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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 41 (1864) · p. Seite 163

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
41 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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163 her und wird nur in den härtesten Nothfällen versetzt. Busen und Kopfhaar sind sorgfätig verhüllt, um dem fremden Mann nicht zu gefallen. Oer polnische Jude treibt jedebeliebige Handwerk, aber nach Att der Pfuscher, um e« wieder zu verlassen, sobald ein leichterer oder reicherer Erwerb sich bietet. Schacher mir allerhand Trödel und Mäklerei sind einzig in seiner Hand, ebenso Wirth«- und Drantweinhäufer. Nichtaber treibt er lieber als Pferdehandel und Lohnkutscherei. Seine Kühnheit und Klugheit dem Pferde gegenüber ist wahrhaft überraschend, und schon alkleiner Junge reitet er eine ir» et studio den stockigsten Gaul. Pferdedlebstähle, die im Lande nicht! selten Vorkommen, werden oft von Juden geleitet und angeführt. Und all, dawüste und unstäte Treiben geschieht nur, um feiner Familie elende- Leben elend zu stiften. Für sein Weid, für seine Kinder ist ihm kein Opfer zu schwer, gar oft'auch eini solchenicht, da-auf die dreitgetretene Straße de- Verbrechenführt. Die polnischen Juden bedienen sich untereinander nur der deutschrni Sprache, obwohl sie die anderen Landessprachen, Polnisch, Ruthenisch, Moldauisch, eben so gut oder eigentlich eben so schlicht sprechen, und, eklingt seltsam, auch in den Donaufürstemhüme^n und in Russisch-Polen heißen die Juden die deutsche Sprache ihre Muttersprache! Aber wo so viele überraschende Gegensätze scharf in« Auge fallen wie bei den polnischen Juden, kann enicht auffällig sein, daß besonderunter den „Chafsidim", von denen wir noch niedreremittheilen werden, da- Lesen deutscher Bücher alsündhaft verworfen wird und daß da- Erlernen diblifher und talmudischer Wei<heit da-Alpha und Omega de- Unterrichtbildet. Aber nur der Knabe und Jüngling füllen da- Cheder, während da- Mädchen meist nur die ebräischen Gebete lesen lernt, ohne dieselben zu verstehen. Wer de» Juden Galizien- und der Bukowina nicht in dessen Hause zu beobachten Gelegenheit hat, wird zu keinem richtigen Urteile über denselben kommen. Hat der Engländer dastolre Wort: „Mein Hau-, meine Burg", so kann der polnisch) Jude mir nicht geringerem Selbstbewußtseln sagen: „Jni meiner Familie bin ich König." Und diese oft unter den bittersten Entbehrungen aufrecht erhaltene Oberherrlichkeit wird von Frau und Kindern in demüthlgem Gehorsam anerkannt und erstreckt sich noch auf die Kinder, die bereiteinest eigenen Hau-stand haben. Der Aeltervater jedoch steht Iwie der Patriarch an der Spitze der Familie, und am Sajbbathe sammeln sich um ihn Kinder und Kinde-- kinder, um den herkömmlichen Segen zu empfangen. Die- Geburt eine- Sohnewird mit Lobgefängen und großen Festlichkeiten begrüßt; kommt eine Tochter zur Welt, so entfallen >die Freudenbezeigungen. „Denn wenn un- «in Knabe geschenkt wird," sagen sie, „jubeln die himmlischen Heerscharen; bei der Geburt »ine- Mägdleinaber verhüllen sie trauernd ihr Antlitz." Daher betet auch der Mann täglich: „Äelodt seist du, der du mich nicht att Weib hast zur Welt kommen lassen;" und di« Frau spricht bemüthlg: ,Lch danke' dir, daß du mich nach deinem Willen geschaffen hast." Der polnische Jude ist Fatalist wie der Türke abergläubisch wie ein« Rothhaut. „Einem jeden Menschm lei bei seiner Geburt ein guter und ein böser Engel beige, geben, bi« ermahnend oder berückend stetan feiner Seite bleiben, dider Tode-engel sie ablöse." Rach Sonnenuntergang darf man nicht mehr pfeifen, weil daein Ruf sei, der böse Kräfte anlocke. In den sieben Tagen, die zwischen Geburt und Leschneidung eine- Knaben liegen, müsse man Mutter und Kind auf« sorgfältigste bewachen; Saran spinne da alle Ränke und Tücken, um der Mutter zu schaden und de- Reugebomen sich zu bemächtigen, so lang« ihm daheilige Siegel de- Bunde- «och nicht aufgedrückt. Der Mann, der die Befchneidung vornehmen soll, sei gleichfall- Gegenstand der Verfolgung seiner höllischen Majestät und müsse am Vorabend« de- Festtage« sehr auf seiner Hut sein. Ein solcher Mann, >Moöl". erzählen sie zur Bekräftigung dessen, wurde einst an einen entfernten Ort gerufen, um daachttägig« Sähnchen einer befreundeten Familie in den Bund de- Herrn Zebaoth aufzunebmen. Er machte sich am Vorabend auf de« Weg und hoffte noch vor Sonnenuntergang im Hause seine- Gastfreundeeinzurreffen. Er mochte etwa die Hälfte de- Wegezurückgelegt haben, al« er sich mit einem Mal in einer wildfremden Gegend befand. Ungeheure Felsenwände thürmren sich vor und hinter ihm in die Höhe und ließen keinen Au-weg erkennen; Tausende von Raben verfinsterten die Sonne und seltsame, entsetzliche Schrei« schlugen an die Stelnwände. Der Wanderer war dem Sterben nah; da faßte er seine letzte Kraft zusammen und rief mit schallender Stimme: „Höre, Israel, Gott, unser Herr, ist Gott allein", und die Macht Satanwich diesem gewaltige» Anrufe, der Spuk war verfchnnm» de», der geängstigte Moöl setzte ungehindert seinen Fuß fürbaß und gelangt« noch vor Sonnenuntergang zu seinem Freunde. Kein rechtgläubiger polnischer Jude (die Cultur hat auch hier schon manche Bresche geschossen) unternimmt ein Geschäft von nur einiger Bedeutung, oder begibt sich auf eine weite Reise, ohne die Meinung seine« Rabbinergehört zu haben. Ist gar dieser Berather ein sogenannter Wunderradbl, so ist sein Rath gleich einer Eingebung Gotte« zu achten. Ein solcher Rabbi stammt immer a«s einer alten Rabbiner-Familie, und die Tradition schmückt ein jede« Glied dieser Familie mit der Gabe der Pröphezekung und der Kenntniß der Kabbala*). Der Einfluß eine« solchen Manne« grenzt an« Unglaubliche. Bon weit und breit strömen sie herbei zum Sitze d«S Wunderrabbi um Hilfe und Trost. Der Bresthaste ist feiner Heilung sicher, der Geschäftsmann eine« glücklichen Fortgang« seiner Unternehmung; der Unglückliche kehrt getröstet nach Ha»se zurück; der Sünder glaubt sich mit Gott versöhnt, wstm er da« Auge de« Rabbi gesehen, dessen Worten gelauscht, dessen Talar berührt hat. Der Rabbi aber sitzt tagau«, tageia hinter seinen Folianten und verliert sich in andächtigem Wahnsinn in die verwirrmden Jrrgäage scholastischer Weisheit; Weid und Kind aber nahen ihm nur ln heiliger* Scheu und nie ungerust». *) Di^Lehrr von der Magie.

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