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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 29 (1864) · p. Seite 114

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
29 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 werfen mußten. Die höheren Classen waren von der Pest der römischen Willenlosigkeit und von den Lastern, die in deren Gefolge waren, nicht unvergiflel geblieben. Dagegen erstanden in den unlern Dolksclassen Freischaacen, die sich in den Gebirgen aufhielren und über die Römer und die jüdischen Anhänger der Römer Hersielen, wo sie nur konnten. Und neben diesen bildere sich eine Bande, welche audem Blutvergießen ein Handwerk machte, von ihren kurzen Dolchen S-icarier genannt wurde und bald auch für Geld Meuchelmorde verübte. Der Zustand war nach, allen Seiten hin so schrecklich, daß z. B. das SühNopfec für einen unbekannten Mord und die Ceremostie bei einem verdächtigen Eheweide der Häufigkeit wegen > aufgehoben werden mußten. Endlich wurden unter dem Landpfleger. Florus die Dinge unerträglich, der Aufstand begann und Florus zog mit dem größten Theil seiner Truppen von Jerusalem ad. Jetzt wurde, die Spaltung unter den Juden offenkundig. Die Einwohner Jerusalems selbst zerfielen in eine ^Liderftandsr und eine FriebenSpartei. Jene bestand ar^S dem 'jungen, kräftigen Geschlecht, welches dis zum Tode kämpfen wollte, auf die Hilfe Gottes dauere und Beistand auS Parrhien erwartete; an ihrer Spitze stand Eleafar^ Die Friedenspartti dagegen umfaßte die Hilleiiten, die grundsätzlich den Krieg verabscheuten, die Vornehmen und Rüchen. Sie wollten den Florus entfernt haben, aber den Römern unterwürfig bleiben; an ihrer Spitze stand der König Agrippa. Beide Parteien rangen mir einander, das Volk auf ihrf Seite zu bringen, und bald wäre es Agrippa gelungen, wfnn er nur nicht verlangt hätte, dem Florus dis zu dessqn Abberufung zu gehorchen. Der Zelotenfüdrer Eleasar i bekam die diensithuenden Priester in seine Gewalt und ließ sie das tägliche Opfer für den römischen Kaiser einstelleü, wodurch der Bruch mir Rom vollendet war. Die Fnedenspacrei dagegen dar Agrippa um Truppen, und alp. dies« 3000 Mann stark ankamen, entstand ein siederftägiger Kampf, bis die Zeloten die Friedlichgesinnten vom Tempel ausschlossen und die Volksmenge gewannen. Dennoch würde der Ausgang zweifelhaft gewesen fein, wen» nicht die Zeloten die Sicarierbande herangezogen hätten. Man ließ die jüdischen Truppen abziehen, dir Römer wurden gerödtet. Gleich nach diesem Siege trat der Gegensatz zwischen den patriotischen Zeloten und den räubtrischen Sieariern deutlich hervor. Die letzteren begingen die scheußlichsten Unmenschlichkeiten und es kam zu einem Kampfe, in welchem die Sicacier besiegt und zum großen Theile niebergehauen wurden. Dies waren die traurigen Vorspiele zttm großen Römerkampfe. (66 nach der gew. Zeitr.) (Forts, folgt]) Die drei preußischen Abgeordneten jüdischen Glaubens. In einem in Sao-Francisco jetzt erscheinenden Blatte „Th« Hebrew“ finden wir eine Correspondenz auS Berlin, welche in interessanter Weise die drei Männer, welche gegenwärtig im preußischen Abgeordneteahause sitzen und unsre Glaubensgenossen sind, in ihrer Persönlichkeit schildert, und auS der wir daher Folgendes entnehmen. „Möge es einem Eorrespondenren, der die ebenso wechselvöllen wie welthistorischen Erlebnisse der jüngsten Landlagsseffionen aus nächster Anschauung kennt und gewissermaßen selbst ducchgekoster und milgemacht hat, vergönnt sein, über die parlamentarische Thätigkeir dieser drei Erwählten einiges Nähere zu, sagen. — UÜir sprechen von dem Aellesten, sowohl von Jahren wie ia^seiner Eigenschaft als Volksvertreter, dem Ein med. Kosch aus Königsberg, zuerst. Man sieht eS diesem Manne mir den schon sehr inS Grau spielenden Haaren und dem schwarzen Sammetkäppchen darauf, welches ec auch in den Sitzungen nicht ablegt (er theilt übrigens diese Vergünstigung noch mit einigen katholischen Geistlichen), mit gutmüthigem Gesicht und den Zügen eines biederen, treuherzigen Familienvater-, durchaus nicht an, welche politische Stürme er schon mitgttnacht und welchen rhätigen Antheil er daran genommen. Nur wenn vor Beginn und während der Sitzung zu ihm, als zu einem der Erfahrensten rm parlamentarischen Leben, von allen Seilen die jungen, noch ungeschullen Mitglieder gelaufen kommen, um sich bei chm Rath zu holen, oder wenn ec miö seinen Nachbarn, Waldeck, Schulze-Delitzsch und Twesten, politische Tagesfragen diScutirr, wird er lebhaft und seine Züge und Gesticulationen nehmen die eifrige Beweglichkeit an, welche die innerste Theilnahme an allem was im Hause vorgeht kundgidt. Trotzdem Kosch einen lebendigen und rief eindringenden Vortrag hat — so erinnere ich mich B. einer fast l1/* ständigen, ausgezeichneten Rede, die er in. der vorletzten Session hielt, bei Gelegenheit der Petition des Oderrabiners Sutcow in Münster um Aufhebung der noch bestehenden politischen und socialen Beschränkungen des Jodenthums, und die einen «claranten Beschluß des Hauses zu Gunsten der Petition zur Folge hatte, — so nimmt er doch an den längeren Debatten nur selten Antheil^nd sein Name fehlt daher gewöhnlich auf der Rednerliste. Dagegen ist seine Thätigkeir an den Commissionen von hervorragender Bedeutung. Er wurde während der drei jüngsten Sessionen regelmäßig zum Vorsitzenden der Peritionscommission und zugleich zum stellvertretenden Vorsitzenden der Geschäftsordnungscommission gewählt, eine Ehre, wonach die bedeutendsten Häupter der ulrramamonen sowohl als der conservativen Partei, so speziell die beiden Reichenscherger und der Minister a. D. von der Heydt, vergebens schmachteten. Das direcke Gegentheil in seiner äußeren Erscheinung bildet der zweite der jüdischen Abgeordneten, der Commerzienrath Leonor Reichenheim. Das feste, sicher« Auftreten, der schnelle Gang und die kerzengerade Haltung verleihen seinem Wesen etwas ungemein Bestimmtes, während die leichte Beweglichkeit seiner Gesichtszüge alle- Pathetische und Affectirt-würdevolle ausschließr. Seine Erscheinung ist die eines gewiegten Geschäftsmannes, der die Sachlage mit hellem Verstände, mit klarem Blick überschaut und sich daher, wenn er zu einer Handlung schreitet, ganz auf sich und seine Berechnung verlassen kan». Reichenheim spricht gern und oft; doch niemals sehr lange. Er hält daher auch keine ausgeardeiteren Borträge und überläßt die ermüdenden weitläufigen politischen Debatten auf der Tribüne gern seinen Freunden, namenrltch dm drei Professoren deS HauseS, Sybel, Gneiß und Virchow. Aber wenn es gilt, schwierige und verwickelte Fragen, namentlich im Finanz-

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