Reize von Berg und Thal, von Wald und Wiese, von Fei- und Dach, von Licht und Schatten, tft« wechselnde Pracht von Soauen- Auf- und Untergang, des Mondes- und de» Sternenglanzewirkten auf Seele und Leib so erfrischend, so belebend, daß ich mich an Genuß, Leichtigkeit und Schwung in bic. Iünglingsjahre versetzt fühlte. Wir bewohnten mit anderen n Gästen rin wohleingerichttte» größere- Hau-, dilaber «nt, frlnt von dem Dorfe lag und am Fuße einebewaldeten Berge-, so daß die Zweige der Bäume in bi« Fenster unsere- Schlafzimmerhineiureichten uhb da- Geflüster der Bäume wie der Gesang drr Vögel unser Ohe aunächster Nachbarschaft traf. An der Fronte be- Haustlief eine mit alten Obstdäumen bepflanzte Strafe vorüber, welche vom Dorfe nach einem nicht fernen -Städtchen führte. Ein schmale- Blumengärtchen mit einigen Lauben trennte da- Hauvon der Straße. Hier verbrachten wir zwei herrliche Monat«, begünstigt von dem trefflichsten Wetter und, damit ich auch diesehervorhehe, denn ehat seine große Bedeutung, wohl beköstigt von qknrr braven Witwe, die mir ihren fünf wackern Söhnen, di« einzige Iudenfamili« im Dorfe, hier thätig, redlich und gnt belemndet wohnte. Di« Mitte dezweiten Monatwär herange, kommen und wir dachten bewitan da- Ende unserer Dillegiatur mit jener gemischten - Empfindung de» WehS um den'Abschied und der Freude auf Hau», Beruf und Menscheki. Ich saß an einem Nachmittage"! i einer der nach der Straße gekehrten Lauben vor dem Haufe, mit der LeetÜre eineinteressanten Buchebeschäftigt, alich durch Mäbchenstimmen geweckt wurde, die von der Straße her laut geworden. Ich blickte apf und sah!zwei junge Frauenzimmer, die, hcfrig miteinander sprechend sind gesticu» lirend, die Straße nach dem Dorfe gingen und durch ihre Tracht auffallea mußte«. Sie waren nämlich al- Tiro» lerinnen gekleidet. Ob sie solche wirklich waren oder nicht, kam mir lm Augeadlicke nicht in den Sinn. Wohl aber ward ich derröffea, alim Borübergehen daeine Mädchen sich umblickte und ihr Ange mich traf. Ewar eia wundervolle- Gesicht und ein prächtige- Auge, die sich mir zu, wandten, und e» zuckte mir so etwa- Bekannte« daraus entgegen, glob ich diese- Antlitz schon oft gesehen, schon in bedeutsamen Augenblicken, und doch war emir wieder fremo geworden, alob ich e» so noch nicht gesehen. Die Mädchen waren vorüber; ihre Stimmen hatten sie gesenkt, alsie sich von mir bemerkt gesehen; noch eine Sekunde, und die Stämme der Bäume mußten sie verdecken; schon wollte mein Auge sich wieder auf da- Buch richten, ich sah, daß da- Mädchen, dessen Gesicht mir ausgefallen, stehen blieb, sich umwandt«, auf mich hiaschauete,