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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 31 (1864) · p. Seite 123

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
31 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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Früher uuD Jetzt. Bilder au« Erfurts Vergangenheit und Gegenwart. III. Von Dr. A. Jaraczewsky, Prediger. Oie Geschichte der Juden Erfurts ragt bis inS achte Jahrhundert und vielleicht in noch frühere Jahrhunderte hinauf. Wenigstens soll Bonifaziu» nach alten Chroniken am Anfang deS achten Jahrhundert» — 719 — hier schon Juden vorgefundcn haben. Karl der Große, der Regent, weicher mit dem Schwerte in der Hand die Lotter besiegle und mir seinem großen Geiste und mit seiner Weisheit und Tugend feine Völker, unter diesen auch die von ihm 783 besiegten Thüringer, beglückte, wußte bald die physischen und geographischen Vorzüge Erfurt» zu schätzen. Er suchte daher den Ackerbau zu fördern und den Handel zu beleben und erhob, um bitsen letzrern Zweck zu erreichen, den Orr;u einer Staprlstadt. (Karl sagt: „de »egotialoribus, quo usque procedere delieanl“ — hierin liegt der Stapel — und: „id esi parlibus Saxoniae usque ad, Bar* tenwik“ ic.) Dieser große Regent, welcher die Kräfte der Juden bei den wichtigsten SraarSgeschäften zu verwerthen wußte, bediente sich auch hier alS HedelS zur Hebung deS Handels juip großen Theile der Juden. Dadurch ward Erfurt zu tinem nie geahnten Flor erhoben und ganz Thüringen ward auf seinen Mittelpunkt hingedrängt. Mehrere Jahrhunderte scheinen hier die Juden in Ruhe und Frie» den gelebt zu haben. Erst im Jahre 1221 sollen 86 Juden von Frieden und Niederländern, welche letztere sich hier niedergelassen hatten, ermordet worden sein. Wahrscheinlich hatten die Juden die andern an Kunstsinn und Gewerdfleiß überflügelt gehabt und scheint dieser Mord ein Ausfluß deS Neides gewesen zu sein. Ob der Erzbischof Siegfried II., unter dessen Regierung dieser Borfall sich ereignete, die Mörder nach Gebühr bestraft, oder ob der Jude damals schon kein Recht halte und vogrlftei war, darüber lassen uns die Chronisten im unklaren. Höher schätzte die Juden der Erzbischof Werner, ein geborener Graf v. Falkenstein, der 1260 an die Regierung kam und 1283 starb. Wenigsten» scheint ihr Geld den Kirchenfürsten gar mächtig angezogen zu haben, denn wie er ihnen für diese» einen Schutzbrief auSstellte, also maßte er sich uni diese» die Jurisdiction über sie an. Aber außer diesem geistlichen Herrn mußten die Juden noch zweien andern Herren dienen, dem Rache und dem Kaiser. Obwohl der letztere als ReichSoberhaupt die Hoheit auch über die Juden für sich in Anspruch nahm, maßten sich doch die beiden erstern die Herrschaft über die Juden, richtiger über brr Juden Geld und Gut, an. Die Armen vefanden sich nun zwischen drei Feuern, und da sie e» mit keinem verderben wollten noch konnten, so mußten sie an alle drei Herren contriduiren. Der Erzbischof bekam jährlich 100 Mark Silber für seinen Schutzbrief. Außerdem mußten für jede Leiche 30 Pfennige an den „Mainzerhof" entrichtet werden. Auch der Rarh hatte feine bestimmten Gebühren. Dafür hatte auch er ihnen Schutz verheißen und ihnen schon früher einen Platz für die „Judenschule" und endlich vor dem Moritzthore einen Raum zum Gottesacker angewiesen; dieser Platz heißt jetzt noch der „Judenkirchhof." Bor etwa 15 Jahren fand ein Umbau der Festung statt und sollen 123 --K- 1 Hürde! I«m, 4 richten halten mit d« hervor Handel ja baß stigte. daß furter Juden der sittlich Preußen mehrere 20 jüd. Lrichensteiae aufgefuaden worden >ie nach der Versicherung de» hochverehrter, Professor Dr. Uiigcr di» m da- 0. Jahrhundert hinaufrage, t. Leider ist ke,n einziger mehr davon erhalten, denn e» ist nit ihnen, wie nit andern Älterchümern Erfurt», mit fast beispiellosem VaadaliSmut verfahren. E» sind bi« Straßen damit gepflastert, wie! noch deutliche Spuren zeigen, und ein Theil soll vermauert worben sein. Geblühet muß die jüdische Gemeinde damal» schon haben, denn wir sehen die jüdischen Einwohner: den Töpfermarkt, die Milchgasse, einen Theil dir Kcämerdrücke, die Krautgasse dian die Kraut lege, die Waage, einen Theil der Mjchaeli-straße bis ider die LehmännSbrücke ausschließlich innehaben. Hier Hand ein Hau», der „Judenzoll", welche» so hieß, weil ie hier dem Kaiser auf Weihnachten den Judenzoll entrichten mußten. Unter den Stufen beim Mühlhofe hallen sie ihr Spiral. Auch desaßen sie ein sehr schöne» Bad, „Balneum Judeoriim“, und endlich sollen sie noch im Besitze mehrerer Gemeindehäuser gewesen sein, von denen der Ruh ein Pfufld Goldeerhielt. Endlich hauen sie 4 eige re Fleischbänke. Ihre Synagoge soll nach d.m einstimm gen Urtheil alter Urkunden sehr alt und überaus prächtig gewesen sein. Ebenso soll sie nach denselben Nach« ei viele Merkwürdigkeiten und herrliche Kleinodien enthaben. — Wie wenig ernst e» aber der Rarh m verheißenen Schutze der Juden meinte, gehr darau» daß sie im Jahre 1266 unter seinen Augen mißwurden, ohne daß er ihnen zu Hilfe gekommen, er durch sein passives Verhalten die Emeut« degün- Zur größten Ehre gereicht r» daher dem Erzbischof, sich der Bedrängten wacker annahm und die Erso lange in den Bann that, bi» sie ihm und den gerecht wurden. So hat Gotte- Auge über un» gewacht? Und jetzt? Ewohnen Israeliten in Erfurt, iin Vollbesitz i »rer bürgerlichen Rechte, ohne de» besonder» Schutze» w ltlich.a oder kirchlichen Behörde zu bedürfen. Der reine und rechtschaffene Lebenswandel, welcher alle vor dem Gesttze schützt, gibt auch den jüdischen Preußin Schutz. Wenigsten» in diesem Punkte sind „alle Preußin vor dem Gesetze gleich." Die öffentliche Meinung, ein mc chtige» Gesetz, fragt nicht mehr nach Glauben und sondern lobt unparteiisch die Tugend, wo und in Gestalt sie auch zu finden. Diese» Lob äußert sich ungeheuchelten Hochachtung, welcher sich ein großer unserer Gemeinde-Mitglieder von seiten unserer Stand welcher in der Theil christlil»«n Mitbürger zu erfreuen hat. Darin finde ich da» de te lestimoniurn worum für unser« Gemeind«. Da» Hau» zum „Judenzoll" ist vom Sturme der Zeiten verweht und nur au» vergilbten Urkunden wissen wir von seiner Existenz und dem Ort, wo es gestanden. Ist aber jener raurige Standpunkt überwunden — einen Zoll gibt dr erfurter Jude heut« noch gern: es-ist der Liede Zoll. Wo e» gilt, den Bedrängten beizustehen — da ist er, der einst Bedrängte, zuerst auf dem Platze. Und gilt e», da, wahrhaft Große und Patriotische zu fördern, da wird «l gewiß gern feien „Zoll" vollauf entrichten. Diesen, aber n er diesen Zoll wollen wir erfurter Juden auch in Zutuns gern entrichten, und. theiler Ihr gewiß unsere Ansicht, g liebt« Brüder in Israel!

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