Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 35 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1S8 Kria« schema leinen, was sie haben gekriegt auf der Ssude? Haben sie gesagt: „Wißt ihr nit, ein schon C »alechen (Stritzel) haben wir gekriegt, ein Chalechen mil R^schmkeS (Rosinen). Es thul mir leib, den Maggid hier zu unterbrechen; aber de« näheren Verständnisses wegen muß ich deni.geneigten Leser mit einer Sitte, die auch noch heute in manchen Gegenden Keimisch ist, bekannt machen. Die Schuljugend begibt sich nämlich — wo ein Behelfer (Hilfslehrer) ist, mir diesem — täglich in der Abendstunde ins Haus der Wöchnerin, um dort Krias schema zu leinen (A5 ndgedet zu verrichten) zum Schutze des Neugeborenen. Diez 4reibt sie bis einen Tag vor der Ssude, wo sie gewöhn ach als Belohung für ihre frommen Dienste ein solches C »alechen (Stritzel) mtt oder ohne „Roschinkes" erhält. Nui wollen wir den Maggid weiter reden lassen:! „Nu hat Kiwe angebacken Chalechen übe^ C »alechen und hat damit den Tisch vollgelegt. Könnt i »r euch moscheln (vorstellen), wie die Gast' sind gekomi en zur Slube, was es har sich gethan für Gelachter; ich sag' euch, eS hat sich gethan Zockten über Zöchten «S -war ununterbrochene Heiterkeit). „Nun — so fuhr :r nach einer kleinen Pause, Loks» mit der langen Pfe f' halb! ernst halb freundlich andlickend, fort — ,.nu bin ich doch schon in der hiesigen Khille (Gemeinde) etwelche Wochon und Hab' schon gesazf fo'gul Cbarifes (Schärft »>ü-rs) wie Mosch olim (Gleichnisse) .genug, ein'e .wie'S andere — ihr aber, seid manche! (verzeiht), eid kein richtiger Schulgeber, habt auch nur gefragt Leit, was nur haben gehört meine Moscholim, und rir mein Ckarifeß.^—- Der gute Loksch fühlte sich durch das vok »«brachte Moschel nickt im mindesten ^gekränkt; er fiel im Gegerttheil in ein schallendes, herzliches Gelachter au«, druckte dem Maggid kräftig die Hand und verging sich sogar, so weit, ihm reckt freundschaftlich auf die Schultern zu klipfen als Zeichen s«ineS Beifalls über bas so rasche Finlen eines passendes Moschel«. Und als der Maggid, im l aufe der Unterhaltung immer mehr Witz und Geistesfunken frühere, da rief der gute Loksch einmal voller Begeisterung aus: „Rebbe, wenn wir euch in unserer Khille (Gemeind ) haben, ihr mögt mir'« glauben, ich war ein ganz fleißig c Schulgeker und ich sag' euck, bei mir soll't lbr 's $ ol; für s ganze Jabr frei baden." — Das war ein Wort, ein schön Wort für den Maggid, aber nickt so für den Row der Kbille, der bei dieser „Lokschen Bemerkung" wie ccfteiners dasaß. Die beiden, der Row und der Chasan, nahmen überhaupt an der Unterhaltung keinen regen Anteil. Sie saßen da und ließen hin und wieder einen Brock n fallen, wobei der Chasan den Maggid gewöhnlich etwa« unheimlich anzugrinfen pflegte, wahrend der gelassene Lkew ihn, den Maggid, kaum eines Blickes zu würdigen fc iren. Wo zwei Rabbanim zui'ammentreff.n, so wc r und so ist es heute noch, da wird gesprochen von Tbaur (Gotte- Wort >, und wenn nicht gerade hievon, so -och v in diesem und jenem, worüber Collegen sich gewöhnlich zu unterhal«. ten pflegen; kurz, Collegen, und hierzu noch geleh ke, finden immer Stoffs genug zu einer gemüthlichen Unt. rhaltung. Darum muß es uns wirklich Wunder nehmen, warum der einheimische Row dem Fremden immer auSk'ich, sich um ihn kaum bekümmerte, zumal er doch, wie es schien, in dei/^Loraussetzung, den Maggid dorr zu treffen, dahin gekommen war. Es 'läßt sich zwar mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß der einheimische Rabbi daallgemeine Lob und die Ehrenbezeugungen, welche dem Frommen in der Gemeinde von allen Seiten gespendet wurden, nicht mit ruhigem Gemürhe ertragen konnte, ja daß er sogar — denn ein Row ist ja auch nur ein Mensch — es mit schelen Augen ansah, wie die heutige vortreffliche Bewirthung, deren Veranlassung ec doch nicht kannte, eine Bewirrhung, wie man sie von dem Arendator nicht gewöhnt war, hauptsächlich dem Maggid galt — daalle« vorausgesetzt, so war das Benehmen Red Leibche Schauls dem Fremden gegenüber in keiner Weise zu rechtfertigen. Wozu aber hatte er sich in die Gesellschaft des Maggids begeden? Wie es uns, ohne ihm irgendwie nahe zu treten, scheinen will, zu einem recht erbärmlichen Zweck; denn hin und wieder sah man ihn zu seinem guten Freunde, dem Cbasan, hknüderzwinkern, und wer zufällig hinter dem Tische gtwesen wäre, der hätte auch leicht bemerken können, wie er seiner stummen Rede durch freundschaftliche Fußtritte, die er dem Cdasan hpchst eigenfüßig applicirte, Nachdruck zu verleihen suchte. Wir wollens nur bald verrathen, diese beiden hatten heut eine starke Demülhigung des großen Maggid« beschlossen, deren Ausführung dem Chasan oblag. Wir haben dis jetzt immer nur von Chemje, dem Chasan u. s. w. gesprochen und das ist richtig, insofern wir in seinen gegenwärtigen Eigenschaften von ihm sprachen; aber eigentlich hieß er Chemje Cham Chnkels Baß oder kurzweg Chemje Baß. Cham Cheikel war nämlich ein reisender Chasan, der mit mehreren Meschorrcrim (Mitwirkenden) alle Städte- und Länder besuchte und die Gemeinden durch die musterhaften und mustergilligen Nigunim (Melodien), ausgeführt von ibm, dem Baß, dem Tenor, dem Singer und dein Fistel, mit dem höchsten Kol (Stimme) zubeglücken und zu erquicken pflegte. Chemje also, wie gesagt, war sein alter treudewährter Baß, der immer sein kräftiges grunzendes Bimberimbam, Buuuberaduu durch die Sckul erschallen ließ, also daß sich Chemje als Baß, wie Cbam Cheikel als Ckasan in der Weit einen berühmten Namen machte. Aber es scheint eine naturhistorische 'Wahrheit zu sein, daß ein recht tüchtiger Baß _ (wir reden hier von der »Uten Zeit), der es hauptsächlich mit den mehr einem Grunzen ähnlichen Klängen zu ttmn halte, es nie und nimmer zu einem nur einigermaßen vernünftigen Chasan brachte. Es soll dies wahrscheinlich als gerechte Strafe für die Herabwürdigung der eigenen menschlichen Würde gellen, die den Baß nie einen Cdasan, sondern hö'ckstens, wenn ick mich so auSdrücken darf, einen Baßchasan oder Chasanbaß sein laßt. Und warum gerade Chemje die Ausnahme von der Regel sein sollte, laßt sich mir guten Gründen nicht «insehen. Inwiefern die nähere Bekanntschaft mit dem Baßchasan für den Leser von Interesse sein kann, wird er spater erfahren. Jetzt aber wollen wir in unserer Erzählung weitergehen. Wir blieben, entsinne ich mich reckt, bei den gnädigen Fußtritten. Chemje verstand sehr wohl jene Hand¬ oder besser fußgreifliche Sprach«; aber er war als gereister Narr' doch mehr Chochom (klüger, als der einheimische kluge Row. Er wollte nicht mir der Thür in- Hau» fallen, sondern wartete hübsch die Gelegenheit, wo er die Zuhörer auf seiner Seit« glaubte, ad und nachdem er vor»