Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 41 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Unter vielen Wundersagen über das W rken eines der berühmtesten dieser Rabbi erzählen wir folgnber^ An einem Sommerabende hielt vor dm Hause des heiligen Mannes eine russische Butka, mk> drei Pferden bespannt. Die Personen, die dem Wagen ei tstiegen, saßen nach einigen Minuten dem Rabbi gegenüber Cs waren ein silberhaariger Greis, zwei blühende K> aden und ein Mann i» den Vierzigern. „Wie ich Euch schon sagte, Rabbi," fufr der Greis in seiner begonnenen Rede fort, „ich machte drei starke Tage» reifen, um in Euere Nähe zu kommen. Es mußte etwas Ernstes sein, das mich, einen blinden Gre s von achtzig Jahren, dazu vermochte. Sehr; diese beiden Knaben sind Söhne zweier meiner Kindeskinder und an einem Tage geboren. Den nächsten Sabbath feiern sie ihre Barmizwe; ich aber habe sie niemals geschaut, denn da, Licht meiner Augen ist erloschen, bevor sie empfangen war, n. Da überkam mich große Sehnsucht, das Antlitz meii er Enkelkinder zu schauen am Feste, das sie diesen Sabbath feiern sollen, und in meinem Grame schiens mir, als o> ich erst jetzt blind geworden wäre. Da sah ich in einem Traumgesichte Euch, mein Rabbi, und zu Euch wende ich> mich flehend, mit Eurem Segen und Eurem Gebete mich $4» unterstützen, wenn es Gott gefällig ist." Die jbetbtn Knaben standen dabei, der eine an der rechten, der -andere an der linken Seite ihre- Urgroßvaters, und blickten l^tit ungeheuchelter Liebe und Ehrfurcht in seiy ernst, trauriges Antlitz. Auch der Rabbi war ungewöhnlich erregt, und nachdem er einige Miauten wie träumend vor sich hingestarrt harre, trat er rasch auf den greis« Gast zu und sprach: „Begebt Euch mit Tagesanbruch wieder aufdie Heimreise, daß Ihr Freirag bei Tage m Eurem Hause seid. Samstaz, wenn die beiden Knaben dann aus dem Tempel kommen und sich vor Euch neigen und um Euren Segen bitten, legt Eure Rechte und Eure Linke auf-ihre gesenkten Häupter und der Herr wird Euch erleuchten!" Die Feierlichkeit in der Synagoge war vorüber; der Urgroßvater hatte ihr nicht biiwohnen können und faß in höchster Erwartung in seinem Armstuhle. Da traten die beiden Enkelkinder an ihn heran, neigten demülhig ihre Häupter und baten um den Segen. Da« Gemach war von den Nachkommen des Greises fast überfüllt und beherbergte jetzt vier Generationen. Alle Anwesenden kannten den Ausspruch des Wunderradbi und harrten in fiedtthafter Spannung auf das, was da kommen, werde. „Tretet her zu mir, meine Kinder, alle kommt herbei," rief der Palriach; darauf sprach er den Segen mit Handauflegen, und seine Stimme klang wie lange nicht so kräftig, und. sein Gesicht glühte wie im Feuer wiedererwachter Jugend. Auf einmal schrie er: „Ich sehe — die lieben Kinder!" und sank als Leiche in den Sessel zurück. Ein großer Mißstand bei den polnischen Juden sind ie frühreifen Heiraten. Kinder von fünf,-sechs Jahren werden ^verlobt und Knaben von fünfzehn Jahren sind bereits Häter! Ein rasches Verblühen der jungen Eltern, besonderder Mütter, ist die' gewöhnliche! Folge. Die Chassidim besonders halten starr an dem Gebrauche fest,. Knaben zu verheiraten, sobald sie das dr izehnte Jahr zurückgelegt haben, während die sogenannten Neuerer von dieser Gepflogenheir snach und nach zurückkommen. Auch das Bestatten der Tobten hat etwa« Befremdliche«, um nicht zu sagen Abschreckendes. Abgesehen davon, baß sie den Verstorbenen vor Sonnenuntergang begraben, selbst wenn der Tod im Laufe des Nachmittags erfolgt wäre, tragen sie die Leiche nicht in einem Sarge, sondern mit schwarzen : Tuchdändern auf der Bahre befestigt, also frei und mit , unbedecktem Antlitze auf den Friedhof. Hier wird der Leichnam im. vollen Sinne des Wortes der Erde über- - geben. Schon im Grabe liegend, werden ihm Mund und i Augen mit kleinen Scherben bedeckt und in die geschlossenen Fäuste kurze, gabelförmige Weidenästchen gesteckt. Wir konnten den Sinn und die Bedeutung dessen weder errathen : noch erfragen. | Durchschnittlich ist der polnische Jude mäßig, demüthig : und wohlthätig. Kein armer Jude verläßt die Thüre seines Glaubensgenossen ohne Hilfe, und an den Sabbalhen und anderen Festtagen werben die Bedürftigen beschenkt und gespeist.. Der Mangel an Schulen allein ist es und mit ihm der vorangegangene harte Druck, der den polnischen Judenso weit hinter seinem deutschen Bruder zurückstehen läßt. Dey Druck ist, Gott sei Dank, heute nur mehr ein Märchen, aber Volksschulen haben die polnischen Juden noch immer keine. K. A. Anekdoten. Ein sehr galanter Jüngling wollte einer Dame ein süßes Compliment machen, und als sie ihm in Gesellschaft etwas anbot, sagt ex: „Mein Fräulein, wenn Sie mir -etwaanbieten — vergeht mir der Appetit!" Der Finanzminister eines Staates, der eine große Menge verschiedenartigster Werthpapiere, jedes mit einem besonder» Zeichen versehen, ausgegeden hatte, wollte ein neues Papier creicen und frug, in Verlegenheit, einen jüdischen Banquier, welches Zeichen er dies Mal wählen sollte. Der Banquier antwortete: „Nehmen Sie drei Sterne — wenn die Juden diese sehen, beißen sie an." Allgemeine Zeitung vesJudenrhumS. No. 40. 1864. Inhalt: Leitende Artikel: Die Arbeiterfrage vom Frei- Herrn v. Ketteler, Bischof von Mainz. IV. — Zur Geschichte der Emancipation der Juden in Oesterrreich- — Literarischer Wochenbericht. — - Zeitungsnachrichten: Deutschland: Ans Baden, Frankfurta/M., München. Preußen: Bonn,Berlin. Frankreich: NimeS. Italien: Rom. Schweiz: Zürich. Donaufürstenthümer: Bukarest. Holland: Alls dem Haag. Rußland: Mitau. — Nachtrag: Rom, Frankfurt,Tunis,Breslau, Aus Ungar». Zn beziehen durch jeder Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % Thaler. Verantwortlicher Redactenr: G. Fritzfche. Berl-z von B»u«gärr»ejr'« «u&frubluitf« in Druck von G. »reviiua in LeipUS-