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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 26 (1864) · p. Seite 102

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
26 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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102 die Stelle treten, die deinem Gemüthe und Heschr,ackr mehr zusagen, nur aber laß die Gebächtnißfeier selbst licht schwinden. Denn meinst du, daß dieser Trauertag, wenn du.' ihq begehst, dir nichtzu sagen habe als die Erinnerung att jene Schreckenszeiten? Daß sie dir keine weitere Leh« zu geben habe als die Vergänglichkeit jedeirdischen Benan» de«? Nein, ihr wohnt noch eine lebendige Einwirkung auf unalle ein; in ihrem Schoße wohnt noch ein« Mahnung, «ine schreckhafte Verwarnung für uns, die! wir wohl beachten müssen, di« nicht unberücksichtigt an unS vorüvergehen darf. Wir wissen eja, daß in der Gesä ichte der Völker kein blinder Aufall herrscht, daß in ihr die göttliche Vergeltung waltet, daß im großen und ganze» die Nationen und Staaten das Schicksal, welchesie erreicht, immer verdient haben und Größe und Sturz, Fülle, un» Elend ihre Ursachen im Thun und Handeln der Völker selbst finden. Wohl, forschen wir nach den Ursachen, Welche da- Unglück Jerusalem«, den Sturz unsere- Volkes die Vernichtung unsere« Heiligkhum« zur Folge batten: so bestanden diese nicht sowohl in der materiellen Schwäche, den kolossalen Kräften de« EhaldLer- und de« Rchnerß gegenüber, denn die unermeßlich« Energie unserer Ntttio» konnte ihnen da- Gegengewicht halten, und daß der freie Mann die Sklavenscharen überwand, und waren diese * noch so zahlreich, davon gibt die Geschichte oftmaliges Zeugniß und schon Mose« ruft aus: „Wie doch könnt' Einer Tausend verfolgen, Zween Myriaden jagen, wenn nicht, weil ihr Fels sie verkauft, der Ewige sie prei-gegeven!" Vielmehr befragen wir die Urkunden unsre« Volke«, stelle« wir unparteiisch ihre Berichte uns zusammen, so wird es unverkennbar, baß die wesentliche Ursache unseres Untergänge« in den Parteiungen und Sval» tungen, in dem blutigen Hader, in bengehäs« sigen Kämpfer, bestand, welchen unsre Väter sich hingegeden und von benen sie selbst unter dem Mordschwert des Feindes nicht ad^isßen. Diese waren es, welche lange vor der Katastrophe di« Kräfte unsere« Volke« geschwächt und noch mitten in diestr die Nerven unsere« Widerstandedurchschnitten. So Ist es diese Erfahrung, diese zweifellose Uederzeugung, welch« sich warnend vor un« aufrichtet, welche au« der dunkeln Halle, aus dem adgenommenen Vorhang der Lade, au« den Klagelredern Jirmejah'S mahnend und warnend zu un« spricht. Werfen wir einen prüfenden Blick darauf. (Forts, folgt.) Zwei Polen vor Gericht in Wien. (Presse.) Bor dem Richter standen. dieser Tage zwei Polen; Männer, deren Namen freilich nicht so slavisch klingen wie jene ihrex Landsleute in Lelewells A»- nalen; der eine nannte sich Simch« Diamant, der zweit« MarcuS Gold de rg. Hören wir, was Simc Diamant, der Kläger, gegen seinen Landsmann vorbriaz Lebhaft mit den Händen gesticulirend, dabei seinen klein^ Körper nach allen Weltgegendea hinbewegend, beginnt in dem elafsisch polnisch-jüdisch,deutschen Dialekt:! H« kaiserlicher Rath! Am 15. Mai geh' ich bei der ßnu Josephs-Kaserne vorüber, da packt mich Marcu« Goldberg. Ich denk mir, daß er nichts Gutes will, und weich' ihm aus. Aber nein! Er gibt nicht Ruh' und geht mir nach diauf den Salzgrie«! Da hebt er in die Höhe feinen Stock, und vor der ganzen Gasse mit Augenzeugen schlägt er mir ins Gesicht mit dem Stock. Jämmerlich bin ich zerschlagen. Doch nicht allein mein Gesicht, auch meinen neuen Cylinder — der mich hat gekostet fünf Gulden österreichischer Währung — schlagt er mir vom Kopf, so daß ich vierzehn Tag' nicht Hab' können ausgehen. Aber nicht genug mit dem Gesicht und dem Cylinder, er hat sich noch gemacht besonder« strafbar dadurch, daß er mir, einem guten österreichischen Unterthan, der da wohnt mitten unter Polen in Lemberg, aufgebracht hat, ich sei ein Denunciant, ein Verräther! Er hat mir aufgebracht, daß auf meine Anzeige den Polen confiscirt ist worden viel Munition und baß ich Hab' den eigenen Cousin de- Goldberg überliefert in die Hände der Justiz. Und was ist noch am schrecklichsten! Er bat mir gedroht, er werde machen die Anzeige an die geheime National-Regierung, und ich werbe verurtheilt werden — zum — Tode. Ja, er har noch gesagt, baß er werde bekannt geben meinen Aufenthalt und meine Wohnung der National-Regierung, und wenn eihn auch kosten sollte Geld. Ich bin mir bewußt keiner unehrenhaften Handlung und da« ist also eine fttrchtdare Verleumdung, weil er mir hat zur Last gelegt eine Störung der öffentlichen Ruhe! — Also sprach Simche Diamant. Kürzer faßte sich Marcus Goldberg. Was er nicht leugnen konnte, den Gebrauch des Stocke- und die Beschädigung deneuen Cylinder-, bas gab er zu; aber er wehrte sich dagegen, baß man ihm den Vorwurf eine- „Verräther«" an der national-polnischen Sache als strafbar anrechne. Er bemerkte sophistisch, in dem Worte „Verräther" lieg, diesmal, mit Rücksicht auf den Standpunkt und die politischen Begriffe des Klägers als guten österreichischen Unrerthans, durchaus keine Ehrendeleidigung, vielmehr sei eine Ehrenbezeigung, ein Compliment darin zu suchen. Allein Marcus Goldberg calculirte nicht richtig. Der Richter versuchte, ehe er zur Fällung des Urtheils schritt, noch eine Aussöhnung zu ermöglichen und er befragte Diamant, ob er nicht von seiner Klage abstehm wolle. Oer Gefragte gab zur Antwort: Wenn Goldberg 100 fl. zahlt zu irgend «inem Wohlthätigkeitsfonds, so steh'ich ad. — Was? ruft Goldberg — ich soll zahlen 100 fl.? Zehn Golden will ich geben, mehr kann ich nicht rhun. — „Und für zehn Gulden rhu' ichwieder nicht, daist zu wenig!" replicirt Diamant — „Ist mir auch Recht, mehr ged' ich nicht," lautet da« Ultimatum Goldberg'«. „Lieder laß' ich mich verurtheilen." Aber er profitirte wmig, der Herr Goldberg. Der Richter, da dir Versöhnung ihm unmöglich geworden, verurtheilt« ihn in der Thal zu einer Geldstrafe von 100 fl., eventuell zu 20 Tagen Arrest. Oer Richter erkannte, daß, wmn auch in dem Vorwurf« „Verräther an der polnischen Sache" vom Standpunkte deloyalen österreichischen Staatsbürgers keine Beschimpfung gefunden werden könne, edoch in der offenbaren Absicht de- Angeklagten gewesen sei, den Diamant in der öffentlichen Meinung verächtlich zu machen und

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