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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 39 (1864) · p. Seite 155

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
39 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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der Armuth. Sarah war ein vierzehnjährige» Mädchen geworden, da», wenn auch in Gesicht und Gestalt verkümmert, doch die Anlagen zu großer Schönheit zeigte. Die Gesichr«;üge waren nicht ebenmäßig, aber die weiße Stirn, die strahlenden Augen und der feine Mund, sowie da» volle glänzende Haar verriethen für die Zukunft nicht» Gewöhnliche». Sie war völlig unwissend, aber jede Antwort auf meine Fragen war so bestimmt und verständig, daß ich von ihren GeisteSgaden einen guten Begriff gewann. Ich mußt, sie Ider untersten Classe zuordnen, versprach ihr aber bei bauernder Anstrengung einen schnellen Aortschrin.- Nachdem die ärmlichen Geschäfte geordnet waren, führte ich allmählich Imeinen Vorsatz au», alle Mitglieder der Gemeinde ohne! Ausnahme in ihren Wohnungen zu besuchen. Die Familie Wolf gehörte nicht zu den letzten. Ader ich fand si, in einem sehr traurigen Zustande. Der Mann Hane nach seiner Uedersieblung wohl einige Zeit da» Laster, dem er sich ergeben, überwunden. Die kleine Summe, di, er noch milgedracht, verschaffte ihm bald einen genügenden Credit, um seinen Handel zu treiben. Die Familie lebte auf. Aber kaum waren ihm so einige Mittel zuger flössen, al» Wolf seinen Fleiß und feine Enthaltsamkeit dadurch zu belohnen sich berechtigt glgubte, daß er sich hier und da wieder einen Trunk gestaltete. So üderkam ihn die alte Leidenschaft, die ihn vor zwei Zähren in da» Grab und die Familie in da» größte Elend versenkt halte. Auch die Frau hatte sich einem liederlichen Lebenswandel ergeben und die Kinder wuchsen in diesem Pfuhle auf. Vergeben» nahm ich mich ihrer an; alle» war bei ihnen entsittlicht. Di« Gaben, die sie erhielten, wurden schnell vergeudet. Die Unreinlichkeit hatte bei ihnen überhand genommen. Sarah erschien nur bann und wann im Unterrichte, ihre Geschwister gar nicht. Sie faßte ungewöhnlich leicht auf, aber konnte bei der Unregelmäßigkeit de» Schulbesuche» im Wissen nicht vorwärt» kommen. Zch gab meine Mahr ' nungcn endlich ^uf und nahm sie in den Confirmanden» j unterricht; weil e» mir darauf ankam, ihr wenigsten» einige»! religiöse und sittliche Bewußtsein zu verschaffen. Skr; glänzre wahrhaft in diesen Stunden. Meine Drohung, sie gänzlich au»zuschließen, und die alte Anhänglichkeit, die > sie für mich empfand, bewirkten, daß sie doch nicht ganz unregelmäßig kam. Alle», was ihren Verstand berührte, . faßte sie vor allen ihren Mitschülern mit bemerkeNSwerther Schärfe auf. Ihr Gefühl dagegen war abgestumpft. Sie I sprach bei der öffentlichen Weihe mit einer Energie, welche | die Zuhörer entzückte, aber keine Thräne hervorrief. Ich ( versuchte, nach ihrer Entlassung sie au» den Mitteln eine» wohlthärigen Verein» in ein« Nähschule zu dringen. Nach i vierzehn Tagen blieb sie weg. Meinen Vorwürfen ent- ' gegnere sie, daß sie al» die einzige Jüdin von den andern i Schülerinnen verspottet und mißhandelt worden sei. Die Lehrerin gab die» wohl zu, sagte aber, daß ihre Unreinlichkeit und ihr öftere» Fehlen die Schuld daran gewesen, und daß sie hierum dieselbe doch nicht hätte behaltm 1 können. Von diesem Augenblicke überließ ich sie und ihre Familie ihrem Geschick. (Forts, folgt.) l 8m jüdisches Leichenbegäiigniß im Lager ' von ChalovS. (Nach den Arcli. Israel.)! Ein Unfall hat im Lager von Chalon» Trauer und Be»! iürzung hervorgerufen in dem Augenblicke, wo alle Welt j ich dem Vergnügen widmete. >! Sonntag den 21. um vier Uhr abend» wurde der!! pauptmann Geißemberger von der vierten Troine»cadron j m Augenblicke der Wettrennen im Lager von Chalon», ' >hne daß er aber au ihnen Theil genommen hätte, al» , r auf seinem Pferd, tm Galopp dahersprengte, von einem j lnterlieutnant der Artillerie, der von einer anbern Rich- [ ung herkam, gekreuzt. Die Pferde stießen so stark auf-! inander, daß Reiter und Pferde zu Boden stürzten: da» j Pferd de» Hauptmann» fiel auf ihn, ^nd sein Sattelknopf; chlug ihn auf di» Schläfe. Zwar rvmd, er sofort auf« »hoben und in da» HvSpital-gebracht, aber er gab kein pichen de» Bewußtsein'» mehr. Trotz der stärksten Heilnittel, die ihm gereicht wurden, und der Sorgfalt, mit « man ihn'behandekte. starb er Montag früh um sich» ihr in völliger Bewußtlosigkeit. Die militärischen Gesetze wollen, daß der Generalarzt, um i em Minister den Bericht zu erstatten, den Körper freier, um I ie Wunden genau zu bestimmen, welche den Tod herbeigeführt! aben; aber, die Herren Compertz^ Lieutenant im sechsten > pusarenregiment, unH Rodrigue», Adjutant bei W Verwaltung de» Lagerlazftreth», geleitet durch ein religiöse» ' Sefühl und um ihrem Glaubensgenossen diese Derstümme, l uNg zu ersparen, thaten die nölhigen Schrille und erhiel- : tn von dem Marschall Herzog von Magenta (Mac Mahon), lem rommandirenden Generale, die Befreiung von dieser j Förmlichkeit. Auf Befehl des Marschall» wurde derLeichr am diesen beiden wackern Officieren überwiesen, die in kiesen Verhältnissen den israelitischen Cullus vertraten. Doch ihr, Thätlgkeit beschränkte sich hierauf nicht, i Zank ihrem Einflüsse erhielten , sie von dem Maire von \ Kourmelon, der nächsten Ortschaft bei dem Lager, einen lesonberen, künftig nur für Israeliten bestimmten Raum iuf dem Friedhöfe. Dann ließ Herr Rodrigue» den Leichr am 'in einer besonderen Kammer unserm Ritus gemäß c uf Stroh auf die Erde legen, und er wurde durch zwei i ralitische Soldaten bewacht, unter denen zufällig einer i u» Weißemburg, der sÄevurtSstadt de» armen Verblichenen, t»ar. Wiederum auf die Aufforderung der Herren Compertz l nd Rodrigue» begab sich deb Rabbiner Alexandre au» 1 chalon» am Montag in da»LaA^.und konnte so selbst die religiösen Gebräuche leiten, welche dem Begräbnisse vorder- < Ingen. Dasselbe war von den Militärbehörden auf Dinstag)^ h Uhr nachmittag» , festgesetzt. Um zwei Uhr kamen die Israeliten von Mounnelon an und di« Ceremoni« der! Reinigung fand statt. Um drei Uhr fetzte sich der Leichen» ug in Bewegung, indem ihm vier Trompeter voraus chritten und die vier Ecken de» Leichentuche» von-vier pauptleuten verschiedener Waffen getragen wurden. Auf üese» Tuch harte man die Abzeichen, Waffen und Orden >,» Verstorbenen gelegt.

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