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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 39 (1864) · p. Seite 154

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
39 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
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154 immer eine mißliche Sache. Die vielbeschäftigten Elten» kümmern sich wenig um den Erfolg, wenn sie ihn überhaupt zu deurtheilen vermögen. Kommt der Lehrer pünktlich und erhält monatlich seinen Lohnes» ist es genug. Dadurch erschlaffen die Kinder leicht, noch dazu, nun e- Gegenstände betrifft, die nicht in ihre Schule ein »reifen, und so schleppt sich das Ganze hin. dis der Lehrer abgeht oder di, Eltern glauben, es sei des Guren genug gei chryrn. Um diesem Uedelstande nun zu entgehen und — ich gestehe <6 unter der Hand — die Erfolge meines Unterlid ls, die ich für sehr groß hrelr, glänzen zu lassen, dadurch > Ellern und Kinder für ihn einzunehmen und mir eine^ guten Ruf zu verschaffen, wollte ich eine Art öffentlicher Prüfung veranstalten, meine sämmtlichen Schüler und Schülerinnen dazu vereinigen, die Eltern, ihre Verwandten und Freunde dazu einladen und «nige Gönner christlichen G audens dazu. Mgn wird gestehen, daß dies für einen s edzehnjährigen Jüngling in der damaligen Zeit — es war in .den zwanziger Jahren — kühn und neu war. Id betrieb meine Sache mit Elfer. Dl, Ellern eines meiner Ichülei gaben ihren schonen und geräumigen Salon dazu per und er ward angemessen für die Feierlichkeit geschmückt. Äi« Einladungen geschahen und wurden gern angenommen. Die Stunde kam und die Versammlung war ffattlich. War es in dieser Stadt doch schon eia Ereigniß, daß sich ein Dutzend anständiger und. meist' gebildeter israelitischer Familien zusammen sahen, da sonst jede derselben abgeschlossen "für sich lebte, weil sie mir geringer Ausnahme nach dieser Stadt hergezogen waren. Man fühlte und erkannte durch, baß die Gemeinsamkeit doch vorhanden, angenehm und wichtig sei. "Als nun auch ein Professor und einige Lehrer erschienen, war die'Stimmung eine gehobene. Ich hatte meine ungefähr zwanzig -Zöglinge nach Atter und Kennmissen in zwei Adtheilungrn getrennt, von denen eine nach der andern sehr anständig und in hübscher Kleidung auftrat. Was an Zusammenhang zwischen den einzelnen Zöglingen, da sie getrennt unterrichtet wurden, fehlte, konnte ich leicht ersetzen, da ich jeden, unä sein Maß an Wissen genau kannte. Die Elters, sowie die^ ganze Versammlung, waren höchst überrascht^ als die Kinder nicht allein zur hebräisch lasen und Stücke aus dem Gebelbuche und Pentateuch übersetzten und zpm Theil grammatikalisch erklärten, sondern auch in der israelitischen Geschichte sehr bewandert waren, die Feste und deulung klar und verständlich aufzählr.n, religio geläufig beantworteten u^^schone Schriftsprüche ten. Die meisten mochten sich eingestehen, daß chre Kinder vieles wüßten, was ihnen nie gelehrt worden. Diese Prüfung wechselt» mit passrnden Derlamarionew und auf einer Tafel lagen saubere Prodeschriften und Aufsätze aus. AlS die allgemeine Befriedigung auf aller Gesichtein zu lesen war, bestieg ich eine kleine Rednerbühne, fprad^ju«fft zu den Kindern, belobte und ermunterte sie und rhe^tte einige Prämien aus.. Dann wandte'ich mich an die Ettern, hielt eine aus Jüngling-Herzen geflossene feurige Red« über die Nothwenbigkeit des Religionsunterrichtes und ling dann auf dir Mittel über, durch welche der Einfluß dieses Unterrichtezu sichern sei. Dies sei vorzugsweise -ah Beispiel der Ettern durch die Thar. Ich hob einig« Punkte hervor und hielt mich besonderbei der Wohlthärigkeit duf. Mit einem kühnen Sprunge kam ich auf die armi Familie, ihre B-- Fragen hinzufügfchildecte deren traurige, verzweifln tgsvolle Lagt, wie hier vier Kinder am Rande de- Verderbenständen, der Vater selbst einem wüsten Laster völlig anheim zu fallen drohte und so viele Menschenleben durch eine willige Spende gerettet werden könnten. Es floß mir au-der Seele; ich bediente mich dec kürzesten aber ergreifendsten Darstellung; ich sah T^ränen in Mancher Augen, namentlich der Mütter, glänzen, und nachdem ich mit einigen heißen Gebetworten geschlossen, worin ich erflehte, daß das schöne. Werk des TageS durch eine schone Thar erhöhet werde, winkte ich dem ältesten Mädchen unter meinen Schülerinnen; sie trat vor, sprach einige bezügliche Verse mit bewegter kindlicher Stimme und Thcänea im Auge und ging dann mit einem Körbchen bei den Anwesenden herum, sich eine Gabe zu erbitten. Diese flössen auf's freudigste und reichlichste. Einige, die zufällig mit Gelbe nicht versehen waren, legten Zettel in das Körbchen, auf die sie mit Bleistift ihren Beitrag geschrieben; kurz, als die Sammlung geschlossen war, bestand ihr Betrag in beinah vierzig; Thalrrn. Ich verkündete diese- Resultat mit rief bewegter Stimme und bat den Segen Gottes auf die Versammlung herab. So war mein Vorhaben gänzlich gelungen. Eltern und Kinder hatten einige erhebende und weihevolle Stunden verlebt und der unglücklichen Familie war geholfen. Nichts beglückte mich aber mehr aldie Freude meines Bruders. Oie ganze Sache war ihm verborgen geblieben, bis ich ihn bat, m den Verfammlungsfaal mirzugehen. Seine Liebe zu mir war fo uneigennützig, daß er hieran nicht allein keinen Anstoß nahm, sondern darin die meiste Befriedigung fand, daß ich, bijetzt allein von seinem Rathe geleitet, so etwas nunmehr allein fassen und ausführen könne. Zu feiner Liede gesellte sich nun seine Achtung und dies beglückte mich in unsäglicher Weise. Am selben Tage eilte ich zu dem bewußten Speicher. Zu meiner Befriedigung fand ich den Mann und die j Frau zu Haufe. Und nachdem ich mit wenigen Worten l die Quelle bezeichnet, aus der ich die Hilfe geschöpft, zählte ' ich die blanken Thaler, in die ich die Sammlung gewechselt : hatte, auf dem Tische auf. Die Leute standen wie erstarrt da, aber am meisten erfreute mich der Blick voll Staunens, den das kleine Mädchen auf bas glänzende Silber warf, das in solcher Menge bei einander es bis dahin nicht für möglich gehalten. Ich fügte nun eine kurze Mahnung an den Mann hinzu, daß er an brr göttlichen Vorsehung und ‘ Gnade nicht wieder zweifeln solle, baß er nun wirklich die Gelegenheit habe, dem Gerichte Gottes gegenüber seine Enthaltsamkeit und Pflichttreue zu beweisen und daß , ec vor allem dem Laster des Trünkeentsagen müsse, j An heißen Versicherungen und Schwüren, an Thcänen; und Danksagungen fehlte es nicht, doch entzog ich mich; ihnen bald.- 1 Fünf Jahre später war ich in der stattlichen Gemeinde K. als Prediger und-Religionslehrer angestellt. Ich organiftrte «ine ordentliche Religionsschule. Als ich die Kinder für die verschiedenen Classen prüfte, kam mir unerwartet, denn ich harte jene Geschichte in G. längst vergessen, auch die Frau Wolf mit ihren Kindern in da- Schulzimmer. Wir erkannten uns wohl, aber in Gegenwart de- Schulvorstandewurde nichtauder Vergangenheit berührt. Die Kleidung der Frau und der Kinder zeugten von dauern-

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